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Martin Keulertz Wassermangel in Nahost: "Im Irak bahnt sich ein Hydrozid an"

Ausgetrocknetes Feld im Irak, im Juni 2021
Ausgetrocknetes Feld im Irak, im Juni 2021
© AHMAD AL-RUBAYE / AFP
Der Klimawandel ist nicht allein schuld am Wassermangel, sagt Martin Keulertz, Dozent für Wassermanagement und Ernährungssicherheit an der American University in Beirut. Um Wasser zu sparen, müssen nicht nur die Menschen in trockenen Gebieten umdenken – sondern auch wir.

Herr Keulertz, Äthiopiens Mega-Staudamm, der Grand Ethiopian Renaissance Dam, sorgt für Konflikte mit den Nachbarländern. Ägypten drohte unterschwellig sogar mit dem Einsatz seines Militärs. Werden wir bald Kriege ums Wasser erleben, wie es u.a. Boutros Boutros Ghali bereits in den 1980ern prognostiziert hat?

 Aus wissenschaftlicher Perspektive ist die Wasserkriegs-Theorie nicht haltbar. Sie hat sich in der Realität bislang weltweit nicht bewahrheitet. Denn Wasser ist auch eine Ressource, über die Staaten gut miteinander verhandeln können. Das geschieht beispielsweise auch im Nilbecken. Anders ist es mit lokalen Konflikten. Spannungen zwischen Ethnien oder religiösen Gruppen, die vielleicht schon seit Jahren gären, werden durch den Wassermangel verschärft.

Also sind die martialischen Worte Ägyptens in erster Linie eine innenpolitisch motivierte Reaktion auf das Bauwerk im Nachbarland?  

Martin Keulertz, Dozent an der American University in Beirut
Martin Keulertz, Dozent an der American University in Beirut
© privat

Die Kriegs-Rhetorik hat in Ägypten bereits Ende der Siebziger Jahre begonnen und wurde dann vielfach aufgegriffen. Der äthiopische Damm findet jetzt viel Beachtung, aber wurde schon in den Achtziger Jahren geplant. Es wird circa noch fünf bis sieben Jahre dauern, bis er befüllt ist. In der Zwischenzeit bekommt Ägypten möglicherweise weniger Wasser. Allerdings übernutzen die Ägypter ihren Anteil am Nil, der ihnen über die Kolonialverträge zugeschrieben wurde, seit Jahrzehnten, während die anderen Anrainerstaaten ihren Anteil niemals gänzlich beansprucht haben. Das hat sich geändert, weil die Bevölkerung in den Ländern stark wächst und die verschiedenen Interessen nun miteinander ausgehandelt werden müssen.  Die entscheidende Frage ist, wie diese Menschen ernährt werden, denn der Nil ist das einzige Wassereinzugsgebiet, das man dort hat.

Welche Möglichkeiten gibt es, um das Wasser besser zu verteilen?

In Ägypten gibt es kaum Niederschlag und das Grundwasser ist fossil, also endlich. Das Wasser, das man hat, muss daher klug genutzt werden und darf nicht wie bisher in der Landwirtschaft versickern. Das Problem sind dabei nicht die Kleinbauern, sondern die Agrarexporteure, die den Großteil verbrauchen. Dieser Wassermangel ist zum Teil hausgemacht. Korruption und politischer Einfluss spielen in diesem Sektor eine erhebliche Rolle. Aber auch die Nachfrage. Man muss sich vor Augen führen, dass ein wasserarmes Land wie Ägypten für unsere Supermärkte Trauben produziert. Nachhaltig ist das nicht.

Wir produzieren auf der Welt ausreichend Lebensmittel

Aber profitabel?

Europa ist gerade dabei, sich seine Lieferketten genauer anzuschauen. Wasserverbrauch ist in dem Zusammenhang auf jeden Fall ein Aspekt, der mehr Beachtung verdient.

Das heißt, wenn die Übernutzung durch die Agrarindustrie wegfiele, käme ein Land wie Ägypten trotz Klimawandel und Trockenheit ganz gut klar?

Wasserunsichere Länder können mit verschiedenen Maßnahmen stabilisiert werden. Erstens: Eine reduzierte, an klimatische Bedingungen angepasste Landwirtschaft. Eine Pflanze wie Weizen ist z.B. für die Region völlig ungeeignet. Heimische Zerealien, wie Sorghum, Linsen und andere Hülsenfrüchte, schonen den Boden und sparen Wasser. Zudem braucht es Investitionen in wassersparende Agrarinnovationen, wie z.B. pflanzliche Fleischimitate, Hydroponik aber auch besseres Weidelandmanagement. Zweitens: Strategischer Nahrungsmittelimport. Wir produzieren auf der Welt insgesamt eigentlich ausreichend Lebensmittel, um Regionen wie den Nahen Osten mit Produkten zu versorgen, die sie aufgrund des hohen Wasserverbrauchs nicht selber herstellen sollten. Die Ägypter wissen das auch, bereits seit den 1960er Jahren importieren sie Weizen. Früher aus den USA. Heute aus Russland. Dank seiner reichen Ressourcen ist die Versorgung auch in Zukunft problemlos möglich; deshalb wird Russlands für die Ernährungssicherung im Nahen Osten immer wichtiger. Drittens: Langfristig müssen die Länder ihre Volkswirtschaften diversifizieren – weg von der Agrarwirtschaft, hin zu einer stärkeren Industrialisierung. Viele Dinge, die wir heute aus China beziehen, könnten auch im Nahen Osten produziert werden. Wenn wir also verhindern wollen, dass sich die Wasserkrise weiter zuspitzt, sollten wir die Länder dabei unterstützen, starke Ausbildungssysteme aufzubauen. Das wäre letztlich auch eine Chance für Europa, wenn es darum geht, neben China und Russland in der Region wieder an Bedeutung zu gewinnen.

Im Irak droht ein Hydrozid

Zwischenstaatliche Kriege um Wasser gibt es bisher nicht – aber im Juli kam es aufgrund von Wasserknappheit und Dürre erneut zu blutigen Protesten im Iran; in Syrien und im Irak erlebten die Menschen die schlimmste Trockenheit seit Jahrzehnten, über Monate hatten die Bewohner kaum Zugang zu Trinkwasser. Ist es nicht eine Frage der Zeit, bis das eskaliert?

Die Lage am Euphrat und Tigris Becken ist dramatisch und wird durch steigende Temperaturen und extreme Dürre verschärft. Am stärksten betroffen ist seit Jahren Basra, südlich der irakischen Hauptstadt Bagdad. Die Stadt trocknet regelrecht aus, sie vermüllt, die Versorgung bricht zusammen – im Irak bahnt sich ein Hydrozid an, und es ist nicht auszuschließen, dass wir im Iran ähnliches erleben.

Kann man etwas gegen die zunehmende Dürre dort tun oder ist das gewissermaßen geographisches Pech?

Das Pech ist, wenn man so will, dass die Wasserknappheit dort nur ein Glied in einer ganzen Kette von Krisen und Konflikten ist. Der Klimawandel fungiert sicher als Verstärker, aber es greift zu kurz, die Wassernot darauf zurückzuführen. Der Irak-Krieg war auch ökologisch ein Desaster, heute ist der Irak ein Failed State mit schwacher Regierung und armer Bevölkerung. Hinzu kommt, dass die Wasserversorgung in von Trockenheit geprägten Ländern immer politisch ist. Das führt zu kurzfristig greifenden Handlungen, etwa, wenn Flüsse angestaut oder umgeleitet werden, um eine Stadt zu versorgen, mit der Folge, dass langfristig Wasser fehlt.

Euphrat und Tigris entspringen in der Türkei – und werden dort im Süden gestaut, sodass im Irak und in Syrien immer weniger Wasser ankommt. Stimmt dieser Vorwurf?

Auf Satellitenbildern kann man jedenfalls erkennen, dass es auf der syrischen Seite kaum noch landwirtschaftliche Produktion gibt, das findet alles auf der türkischen Seite statt. 

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Gibt es keine Regeln, die einem Land verbieten, seine Nachbarstaaten trockenzulegen?

Wir haben das internationale Wasserrecht, jedoch ist ein Wasservertrag seit den 1960ern immer wieder angestoßen, aber nie abgeschlossen worden. Aber die Realpolitik folgt eigenen Gesetzen. Ja, die Türkei nimmt ihren Nachbarstaaten Wasser weg. Aber wenn man das kritisiert, muss man sich auch fragen: Wer profitiert denn davon? Für Europa, für Deutschland, ist die Türkei dadurch zu einem fantastischen Lieferanten für Textilien geworden. Der hohe Wasserverbrauch in der Region liegt also auch in der Verantwortung europäische Konzerne, die dort produzieren. Nicht nur die Bevölkerung in wasserarmen Gebieten muss ihre Nachfrage verändern – wir auch.  


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