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Nachhaltigkeitswoche Wie der Fußballprofi Neven Subotic zum Wasser-Aktivisten wurde

Kam vom Balkan nach Deutschland, wuchs in den USA auf und kehrte nach Deutschland zurück: Fußballer Neven Subotic
Kam vom Balkan nach Deutschland, wuchs in den USA auf und kehrte nach Deutschland zurück: Fußballer Neven Subotic
© Neven Subotic Stiftung
Vor neun Jahren gründete der frühere BVB-Star die "Neven Subotic Stiftung". Sie unterstützt mit Brunnenprojekten vor allem Menschen in Äthiopien. Die Arbeit hat sein Leben verändert.

Der Fußballprofi Neven Subotic hat in den 32 Jahren seines Lebens so viel erlebt, dass seine Geschichte ein Buch füllen könnte. Und nicht nur seine sportliche. Seine Eltern flohen Anfang der 90-er Jahre vor den Bürgerkriegswirren aus Bosnien nach Süddeutschland, da war er ein Kleinkind. Und als die Aufenthaltsgenehmigung ablief und die Abschiebung in die alte Heimat drohte, zog die Familie weiter, nach Salt Lake City im Mormonenstaat Utah. Er reifte dort zu einem guten Fußballspieler, wurde in die amerikanische Jugend-Nationalmannschaft berufen – und kehrte zurück nach Deutschland. Seine Karriere danach rasant: Subotic spielte für Mainz 05, folgte Jürgen Klopp zu Borussia Dortmund, gewann mit dem BVB 2011 und 2012 zwei deutsche Meisterschaften, triumphierte im Pokalfinale beim legendären 5:2 über die Bayern, verlor im Jahr drauf im nicht weniger legendären Champions-League-Endspiel in Wembley gegen die Münchner.

Er fragte sich, was er mit seinem Leben machen sollte

Subotic, das kann man sagen, galt seinerzeit an der Seite von Mats Hummels als einer der besten Innenverteidiger Europas. Aber schon damals auf dem Zenit seiner noch jungen Laufbahn interessierte er sich auch für die Dinge jenseits des Platzes. Engagierte sich hier und da, aber irgendwann, das war vor knapp zehn Jahren, reichte ihm das nicht mehr.

An einem Sonntag Ende September erreicht man Neven Subotic daheim via Skype. Und redet über: Wasser. Es war nämlich so, dass er sich damals fragte, was "ich mit und in meinem Leben bewegen will". Das war ein Prozess der Selbstanalyse, wie er sagt. Und am Ende dieses Denkprozesses aus einem privilegierten Status heraus und in einem der reichsten Länder der Welt lebend, stand für ihn fest, dass es um globale Gerechtigkeit gehen müsse, "sehr unromantisch, eher ein logischer Ansatz". Was braucht der Mensch zum Leben: Sauerstoff. Der ist vorhanden. "Und das nächste, was wir nach Luft benötigen, ist Wasser."

So ging das los. Er gründete eine nach ihm benannte Stiftung.

Wasser. Keine Ressource ist auch nur annähernd so ungleich verteilt. Knapp 800 Millionen Menschen haben keinen oder nur unzureichenden Zugang zu sauberem Wasser, mehr als zwei Milliarden leben in Staaten mit hohem Wasserstress. Die Erde ist zwar zu mehr als zwei Dritteln von Wasser bedeckt, aber nicht mal ein Prozent ist als Süßwasser für uns nutzbar. Von diesem einen Prozent verbraucht der Mensch sieben Prozent, 23 Prozent fließen in die industrielle Nutzung, der überwältigende Teil von 70 Prozent versickert in der Landwirtschaft.

Profi-Fussballer Neven Subotic: "Frieden können wir nicht verteilen, Wasser schon"

Subotic erzählt an diesem herbstlichen Nachtmittag, dass er sich in die Materie erst mal vertiefen musste, "ich war kein Experte". Heute ist er sehr wohl ein Experte. Für die Webseite der "Neven Subotic Stiftung" interviewt er immer wieder Fachleute und Politiker. Er und seine Mitarbeiter haben Hunderte von Brunnen in Äthiopien finanziert und gebaut, neuerdings auch in Tansania und Kenia. Zweimal im Jahr reist er selbst in die Regionen. Und wenn er von diesen Reisen erzählt, von den Begegnungen mit den Kindern und der Unmittelbarkeit der Hilfe, dann schwingt Begeisterung in seiner Stimme. Es ist ja auch so, dass Wasser indirekt in die Bildung fließt. Die Mädchen und Jungen können die Schule besuchen und müssen eben nicht mehr stundenlang zum nächsten Wasserloch laufen, um den täglichen Bedarf zu decken. So ergibt eins das andere.

Nun ist es nicht ganz ungewöhnlich, dass sich Prominente sozial engagieren. Auch Fußballprofis. Die Weltmeister Per Mertesacker, Philipp Lahm und Lukas Podolski tun das seit Jahren und sehr ernsthaft in unterschiedlichen Projekten. Bei Subotic verhält sich die Sache noch etwas anders. Es ist längst mehr als eine Passion. Es sein Lebensmittelpunkt. Früher suchte er die Wahrheit auf dem Platz. Er fand sie abseits davon in den trockenen Gebieten Afrikas.

"Ich glaube so langsam darf ich das sagen. Ich habe meine Stelle eigentlich wie eine Vollzeitstelle besetzt." Das war nicht immer ganz leicht mit seiner Karriere als Profi zu vereinbaren, "das kam on top of Fußball". Denn eines hat er mitgenommen aus seiner aktiven Zeit im Sport–  "immer hundert Prozent". Und mit diesen hundert Prozent meint der nicht die "Verwaltungskosten, die ich trage", mehrere hundert Tausend Euro pro Jahr, sondern insbesondere, "dass wir uns ständig zu hundert Prozent selbstkritisch hinterfragen, was wir tun und wie wir es tun." Die Partner sind durchweg lokale Organisationen, die Mitarbeiter kommen aus dem jeweiligen Land.

Zwölf Helfer einer Partnerorganisation wurden ermordet

Und die Lage vor Ort ist komplex, vor allem im Bürgerkriegsgebiet Tigray im Norden Äthiopiens an der Grenze zu Eritrea. Dort dräut eine humanitäre Katastrophe, Hundertrausende sind auf der Flucht oder leiden unter Hunger, weil immer weniger Hilfslieferungen ankommen. Eine der Partnerorganisationen der Stiftung hat, wie Subotic betroffen erzählt, zwölf Mitarbeiter verloren, "obwohl sie eindeutig als Helfer gekennzeichnet waren und damit eigentlich als unantastbar galten".

Das belastet ihn. Er sagt: "Wenn wir mit unseren Partnern reden und schreiben, dann haben wir natürlich auch die Verantwortung etwas zu tun und nicht in Schockstarre zu verfallen. In unserem Bereich heißt das konkret, dass wir wegen der Dynamik des Konflikts und weil es keine klare Grenze und keinen exakten Frontverlauf gibt, sehr variabel planen müssen. Von Tag auf Tag." Es steht nicht gut um Tigray.

Subotic ist im Laufe der Jahre zu einem Aktivisten geworden. Borussia Dortmund und Neven Subotic war echte Liebe. Die Stiftung und Neven Subotic sind echtes Leben. Zuletzt spielte er in der österreichischen Bundesliga. Seit dem Sommer ist er vertraglos. Er hat auch so seine Berufung gefunden. Neven Subotic sagt: "Ich weiß nicht, ob es mit meiner Karriere weiter geht. Aber ich weiß hundertprozentig, dass es mit der Stiftung weitergeht."


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