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Raucherpille "Champix": Schon wieder kein Wunder

Mit "Champix" kommt eine neue Pille auf den deutschen Markt, die Rauchern beim Entzug helfen soll. Der darin enthaltene Wirkstoff Vareniclin hat bei Studien beachtliche Erfolgsquoten erzielt. Ein Wundermittel zur Rauch-Entwöhnung ist er dennoch nicht.

Von Björn Erichsen

In Studien erzielte "Champix" gute Erfolge: Raucher hatten mit dem Präparat eine dreimal so hohe Erfolgsquote von Zigaretten loszukommen

In Studien erzielte "Champix" gute Erfolge: Raucher hatten mit dem Präparat eine dreimal so hohe Erfolgsquote von Zigaretten loszukommen

Zauberkiste Chemielabor - manch einer mag angesichts der Fortschritte im pharmazeutischen Gewerbe davon träumen, sich der schlimmsten Lebenslaster auf bequem chemischem Wege zu entledigen. Einfach eine Pille schlucken und schon verliert man Gewicht - natürlich ohne schwitzen zu müssen. Man sieht gesünder aus oder lässt mal schnell das Rauchen sein, selbstredend ganz ohne zu leiden. In hübscher Regelmäßigkeit werden vor allem Lifestyle-Medikamente von Boulevard und Marketingabteilungen zu "Wundermitteln" oder "Super-Pillen" hochgejubelt.

Der belohnende Kick bleibt aus

Mit derlei Vorschusslorbeeren bedacht, bringt der US-Pharmariese Pfizer am 1. März mit "Champix" ein Medikament auf den Markt, das entwöhnungswilligen Rauchern die größten Sorgen nehmen soll. Die Methode ist einfach: Der Wirkstoff Vareniclin dockt im Gehirn an denselben Rezeptor an, an den auch das Nikotin bindet: Das hat einen doppelten Effekt: Zum einen wird der Rezeptor auch ohne Nikotin stimuliert, was Entzugssymptome vermindern soll, zum anderen blockiert Vareniclin die Andockstelle - und zwar dauerhaft. Sollte man rückfällig werden, bleibt der stimulierende Effekt aus - der Kippe fehlt der belohnende Kick.

Wissenschaftler der Universität Oxford haben für das angesehene Fachblatt "Cochrane Libary" sechs verschiedene klinische Studien zur Wirkung von Vareniclin miteinander verglichen. Die Ergebnisse der Meta-Studie können Rauchstoppwilligen durchaus Hoffnung machen: Danach hatten 2451 Anwender, die Vareniclin erhielten, eine dreimal so hohe Chance, einen langfristigen Entzug von zwölf Monaten oder länger durchzuhalten, als die Kontrollgruppe, die lediglich ein wirkungsloses Scheinpräparat erhalten hatte.

Nikotinersatz- und Verhaltenstherapie genauso erfolgreich

"Die Ergebnisse, die das Vareniclin erzielt hat, sind durchaus beachtlich", sagt auch Martina Pötschke-Langer, vom deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg, gegenüber stern.de. "Jedoch sollte man, bevor man wieder einmal von einer 'Wunderpille' spricht, etwas relativieren. Die Erfolgsquote, die Vareniclin erzielt hat, entspricht in etwa der, die heutzutage mit Nikotinersatz- oder Verhaltenstherapien erreicht werden." Auch bei Pfizer tritt man auf die Euphoriebremse und betont, dass Vareniclin lediglich den körperlichen Entzug erleichtern kann. "Für eine erfolgreiche Entwöhnung kommt es vor allem auf die Behandlung der psychischen Abhängigkeit durch Fachleute und natürlich auch auf die Motivation des einzelnen Anwenders an", sagte Unternehmenssprecherin Sabine Jackel-Büsching stern.de.

Der Zeitpunkt für die Markteinführung könnte dennoch kaum günstiger sein. Angesichts von Tabaksteuererhöhungen, Warnhinweisen auf den Zigarettenschachteln und der geplanten Ausweitung der Rauchverbote in der Öffentlichkeit, streben viele Raucher den Absprung von der Alltagssucht an. Etwa jeder dritte Raucher in Deutschland - das sind 7,6 Millionen Personen - versucht mindestens einmal im Jahr einen Rauchstopp. Allerdings mit eher bescheidenem Erfolg: Gerade einmal drei Prozent schaffen die ersten zwölf Monate.

Krankenkasse zahlt nicht

Dass "Champix" aufgrund seiner guten Resultate zwangsläufig zum Kassenschlager wird, ist nicht garantiert. Die Konkurrenz ist groß: Die neue Raucherpille geht ins Rennen mit Nikotinpflastern, -kaugummis oder -sprays, unzähligen Ratgebern, Rauchstoppkursen und einer Reihe anderer Methoden wie Hypnose und Akupunktur. Die setzen aber vorwiegend auf Willensstärke: Der kalte Entzug ohne Hilfsmittel ist der am häufigsten gewählte Weg bei der Tabakentwöhnung. Gerade einmal fünf Prozent vertauen bei ihrem Rauchstopp auf die von vielen Wissenschaftlern favorisierte Verhaltenstherapie oder auf Nikotinersatzprodukte.

Da das verschreibungspflichtige "Champix" zu den Lifestyle-Medikamenten zählt, werden die Kosten nicht von der Krankenkasse übernommen. Mit 330 Euro für die zwölfwöchige Therapie zahlt man für "Champix" rund 40 Euro mehr als bei der Anwendung von Nikotinpflastern über den gleichen Zeitraum - was allerdings genauso teuer ist wie der Konsum von einer Schachtel Zigaretten pro Tag.

Nebenwirkungen: Übelkeit, Kopfschmerzen, Schlaflosigkeit

Bei Pfizer hofft man indes, dass der Raucherpille ein Absturz wie dem Antidepressivum Bupropion erspart bleibt. Als das unter dem Namen "Zyban" im Jahr 2000 mit großem Getöse von der Firma Glaxo-SmithKline auf den Markt geworfen wurde, griffen viele zu - und ließen sehr schnell wieder die Finger davon, als kurz darauf aus Großbritannien Berichte über gehäuft auftretende Nebenwirkungen wie Krampfanfälle, Schwindelgefühle, Depression und sogar Todesfälle die Runde machten. Die Europäische Arzneimittelagentur (Emea) kam zwar bei einer Neubewertung weiterhin zu einer positiven Einschätzung, jedoch wird "Zyban" heutzutage nur noch selten verschrieben.

Wie jedes Medikament hat auch Vareniclin Nebenwirkungen: Bei den Studien gaben die Teilnehmer als Nebenwirkungen vor allem Übelkeit, Kopfschmerzen und Schlaflosigkeit an. "Etwa ein Drittel der Anwender klagte insbesondere zu Beginn über Übelkeit", sagt Sabine Jackel-Büsching. "Aber nur drei Prozent haben die Behandlung aus diesem Grund abgebrochen, gegenüber einem Prozent in der Placebogruppe. Aus den USA, wo Vareniclin seit dem Sommer 2006 unter dem Namen 'Chantix' erhältlich ist, gibt es bislang keine Anzeichen für gehäuft auftretende Nebenwirkungen."

Langzeitstudien fehlen noch

Vor einem endgültigen Urteil will Martina Pötschke-Langer zunächst einmal die Alltagstauglichkeit von "Champix" abwarten. "Vareniclin birgt sicherlich Chancen, jedoch muss sich das Mittel erst über einen längeren Zeitraum in der Praxis bewähren", sagt sie. "Man muss bedenken: Die Studien fanden praktisch unter idealen Bedingungen statt. Risikopatienten, etwa mit Kreislauf- oder Lungenerkrankungen, waren von vornherein ausgeschlossen, alle Anwender waren im mittleren Alter, besonders motiviert und erhielten praktisch eine Rundumbetreuung wie man sie in Deutschland kaum finden dürfte."

Es bleibt also dabei - die Pille, mit der man einfach mal den Schalter im Kopf umlegt und im Handumdrehen zum Nichtraucher wird, ist auch mit "Champix" nicht gefunden - weiterhin kommt es bei der Tabakentwöhnung vor allem auf persönliche Motivation und Durchhaltevermögen an, auch wenn es künftig vielleicht etwas leichter gehen könnte. Wem das nicht reicht, der muss sich noch etwas gedulden, denn das nächste "Wundermittel" wird sicher nicht allzu lange auf sich warten lassen.

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