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Robert-Koch-Institut: Bei der Gesundheit ist Deutschland zusammengewachsen

Das Berliner Robert-Koch-Institut hat die Gesundheit der Deutschen untersucht - vom Mauerfall bis heute. Das Fazit des 300 Seiten starken Berichts: Die Unterschiede zwischen West- und Ostdeutschland sind nur noch minimal.

Von Malte Arnsperger

In einem neuen Bericht hat das Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) die Gesundheit der Deutschen unter die Lupe genommen: Wie hat sich die allgemeine Lebenserwartung entwickelt? Haben Diabetes-Erkrankungen und Krebserkrankungen zugenommen? Und wie ernähren sich die Deutschen? In dem Bericht "20 Jahre nach dem Fall der Mauer: Wie hat sich die Gesundheit in Deutschland entwickelt?" beleuchten die Autoren auf knapp 300 Seiten die gesundheitliche Entwicklung in den neuen und den alten Bundesländern seit Anfang der 90er Jahre. Dafür wurde eine Vielzahl an Studien und Statistiken ausgewertet.

Das Fazit der Forscher: Nach zwanzig Jahren gemeinsamer Entwicklung haben sich die Unterschiede zwischen Ost und West größtenteils angeglichen. Im Jubiläumsjahr des Mauerfalls hat auch das RKI gute Nachrichten: "Die Gesundheit ist gesamtdeutsch."

Beispiel: Lebenserwartung. Hier hatten die westdeutschen Frauen und Männer zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung eindeutig die Nase vorn. Zwei Jahre lebten westdeutsche Frauen im Durchschnitt länger, die Männer brachten es sogar auf eine drei Jahre höhere Lebenserwartung. 2007 hat sich das deutlich angenähert: 0,3 Jahre älter wurden Frauen im Westen in diesem Jahr im Durchschnitt, 1,4 Jahre waren es bei den Männern.

Positive Nachrichten auch beim Thema Brustkrebs. Sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland ist die Sterblichkeit an dieser Krebsart seit der Wiedervereinigung zurückgegangen. Die Sterberate für die meisten anderen der häufigsten Krebsarten ist seit Anfang der 1990er Jahre ebenfalls deutlich gesunken, sowohl in den alten als auch in den neuen Bundesländern. Eine Ausnahme ist hier in beiden Teilen Deutschlands der Anstieg von Lungenkrebs bei Frauen.

Dennoch gibt es beim Blick auf die einzelnen Krankheitsbilder noch Unterschiede zwischen Ost- und Westdeutschland. Seit der Wiedervereinigung wird Diabetes zwar sowohl in Ost- als auch in Westdeutschland häufiger diagnostiziert - in den alten Bundesländern ist die Quote allerdings höher. Unterschiede in der Gesundheit gibt es laut RKI-Bericht in Deutschland auch zwischen kleineren regionalen Einheiten. Für viele Gesundheitsindikatoren gebe es zudem so etwas wie ein Nord-Süd-Gefälle. Grund zur allgemeinen Zufriedenheit, sehen die Autoren daher nicht. Denn: "Die Differenzierung zwischen den einzelnen Bundesländern, egal ob neu oder alt, ist weiter vorangeschritten, die Unterschiede machen sich ganz stark an Armut oder Reichtum der Regionen fest." Insbesondere bei der gesundheitlichen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen ist es schon jetzt nicht so sehr von Bedeutung, ob sie in den neuen oder in den alten Bundesländern geboren wurden, sondern welche Bildungschancen sie haben und unter welchen sozialen Bedingungen sie aufwachsen", schreiben die Autoren des Berichts.

Wie hat sich die Lebenserwartung entwickelt?

Bei der Lebenserwartung hatten die Westdeutschen lange die Nase vorn. In den alten Bundesländern lag diese kurz nach der Wiedervereinigung für Frauen bei 79,5 Jahren, für Männer bei 73,1 Jahren. 77,2 Jahre waren es dagegen bei Frauen im Osten, 69,9 Jahre bei den Männern. Die Lebenserwartung stieg bis 2007 in Deutschland insgesamt um 3,2 Jahre bei den Frauen und 4,4 Jahre bei den Männern. Unterschiede bei der Lebenserwartung zwischen Ost und West bestehen zwar immer noch, doch diese sind mit 0,3 Jahren bei den Frauen und 1,4 Jahren bei den Männern wesentlich geringer geworden. Der ehemalige Osten hat also aufgeholt. Der Gewinn an Lebenserwartung war in diesem Zeitraum für die neuen Bundesländer sogar insgesamt größer als für die alten Bundesländer.

Wie wird die subjektive Gesundheit eingeschätzt?

Anfang der 90er Jahre beurteilten knapp 45 Prozent der Menschen in den neuen Bundesländern ihre Gesundheit als gut oder sehr gut, ungefähr 45 Prozent taten dies in den alten Bundesländern. Auch heute sind zwischen West und Ost kaum Unterschiede zu erkennen, die Menschen in ganz Deutschland beurteilen ihre Gesundheit allerdings besser. In den neuen Bundesländern sind rund 69 Prozent damit zufrieden, in den alten Bundesländern rund 71 Prozent.

Wie häufig sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen?

Herzinfarkte, Herzinsuffizienzen und Schlaganfälle kommen in den neuen Bundesländern etwas häufiger vor. Die Unterschiede zu den alten Bundesländern sind jedoch sehr gering. Die meisten stationären Behandlungsfälle wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen hat das Saarland. Danach folgen Thüringen, Brandenburg, Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt. In Sachsen gab es dagegen im Jahr 2007 nach Bremen, Hamburg, Baden-Württemberg und Schleswig-Holstein die wenigsten stationären Aufnahmen wegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen. In den zurückliegenden beiden Jahrzehnten starben in Deutschland immer weniger Personen an Herz-Kreislauf-Erkrankungen. Bei einem höheren Ausgangsniveau war der Rückgang im Osten stärker als im Westen. Herzinfarkte, Herzinsuffizienzen und Schlaganfälle belegen allerdings immer noch Platz eins auf der Liste der häufigsten Todesursachen.

Wie häufig sind Krebserkrankungen?

Krebs ist nach Krankheiten des Herz-Kreislaufsystems die zweithäufigste Todesursache in Deutschland. Nach aktuellen Schätzungen des Robert-Koch-Instituts erkranken jährlich ungefähr 206.000 Frauen und 230.500 Männer in Deutschland an einer bösartigen Neubildung. Im Jahr 2007 verstarben 98.360 Frauen und 113.405 Männer an Krebs. In den Jahren kurz nach der Wiedervereinigung zeigte die einheitliche Todesursachenstatistik nur sehr geringe Ost-West-Unterschiede in der Sterblichkeit an bösartigen Neubildungen. Differenziert nach einzelnen Krebsarten sah das allerdings anders aus. So war zum Beispiel die Brustkrebssterblichkeit der Frauen in Ostdeutschland um 15 Prozent niedriger als in Westdeutschland. Als Grund dafür wurde unter anderem diskutiert, dass im Osten weniger Hormonpräparaten in den Wechseljahren verschrieben wurden. Seit den 1990er Jahren ist in Ost- und Westdeutschland ein deutlicher Rückgang der Brustkrebssterblichkeit zu verzeichnen, wobei die Rate der neuen Länder um etwa ein Fünftel unter der Rate der alten Länder liegt. Der Abstand zwischen den neuen und den alten Bundesländern hat sich daher nicht wesentlich verringert, im Osten sterben immer noch weniger Frauen an Brustkrebs. Deutlich gesunken ist seit den 1990er Jahren auch die Sterberate für die häufigsten Krebsarten - sowohl in den alten, als auch in den neuen Bundesländern. Eine Ausnahme ist hier in beiden Teilen Deutschlands der Anstieg von Lungenkrebs bei den Frauen. Die Sterbefälle im Osten sind um 37 Prozent gestiegen, im Westen sogar um 48 Prozent. Diese unterschiedlichen Entwicklungen bei den einzelnen Krebsarten haben dazu geführt, dass die Krebssterblichkeit insgesamt für Männer in den neuen Bundesländern leicht über, bei den Frauen jedoch leicht unter derjenigen im Westen liegt. Erkennbar ist auch, dass es nicht nur Ost-West-Unterschiede bei der Krebssterblichkeit gibt: Während Baden-Württemberg für beide Geschlechter die niedrigsten Sterberaten aufweist, hat das Saarland bei den Männern die höchsten und bei den Frauen die zweithöchsten Raten.

Wie häufig ist Diabetes?

Insgesamt erkranken im Osten mehr Menschen an Diabetes als im Westen. 11 Prozent der Frauen und 9 Prozent der Männer sind es in den ehemaligen Ost-Bundesländern seit der Wiedervereinigung - wobei Diabetes vom Typ 1 und Diabetes vom Typ 2 gezählt werden. Im Westen sind es dagegen gut 8 Prozent der Frauen und 7 Prozent der Männer. Insgesamt wird die Krankheit für die 25- bis 69-Jährigen seit der Wiedervereinigung in ganz Deutschland häufiger festgestellt. Für die Autoren des RKI-Berichtes könnte dies ein Anzeichen dafür sein, dass die Krankheit besser diagnostiziert wird. Auch die immer älter werdende Bevölkerung spielt bei der Zunahme von Diabetes in diesem Zusammenhang eine wichtige Rolle.

Wie häufig sind Allergien?

Nach der Wiedervereinigung litten im Westen 10,6 Prozent der Menschen an Heuschnupfen, in den neuen Bundesländern aber nur 5,8 Prozent. Die Zahl der Heuschnupfen-Patienten stieg zwischen Anfang der 90er Jahre und 1998 sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern steil an. Auf 18,2 Prozent im Westen, auf 11,9 Prozent im Osten. Den größten Anstieg gab es bei Frauen aus den alten Bundesländern, wo sich der Anteil der Heuschnupfenpatientinnen 1998 auf rund 20 Prozent verdoppelte. Egal ob Ost oder West - die Zunahme von Heuschnupfenerkrankungen ist bei Frauen größer als bei Männern.

Wie hat sich die psychische Gesundheit entwickelt?

Zu den psychischen Störungen zählt der RKI-Bericht unter anderem Depressionen, Angststörungen, Süchte wie Alkoholabhängigkeit sowie Demenz. Nach Angaben des RKI nehmen die psychischen Störungen sowohl in den neuen als auch in den alten Bundesländern zu. Für den Zeitpunkt der Wiedervereinigung gab es für die Wissenschaftler aber keine belastbaren Daten zur psychischen Gesundheit in Deutschland. Neue Studien zeigen, dass 42,6 Prozent der Menschen in Deutschland im Laufe ihres Lebens an einer psychischen Störung erkrankten. Für die meisten erfragten Störungen zeigte sich eine höhere Häufigkeit in den alten Bundesländern. So etwa bei der Alkoholabhängigkeit: Während in den neuen Bundesländern 2 Prozent der Bevölkerung im letzten Jahr davon betroffen waren, waren es im Westen 3,7 Prozent. An Depressionen sind 8,3 Prozent der Ostdeutschen, 11,5 Prozent der Westdeutschen erkrankt. Von Demenz sind in der Altersgruppe 60 bis 64 Jahre 0,6 Prozent der deutschen Frauen und 0,8 Prozent der Männer betroffen. Bei den 95- bis 99-Jährigen sind es 38 Prozent der Frauen und 29,7 Prozent der Männer. Sowohl für Frauen als auch für Männer wurden in den neuen Bundesländern höhere Fallraten für Demenz geschätzt. Die Suizidraten in Deutschland sind seit 1980 rückläufig. Bis Mitte der 1990er Jahre waren sie in den neuen Bundesländern doppelt so hoch wie in den alten Bundesländern. Allerdings hat sich die Selbstmordrate bis heute in ganz Deutschland verringert, am deutlichsten im Osten, sodass sich die neuen und alten Bundesländern hier weitgehend angeglichen haben.

Wie steht es um die Mund- und Zahngesundheit?

Erkrankungen des Mundes und der Zähne sind in Deutschland weit verbreitet: Weniger als ein Prozent aller Erwachsenen haben ein kariesfreies Gebiss. Die Bevölkerung in den alten Bundesländern hatte einen deutlich stärkeren Kariesbefall der Zahnkrone, in Ostdeutschland war die Anzahl erhaltener Zähne geringer und damit auch das Risiko, an Karies zu erkranken. Die Erkrankungen sind in den letzten Jahrzehnten, insbesondere bei Kindern und Jugendlichen, in ganz Deutschland stark zurückgegangen. Unterschiede zwischen Ost und West gibt es heute kaum noch. Von totaler Zahnlosigkeit sind in Deutschland nur sehr wenige Erwachsene betroffen: in Ostdeutschland 0,9 Prozent, 1,4 Prozent in Westdeutschland. Insgesamt, so dass RKI, zeige sich für alle Munderkrankungen, dass die soziale Lage einen großen Einfluss auf die Mund- und Zahngesundheit hat. Menschen mit höherer Schulbildung haben deutlich bessere Zähne als Personen mit niedriger Bildung.

Wie hat sich die Unfallsterblichkeit entwickelt?

Die Unfallsterblichkeit war in den 1990er Jahren für Frauen und Männer in den neuen Bundesländern wesentlich höher als in den alten Bundesländern, was auf die Veränderungen im Straßenverkehr zurückzuführen ist. Ein sprunghaft gestiegenes Verkehrsaufkommen spiegelte sich in steigenden Unfallzahlen und Verkehrstoten Anfang der 1990er Jahre wider. In den nachfolgenden Jahren haben sich die Zahlen der Verkehrstoten und Schwerverletzten durch Straßenverkehrsunfälle in Ost und Westdeutschland erheblich verringert. In den neuen Ländern verunglückten 2008 insgesamt 78.681 Personen, 1.060 starben. Das waren ungefähr ein Viertel weniger Verunglückte als 1997. In den alten Bundesländern verunglückten 2008 ungefähr 330.000 Personen, 3.417 starben. Das waren ungefähr 20 Prozent weniger Verunglückte als 1997.

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