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Keine Kondome, keine Aufklärung: Warum sich in Russland HIV so schnell ausbreitet

In Russland steigt die Zahl der HIV-Infektionen rapide an. Auch weil der Staat weltweit anerkannte Strategien zur Aidsprävention ablehnt. Es gibt keine Medikamente, keine Kondome, keine Aufklärung, keine Hilfe. 

Aidsprävention in Russland

In diesem Kleinbus werden Blutschnelltests durchgeführt. Doch solche Kampagnen wie hier in Jekaterinburg dämmen das Virus allein nicht ein.

Maxim Malyschew, Sozialarbeiter in Moskau, stempelt. Visitenkarten. Flugblätter. Broschüren. "Diese Materialien werden von einer Organisation verbreitet, die als ausländischer Agent agiert", muss jetzt überall draufstehen. Damit ist Malyschews kleine Organisation gemeint, die Andrej-Rylkow-Stiftung. Aus einem Bus verteilen zwei Aktivisten jeden Abend Spritzen, Kondome und HIV-Tests an Drogenabhängige – ein einmaliges Projekt in der Zwölf-Millionen-Metropole Moskau. Die Stiftung bekämpft HIV wie weltweit üblich. Das hat sie in Russland verdächtig gemacht.

HIV-Hilfe: Spender werden zu Agenten

Denn finanziert wird sie aus dem Ausland: unter anderem vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids. "Wir haben uns immer wieder um staatliche Förderung beworben" , sagt Malyschew. Vergebens. Im Sommer stufte das Justizministerium sie wegen der Geldgeber nun als "Agenten" ein. "Die Regierung behindert unsere Präventionsarbeit" , so Malyschew, "übernimmt sie aber nicht selbst."


Denn Russland hat sich in der Aidsbekämpfung für einen Sonderweg entschieden. Dabei wirft der Kreml alle Strategien über den Haufen, die international seit Jahrzehnten Erfolg haben. Mit verheerenden Folgen: In keiner Region der Erde verbreitet sich das Virus derzeit so schnell. Mehr als eine Million Menschen sind offiziell infiziert, etwa ein Prozent der Bevölkerung. In Deutschland werden jährlich etwa 3200 Fälle diagnostiziert – so viel wie in Russland in zwei Wochen. Etwa 50 Russen sterben geschätzt jeden Tag an Aids.

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Russland hat HIV einfach ignoriert

Jahrelang hatte die Politik das Virus einfach ignoriert. Das Problem, so schien es, beschränkte sich auf eine Randgruppe: Noch vor 15 Jahren waren fast 90 Prozent aller Infizierten drogenabhängig. Heute werden mehr als 40 Prozent der neuen Fälle durch heterosexuellen Sex übertragen.

Denn Drogenersatztherapien, im Westen seit Jahrzehnten angewandt, gibt es nicht: Das sei ja so, als wenn man Wodkasucht mit Cognac bekämpfe, erklärte ein Experte. Prostituierte, oft drogenabhängig, erhalten keine kostenfreien Kondome. Die Ausgabe steriler Spritzen ist ebenfalls verpönt: Das rege nur den Drogenkonsum an, so die offizielle Lesart.


Auch Aufklärung gilt in Russland als gefährlich, denn Sexualkunde leite zum Sex an. Der ehemalige Kinderbeauftragte empfahl, stattdessen lieber klassische Literatur zu lesen: Das lehre Gefühle.

Streit: Sind Kondome nützlich gegen Aids?

Selbst über den Nutzen von Kondomen wird in Russland ernsthaft gestritten. Experten aus dem staatlichen "Institut für strategische Studien" erklärten, die Kondom-Industrie sei schuld an der Verbreitung des Virus, weil sie Minderjährige zu Sex verführe. Dabei würden Kondome die Illusion verbreiten, Sex könne safe sein. Ein Jahr arbeitete das Kreml-nahe Institut an einem Bericht über Aids. Ihr Fazit: Das Thema werde vom Westen im Informationskrieg gegen Russland missbraucht. Nicht mit Kondomen bekämpfe man das Virus, sondern mit Keuschheit und Moral.


Vor einem Jahr ließ Premierminister Dmitrij Medwedew zum ersten Mal eine nationale Strategie zur Aidsbekämpfung erarbeiten. Doch zu spüren sei auch davon wenig, klagen Aktivisten. Das System sei korrupt, wenig effektiv. Nur etwa ein Viertel aller Infizierten erhalte die nötigen Medikamente – weltweit sind es 46 Prozent.

Plakate gegen Aids sollen helfen

Und auch mit der Aufklärung gehe es nicht voran. "In den Regionen werden ein paar Plakate aufgehängt und Zettel ausgegeben", klagt Wadim Pokrowskij, Leiter des Moskauer Aidszentrums. "Das war's mit der Prophylaxe." In vier Jahren, so glaubt er, werden sich die Zahlen mindestens verdoppelt haben, wenn die Politik nicht einlenkt. Der Leiterin des Gesundheitskomitees im Moskauer Stadtparlament macht das keine Sorgen. Pokrowskij, sagt sie, sei ein "typischer Agent, der gegen die nationalen Interessen arbeitet".

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