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Suche nach der Quelle des Keims Pannen begleiteten die Ehec-Fahndung


Scheinbar rund um die Uhr suchten Seuchenexperten nach dem Ursprung des Ehec-Keims. Nur scheinbar. Die Suche verlief in Wahrheit viel zu langsam und holprig – und manchmal gar nicht.
Von Peter Neitzsch

Ehec - der Keim, den heute jeder kennt, schlich sich Anfang Mai still und leise in die Därme der Deutschen. So still und leise, dass selbst die Experten zunächst nicht aufmerksam werden. Das Ausmaß der Seuche wird lange nicht erkannt. In den ersten zwei Wochen nach dem Ausbruch der Ehec-Epidemie am 1. Mai wächst die Zahl der Kranken mit blutigem Durchfall zwar um bis zu 17 Personen täglich. Und jeden Tag erkranken Menschen am hämolytisch-urämischen Syndrom (HUS) - einer schweren Komplikation des Darmkeims, bei der Nierenversagen und Blutarmut drohen. Dennoch dauert es bis zum 19. Mai, bis die Behörden der Stadt Hamburg, des Epizentrums der Seuche, das Robert-Koch-Institut (RKI) um Hilfe bitten. Es ist eine Besonderheit des deutschen Föderalismus, dass die Seuchenexperten erst auf Anfrage eines Bundeslandes aktiv werden können.

Am 20. Mai beginnt ein RKI-Team, Patienten zu befragen. Es handelt sich um eine Stichprobe. Interviews werden nur mit 25 Erkrankten aus Hamburg geführt. Zusätzlich befragen die Forscher eine Kontrollgruppe von 96 gesunden Personen. Mit allen anderen Ehec-Patienten in Hamburg und im Rest der Republik spricht zu diesem Zeitpunkt niemand. Aus der Sicht der Forscher ein sinnvolles Vorgehen. "Wir haben ausgewählte Patienten an Orten befragt, die aufgrund der hohen Fallzahlen besonders aussagekräftig sind", sagt eine Sprecherin des Instituts. Doch so verstreicht wertvolle Zeit, ohne dass systematisch Daten von allen Erkrankten gesammelt werden.

Fünf Tage vergehen, bis das RKI am 25. Mai die Ergebnisse der Studie vorstellt. Demnach werden Gurken, Tomaten und Salat verdächtigt, den Erreger zu übertragen. Die Experten warnen vor dem Verzehr dieses Gemüses. Knapp vier Wochen sind zu diesem Zeitpunkt seit Ausbruch der Seuche vergangen. Die Suche nach dem Verursacher kann erst jetzt so richtig beginnen.

Es gibt kein zentrales Krisenmanagement

Koordiniert wird die Detektivarbeit nicht von Berlin, sondern von den Ländern. Zuständig sind die kommunalen Gesundheitsbehörden. Die Bundespolitik ergeht sich derweil in Beschwichtigungen. Gesundheitsminister Daniel Bahr (FDP) sagt: "Ich bin optimistisch, dass die Mitarbeiter der Robert-Koch-Instituts schnell die Ursache finden können." Für einen Krisenstab gebe es keinen Anlass, sagt Bahr am 25. Mai. Die Zahl der Ehec-Neuerkrankungen war kurz zuvor auf den Höchststand von 123 Fällen pro Tag gestiegen

Auch Verbraucherministerin Ilse Aigner (CSU) beschränkt sich auf allgemeine Hygienetipps: Rohkost solle man gründlich waschen und Schneidebretter reinigen, dann "muss niemand auf Gemüse verzichten". Als sie das sagt, sind bereits vier Menschen gestorben.

Am 26. Mai meldet sich die Hamburger Gesundheitsbehörde mit einer neuen Warnung zu Wort: Salatgurken aus Spanien seien "eindeutig" als Träger des Ehec-Typs identifiziert, der die Erkrankungen auslöste. Ein Fehlarm, wie sich herausstellt, der womöglich noch ein juristisches Nachspiel haben wird.

"Sprossen kamen in den Fragebögen dummerweise nicht mehr vor"

Die möglicherweise entscheidende Fährte ist derweil aus dem Blick geraten: Sprossen. Das hat auch etwas damit zu tun, dass die Detektivarbeit keineswegs so geordnet und professionell verläuft, wie man das erwarten darf. Die Mehrheit der Patienten wird nicht von den Experten vom RKI befragt, sondern von den kommunalen Gesundheitsämtern, die auch für die Lebensmittelkontrolle bei Gemüsehöfen, Händlern und Gastronomiebetrieben zuständig sind. Für die Interviews nutzen die Ämter zwar einen Fragebogen, den das RKI entwickelt hat - aber leider nur die Kurzfassung. Darin sind nur die Lebensmittel enthalten, die in der Studie mit den 25 Kranken häufig genannt wurden. Ausgerechnet die Sprossen, die inzwischen als Hauptverursacher gelten, fallen heraus, weil weniger als die Hälfte der 25 Sprossen nennt. "Sprossen kamen in den Fragebögen zwischenzeitlich dummerweise nicht mehr vor", bestätigt eine RKI-Sprecherin. Im Rückblick eine fatale Panne.

Doch es ist nicht die einzige Panne bei der Suche nach dem Erreger. Viele Erkrankte werden zu spät oder nicht richtig befragt. So werden etliche Ehec-Patienten offenbar nur danach gefragt, was sie gegessen haben - aber nicht danach, wo sie gegessen haben. Markus Boeddeker, der vom 19. bis zum 27. Mai in einem Hamburger Krankenhaus behandelt wurde, sagt: "Das hat niemanden interessiert, dabei habe ich selbst die ganze Zeit darüber gegrübelt." Andere Patienten berichten ähnliches. Am 30. Mai werden deutschlandweit bereits mehr als 1200 Ehec-Verdachtsfälle und elf Tote gezählt.

Krankenhäuser und Ärzte greifen zur Selbsthilfe

Das Tempo, mit dem die Gesundheitsbehörden vor Ort mit der Befragung der Patienten beginnen, ist ebenfalls höchst unterschiedlich. An der Uniklinik Kiel, in der ebenfalls zahlreiche Ehec-Patienten eingeliefert worden sind, bemüht sich Oberärztin Tanja Kühlbacher gleich an den ersten Tagen darum, dass ihre Patienten befragt werden. Da sich niemand bei der Klinik meldet, ruft sie beim RKI an - nicht ahnend, dass die gar nicht zuständig sind. Die Mitarbeiter der Kieler Gesundheitsämter, die für die Befragung zuständig sind, beginnen erst am 3. Juni mit den Patienteninterviews im Krankenhaus. Die Oberärztin verteilt auf eigene Faust selbst entwickelte Fragebögen.

Aus anderen Krankenhäusern wird ähnliches berichtet: Der Ärztliche Direktor der Berliner Charité, Ulrich Frei, beklagt, dass das Universitätsklinikum die Ehec-Fragebögen erst nach wiederholtem Nachfragen vom RKI bekommen habe. "Man hätte die Patienten viel früher interviewen sollen." Auch der Sprecher der Asklepios-Kliniken in Hamburg sagt: "Wir hätten gerne geholfen und die Befragung durchgeführt, aber wir wurden nicht darum gebeten."

Die Politik hat die Dramatik der Lage zulange unterschätzt

Erst am 5. Juni wird als Auslöser der Epidemie ein Biohof bei Uelzen in Niedersachsen ermittelt, von dem die verseuchten Sprossen stammen sollen. Ehec-Bakterien konnten auf dem Hof selbst bislang nicht nachgewiesen werden. Die betroffenen Tranchen sind längst ausgeliefert an Händler, Kantinen und Restaurants.

Am 8. Juni treffen sich die Minister Bahr und Aigner zum ersten Mal seit Beginn der Ehec-Welle zum Krisengipfel mit ihren Länderkollegen. Zwei Tage später erfolgt der Freispruch für den Salat, die Gurke und die Tomate.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner ist immer noch mit sich im Reinen. Sie sagt am 10. Juni dem "Hamburger Abendblatt": "Ich habe mir nichts vorzuwerfen."

Die Bilanz sieht inzwischen so aus: Rund 3000 Erkrankte, rund 30 Tote.

Peter Neitzsch (mit AFP/DPA)

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