Tuberkulose Warum lassen Sie diese Kinder im Stich?


Ein mit Steuergeldern entwickelter Impfstoff gegen Tuberkulose soll meistbietend an die Pharmaindustrie verkauft werden. Millionen Infizierte in armen Ländern könnten sich dann die rettende Medizin nicht leisten.
Von Markus Grill

Muss es uns kümmern, wenn jeden Tag irgendwo auf der Welt 6000 Menschen an Tuberkulose sterben? Tuberkulose! Diese alte Infektionskrankheit wurde schon für besiegt erklärt. In Wirklichkeit feiert die Schwindsucht, wie sie früher genannt wurde, seit einigen Jahren ein gespenstisches Comeback. Jeder dritte Mensch auf der Erde ist mittlerweile mit dem Tuberkulose-Erreger infiziert. Betroffen sind vor allem Indien, China, Afrika und Osteuropa. Tuberkulose ist die Krankheit der Armen. Schlechte Hygiene, überbelegte Wohnungen, Obdachlosigkeit befeuern ihren Ausbruch.

Gnadenlose Begleiterscheinungen

Nicht jeder, der infiziert ist, wird auch krank. Die meisten tragen den Erreger in sich, ohne dass es zu einem Ausbruch kommt. Doch zehn Prozent aller Infizierten erkranken früher oder später. Und dann beginnt die Tragik: In den Entwicklungsländern stehen nur Medikamente zur Verfügung, die schwere Nebenwirkungen haben. Nebenwirkungen, die Patienten als so brutal beschreiben wie bei einer Chemotherapie gegen Krebs. Doch selbst wer den Pillencocktail schluckt, hat nur eine Chance von etwa 60 Prozent, die Krankheit zu überleben. Was fehlt, sind bessere Medikamente und vor allem ein besserer Impfstoff, der den Ausbruch der Krankheit verhindert. In Südafrika sterben jedes Jahr mehr als 100.000 Menschen an Tuberkulose. In Deutschland nur 600.

Muss es uns also kümmern, dass Tuberkulose heute in Armutsländern wieder ganze Bevölkerungsteile hinwegrafft? Soll Deutschland für Medikamente und Impfstoffe Steuergeld zur Verfügung stellen? Angela Merkel sagt Ja: "Aids, Malaria und Tuberkulose sind für Millionen von Menschen eine existenzielle Bedrohung. Sie bedeuten unendliches Leid."

Auf dem G-8-Gipfel 2007 in Heiligendamm erklärte die Kanzlerin, dass die führenden Industrieländer 60 Milliarden US-Dollar für den Kampf gegen Tuberkulose, Malaria und Aids zur Verfügung stellen. Allein Deutschland werde sich mit vier Milliarden Euro beteiligen. Große Ankündigungen. Passiert ist aber ziemlich wenig. Und das Wenige könnte sich als völlig nutzlos erweisen.

Staatlich subventioniert, privat abkassiert

Das Forschungsministerium zum Beispiel pumpt Geld in eine Firma namens Vakzine Projekt Management GmbH, kurz VPM. Vakzin ist das Fachwort für Impfstoff. Bis 2010 fließen insgesamt 25,6 Millionen Euro an VPM. Ohne Staatsgelder gäbe es die Firma überhaupt nicht. Die Eigentümer sind zwar gemeinnützige Organisationen, geführt wird das Unternehmen aber privatwirtschaftlich. Ziel von VPM ist es, Impfstoffkandidaten, die im Labor entdeckt wurden, weiterzuentwickeln, damit daraus ein richtiger Impfstoff wird. Die Firma sucht also ständig nach neuen Wirkstoffen in staatlichen Laboren. Dann kommen die VPM-Manager mit dem Geldkoffer, machen den Forschern ein gutes Angebot und sichern sich die Urheberrechte. Nichts anderes machen Pharmakonzerne auch. Denn die meisten Medikamente, die heute auf den Markt kommen, werden in Universitäten, Max-Planck-Instituten und anderen staatlichen Forschungseinrichtungen entdeckt.

Stefan H. E. Kaufmann bekommt immer wieder Besuch von solchen Managern. Kaufmann leitet die Abteilung Immunologie am Max-Planck-Institut in Berlin und ist ein mit internationalen Ehrungen überhäufter Forscher. Kaufmanns Institut befindet sich genau an jenem Ort, an dem schon Robert Koch vor 125 Jahren dem Tuberkulose-Erreger auf der Spur war. Koch erhielt dafür den Medizin-Nobelpreis.

Jeder Platz in Kaufmanns Büro ist mit einem Stapel Bücher oder Papieren belegt, selbst die Stühle. Originalausgaben der Werke von Robert Koch finden sich verschlossen in einem alten Glasschrank. Während Kaufmann spricht, eilt er in seinem Büro umher, sucht Belege. Kaufmann klagt, dass gegen Tuberkulose heute nur ein Impfstoff im Handel sei, der 1921 entwickelt wurde, mittlerweile aber fast nichts mehr nützt: "Nur noch bei Kleinstkindern kann er die schlimmsten Formen der Tuberkulose verhindern, aber er schützt nicht gegen die am häufigsten vorkommende Lungentuberkulose bei Erwachsenen."

Der mögliche Durchbruch

Kaufmann selbst forscht seit mehr als zehn Jahren an einer verbesserten Form des bisherigen Impfstoffs - und machte eine Entdeckung. "Wir haben den alten Impfstoff gentechnisch so verändert, dass er sich vor dem menschlichen Immunsystem nicht mehr verstecken kann." In Tests mit Labormäusen habe er entdeckt, dass der neue Impfstoff äußerst wirksam und sicher sei. Bewährt dieser sich nun auch in Studien am Menschen, wäre das eine Sensation made in Germany. "Damit könnten viele Millionen Menschenleben gerettet werden." Auch wenn es noch ein langer Weg bis zum fertigen Impfstoff ist - derzeit gibt es niemand auf der Welt, der einen aussichtsreicheren Wirkstoff entwickelt.

Doch wer soll den Impfstoff bekommen? Ein Pharmakonzern? "Nur dann", findet Kaufmann, "wenn wir sicher sein können, dass er wirklich in Afrika oder Asien zur Verfügung gestellt wird." Der Professor verkaufte seine Entdeckung deshalb vor vier Jahren an VPM, die vom Forschungsministerium finanzierte Firma.

VPM sollte den Impfstoff weiterentwickeln und erstmals am Menschen testen. Im September dieses Jahres war es so weit. "Nach mehr als 80 Jahren wird in Deutschland zum ersten Mal ein vielversprechender Lebendimpfstoff gegen Tuberkulose am Menschen geprüft", meldete die Nachrichten- Agentur DPA vor acht Wochen. Die Pressestelle von Annette Schavan (CDU) prahlte: "Mit der Impfstoff-Initiative leistet das Bundesministerium für Bildung und Forschung einen wichtigen Beitrag zur Bekämpfung armutsbedingter Krankheiten in Entwicklungsländern."

Schöne Worte. Nur: Wer garantiert, dass der mit Steuergeldern gekaufte Impfstoff wirklich in Entwicklungsländern ankommt? Wer garantiert, dass VPM die Lizenz nicht einfach an einen Pharmakonzern weiterverkauft und der Impfstoff anschließend nur zahlungskräftigen Menschen zur Verfügung steht?

Völlig freie Hand

Die Büros von VPM sind in Hannover. Ihr Geschäftsführer Bernd Eisele, 48, kommt aus der Pharmaindustrie und versteht sein kleines Unternehmen auch so: "VPM ist ein Pharmaunternehmen ohne eigene Forschung und Produktion." Die Firma kaufe Wirkstoffe ein, lasse erste klinische Tests am Menschen durchführen und verkaufe das Produkt dann mit Gewinn weiter. Derzeit verfügt VPM über fünf Wirkstoffkandidaten, einer davon ist der von Professor Kaufmann entwickelte Tuberkulose-Impfstoff. Verkauft hat VPM noch nichts, die staatliche Förderung läuft aber 2010 aus. Deshalb sei VPM darauf angewiesen, den Tuberkulose-Wirkstoff möglichst teuer loszuschlagen. "Wir werden im nächsten halben Jahr gezielt Firmen ansprechen, um den Impfstoff zu verkaufen." Eisele sagt, dass das Forschungsministerium ihm freie Hand gelassen habe, den Impfstoff vermarkten zu können, an wen er wolle. Es gibt keine vertragliche Regelung, dass der Impfstoff den Betroffenen in den Entwicklungsländern zur Verfügung gestellt werden muss. Eine Sprecherin von Ministerin Schavan widerspricht dem nicht.

VPM hat den Impfstoff von Professor Kaufmann für schätzungsweise 40.000 Euro gekauft und damit alle Rechte erworben. Inzwischen dürfte er aber schon mindestens fünf Millionen Euro wert sein. Vielleicht auch zehn Millionen. In einer Analyse von VPM wird der weltweite Umsatz, den man mit dem neuen Tuberkulose-Impfstoff lose-Impfstoff erzielen kann, auf 450 Millionen US-Dollar beziffert.

Selbstverständlich wäre es denkbar, dass Geschäftsführer Eisele beim Verkauf an einen Pharmakonzern festschreibt, dass der Impfstoff in Armutsländern günstig erhältlich sein muss. Doch so eine Bedingung verringert den Preis, und daran kann die Firma kein großes Interesse haben. "Ich muss beim Vertragsschluss darauf achten, dass wir so viel Geld einnehmen, dass VPM weiterexistieren kann", sagt der Manager. Geld, dass dann allerdings weder dem Staat noch dem Forscherteam zugutekommt, sondern allein VPM.

"Robert Koch würde sich im Grabe umdrehen"

Max-Planck-Forscher Kaufmann schlägt ein Zwei-Preis-System vor, bei dem in ärmeren Ländern wenig und in reichen Ländern mehr bezahlt werden müsste. Das wäre eine Lösung. Möglich ist es auch, den Wirkstoff an Aeras zu verkaufen, eine von Microsoft-Gründer Bill Gates und seiner Frau Melinda finanzierte Organisation, die sich der Bekämpfung von Tuberkulose verschrieben hat. Doch auch Aeras würde wohl weniger bezahlen als ein Pharmakonzern.

Die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen sieht nun die große Gefahr, dass der neue Impfstoff wieder nicht bei den Menschen in Afrika oder Asien ankommt, die ihn am nötigsten brauchen. Oliver Moldenhauer, Koordinator der Medikamentenkampagne von Ärzte ohne Grenzen, hält es für ungeheuerlich, dass die Ergebnisse staatlich finanzierter Impfstoffforschung anschließend privaten Konzernen zur Verfügung gestellt würden, die damit machen könnten, was sie wollten: "Warum finanzieren wir denn als Steuerzahler VPM? Damit VPM groß und stark wird und möglichst viel Geld einnimmt? Nein! Die staatliche Finanzierung ergibt doch nur einen Sinn, wenn anschließend die Impfstoffe auch in den ärmeren Ländern ankommen." Oliver Moldenhauer glaubt: "Robert Koch würde sich im Grabe umdrehen, wenn er das wüsste."

Annette Schavans Ministerium will jetzt, nachdem es vom stern mit dem Vorgang konfrontiert wurde, darauf achten, dass eine "Anwendung auch für ärmere Bevölkerungen zu erwarten ist". Hätte das Ministerium diese Frage schon vorher vertraglich geregelt - die Tuberkulose-Infizierten in den Entwicklungsländern hätten eine größere Chance zu überleben.

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