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Rätselhaftes Phänomen: Warum Hunderte Flüchtlingskinder in Schweden ins Koma fallen

"Sie lösen sich einfach von dieser Welt los": Hunderte Flüchtlingskinder in Schweden sind in einen komaähnlichen Zustand gefallen, nachdem sie erfahren haben, dass ihre Familien abgeschoben werden sollen.

Füße eines schlafenden Kindes im Bett (Symbolbild für Resignation Syndrome in Schweden)

"Eine Art gewolltes Sterben": Das Resignation Syndrome scheint ausschließlich bei Flüchtlingskindern in Schweden aufzutreten (Symbolbild).

Hinweis: Dieser Text wurde auf stern.de bereits im März veröffentlicht. Er zählte zu den meistgelesenen Stücken des Jahres. Zum Jahresrückblick spielen wir die besten Artikel in loser Reihenfolge bis zum Ende des Jahres.

In Schweden sorgt seit vielen Jahren eine mysteriöse Erkrankung von Flüchtlingskindern für Aufsehen, von der außerhalb des Landes kaum Notiz genommen wird. Hunderte Kinder aus geflüchteten Familien sind seit den frühen 2000er-Jahren an dem Uppgivenhetssyndrom oder Resignation Syndrome (RS) erkrankt, nachdem ihre Familien darüber informiert wurden, dass sie in ihr Herkunftsland abgeschoben werden sollen.

Die Auswirkungen der Krankheit sind dramatisch: Die Betroffenen fallen in einen komaähnlichen Zustand. Der typische Patient sei "vollkommen passiv, unbeweglich, habe keine Muskelspannung, sei zurückgezogen, stumm, unfähig zu essen und zu trinken, inkontinent und reagiere nicht auf physische Reize oder Schmerz", zitiert das US-Magazin "The New Yorker" in einem umfangreichen Artikel über die Krankheit den Direktor der kinderpsychiatrischen Abteilung der Karolinska-Universitätsklinik in Stockholm, Göran Bodegård. Ohne medizinische Hilfe würden die Kinder sterben.

Syndrom betrifft nur bestimmte Flüchtlingsgruppen

Die Karolinska-Klinik war in den frühen 2000er-Jahren, als die Krankheit aufkam, wichtigster Anlaufpunkt für Betroffene, da sie als einzige in Stockholm eine kinderpsychiatrische Station hatte, wie der "New Yorker" berichtet. Die Eltern seien damals überzeugt davon gewesen, dass ihre Kinder sterben würden. Woran, hätten sie nicht gewusst. Sie hätten an Cholera oder eine unbekannte Seuche geglaubt. Schon bald seien alle Betten der Station mit RS-Patienten belegt gewesen. In ganz Schweden wurden laut einer Studie des Journals "Frontiers in Behavioral Neuroscience" aus dem Jahr 2016 zwischen dem 1. Januar 2003 und dem 31. April 2005 424 erkrankte Kinder gemeldet, die meisten zwischen acht und fünfzehn Jahre alt. Nachdem die Behörden die Handhabung der Asylbestimmungen im Jahr 2006 lockerten, sei die Zahl neuer Fälle gesunken, doch noch immer werde die Krankheit bei dutzenden Kindern diagnostiziert.

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Anfang 2014 wurde das Resignation Syndrome von den schwedischen Gesundheitsbehörden als neuer Diagnosegegenstand anerkannt. Medizinisch bleibt es aber rätselhaft. Besonders mysteriös ist, dass es scheinbar ausschließlich in Schweden auftritt - Fälle außerhalb des Landes sind laut "Frontiers in Behavioral Neuroscience" nicht bekannt - und nur bestimmte Flüchtlingsgruppen betrifft. Nahezu alle Kinder stammen aus dem Kosovo, aus Serbien, Aserbaidschan, Kasachstan oder Kirgistan. Einige sind Roma oder Uiguren.

Wissenschaftler sehen das als Hinweis auf eine enge Verbindung der Krankheit mit den kulturellen Hintergründen der Betroffenen. So habe die schwedische Regierung in einem 2006 veröffentlichten Bericht die Theorie aufgestellt, dass es sich um ein Kultur-gebundenes Syndrom handelt, eine psychische Krankheit die nur in einer speziellen Gesellschaft vorkommt, schreibt Autorin Rachel Aviv im "New Yorker". Die "Apathischen", wie die Kinder in Schweden genannt werden, stammten demnach alle aus holistischen Kulturen, in denen es schwierig sei, zwischen der Privatsphäre des Individuums und dem Herrschaftsbereichs des Kollektivs Grenzen zu ziehen. Sie würden sich für ihre Familien opfern, in dem sie das Bewusstsein verlieren. "Auch, wenn es keine direkte Ermutigung oder Anweisung dafür gibt, agieren viele in holistischer Denkweise aufgezogene Kinder möglicherweise gemäß den unausgesprochenen Regeln der Gruppe", zitiert Aviv aus dem Bericht. Jede Kultur besitzt demnach ein "Symptom-Repertoire", wie Edward Shorter, Medizinhistoriker an der Universität von Toronto es nennt, "eine Auswahl physischer Symptome, die dem Unterbewusstsein zur Verfügung stehen, um psychologischen Konflikten physisch Ausdruck zu verleihen".

"Ich glaube, dieses Koma ist eine Form des Schutzes"

Die genauen Ursachen für das Resignation Syndrome sind weiterhin unklar, aber viele Forscher und Mediziner gehen davon aus, dass die Flüchtlingskinder nach so dramatischen Erlebnissen wie der Bedrohung des eigenen Lebens, Vertreibung und Flucht ohne Hoffnung einfach nicht mehr weiterleben könnten. Nachdem sie mit ihren Familien in einem sicheren Land wie Schweden Zuflucht gefunden hätten, sei es für die Kinder unvorstellbar, in die schrecklichen Verhältnisse in ihrer Heimat zurückzukehren. Deshalb fielen sie in einen komaähnlichen Zustand.

"Ich glaube, dieses Koma in dem sie sich befinden, ist eine Form des Schutzes", beschreibt Dr. Elisabeth Hultcrantz von der Linköping-Universität im "New Yorker" die Verfassung der Betroffenen. "Sie sind wie Schneewittchen, Sie lösen sich einfach von dieser Welt los."

Hultcrantz hat nach Angaben des "New Yorker" bereits mehr als vierzig apathische Kinder behandelt. Zu ihren Patienten zählt auch das russische Flüchtlingskind Georgi, dessen Fall Rachel Aviv beispielhaft schildert. Georgi sei 2007 im Alter von fünf Jahren mit seiner Familie nach Schweden gekommen, berichtet die Autorin. Seine späteren Klassenkameraden und Lehrer hätten ihn als außerordentlich freundlichen, immer gut gelaunten, energiegeladenen Jungen beschrieben. Sein Schuldirektor habe ihn ein "Vorbild für alle Mitschüler" genannt, jemand, der eine "tiefe Dankbarkeit für die Schule" zeige.

"Sie müssen Schweden verlassen"

Im Sommer 2015, kurz vor Beginn des siebten Schuljahres, habe Georgi erfahren, dass das Asylgesuch seiner Familie zurückgewiesen wurde. Die Nachricht sei in einem Brief gekommen, den der mittlerweile 13-Jährige für seine Eltern übersetzt habe. Die Eltern hätten Widerspruch gegen den Bescheid eingelegt, doch während des Wartens auf das Ergebnis habe Georgi sich verändert. Er sei übellaunig und unnahbar geworden und habe aufgehört, Russisch zu sprechen.

Im Dezember 2015 sei der Asylantrag dann endgültig abgelehnt worden. "Sie müssen Schweden verlassen", hätten die Behörden der Familie schriftlich mitgeteilt. Ihre Deportation nach Russland sei für April geplant. Georgi habe den Brief stumm gelesen, fallengelassen, sei in sein Zimmer gegangen und habe sich auf sein Bett gelegt, schreibt Aviv.

Er sagte, sein Körper begann sich anzufühlen, als sei er vollkommen flüssig. Seine Gliedmaßen fühlten sich weich und porös an. Er wollte nur noch seine Augen schließen. Sogar das Schlucken erforderte eine Anstrengung, die er nicht aufbringen konnte. Er fühlte einen starken Druck im Gehirn und in seinen Ohren. Er drehte sich zur Wand und hämmerte mit der Faust dagegen. Am nächsten Morgen weigerte er sich, das Bett zu verlassen oder zu essen.

Als Hultcrantz den Jungen drei Tage später das erste Mal untersucht habe, schien er zu schlafen, berichtet Aviv weiter. Doch eine Kontaktkaufnahme mit ihm sei bereits nicht mehr möglich gewesen. Innerhalb von kürzester Zeit habe Georgi massiv an Gewicht verloren. Schließlich habe er über einen Tubus künstlich ernährt werden müssen.

Ähnliches Verhalten bei KZ-Häftlingen beobachtet

Das Resignation Syndrome sei eine Art gewolltes Sterben, schrieb Magnus Kihlbom, Direktor eines Stockholmer Instituts für Kinderpsychiatrie, dem "New Yorker" zufolge im schwedischen Medizinjournal Läkartidningen. Kihlbom zitierte dazu den Psychiater Bruno Bettelheim, einen Überlebenden des Holocaust, der berichtete, dass einige Häftlinge in den Konzentrationslagern "physisch und emotionell so erschöpft waren, dass sie ihrem Umfeld die vollkommene Gewalt über sie gegeben hatten". Sie hätten aufgehört zu essen, stumm und bewegungslos in Ecken gesessen und seien gestorben.

Von Schwedens "Apathischen" sei so weit bekannt keiner gestorben, heißt es im "New Yorker". Einige wenige seien allerdings schon bis zu vier Jahre lang bettlägerig. Auch Georgi hat seine mysteriöse Krankheit überlebt. Gerettet wurde er dem Bericht zufolge durch das einzige bislang bekannte Heilmittel für das Syndrom: eine permanente Aufenthaltsgenehmigung. Im Mai 2016 hätten die Behörden Georgis Familie mitgeteilt, dass sie für immer in Schweden bleiben dürfe, da ihr Sohn sichere und stabile Lebensbedingungen brauche, um wieder gesund zu werden. Zwei Wochen dauerte es, bis Georgi erstmals eine kleine Reaktion auf die frohe Botschaft zeigte, die ihm seine Familie und seine Freunde jeden Tag zu vermitteln versuchten: Er öffnete für einen kurzen Moment seine Augen. Bei manchen Patienten dauert es sogar Monate, bis sie begreifen, dass sich ihre Situation verändert hat.

Mittlerweile sei Georgi weitestgehend genesen, berichtet Aviv. Seine Leistungen in der Schule seien nicht mehr ganz so gut wie vor der Krankheit, sein Russisch sei ein wenig schwerfälliger geworden und er ermüde leichter. Aber Dr. Elisabeth Hultcrantz sei sich sicher, dass der Junge wieder vollkommen gesund werde.

Georgi selbst erzählte Avid, dass es nicht seine Absicht gewesen sei, einzuschlafen. Zunächst habe er nur den ganzen Tag im Bett liegen wollen, zum Teil aus Wut über seine Eltern, die sich seinem Empfinden nach nicht genug angestrengt hatten, um die schwedischen Behörden davon zu überzeugen, dass sie in das Land gehörten. "Warum soll ich zur Schule gehen, wenn ich nicht  hier in Schweden bleiben und eine Arbeit bekommen kann", zitiert die Autorin den Jungen.

Dann habe der Protest ein eigenes Momentum entwickelt: "Mein ganzer Wille - ich hatte ihn nicht mehr", beschreibt Georgi im "New Yorker" seinen Zustand. "Ich war einfach sehr müde." Er habe sich gefühlt, als befände er sich in einem Glaskasten mit zerbrechlichen Wänden tief unten im Meer. Wenn er gesprochen oder sich bewegt hätte, so habe er geglaubt, wäre das Glas zerbrochen. "Das Wasser wäre hereingeströmt und hätte mich umgebracht." Jetzt verstehe er, dass das alles nicht real gewesen sei, sagt Georgi. Doch während der fünf Monate im Bett sei es für ihn sehr schwierig gewesen, denn jede Bewegung hätte ihn töten können. "Ich habe dort gelebt."

Lesen Sie hier den vollständigen Artikel im "The New Yorker"

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