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Erste Fälle in Deutschland Webasto-Chef zu Corona-Ausbruch: "Wir haben verdammt viel richtig gemacht"

Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender der Webasto SE
Holger Engelmann, Vorstandsvorsitzender der Webasto SE
© Sven Hoppe / DPA
Deutschlands erste bekannte Corona-Fälle gab es beim Autozulieferer Webasto. Die Nachricht vom Ausbruch in seinem Unternehmen erreichte Webasto-Chef Holger Engelmann zu Hause per Mail. Heute zieht er ein positives Fazit des Krisenmanagements.

Vor einem halben Jahr schaute ganz Deutschland auf Stockdorf bei München: Dort, in der Firmenzentrale des Automobilzulieferers Webasto, gab es die ersten bekannten Corona-Fälle in Deutschland. Eine chinesische Mitarbeiterin hatte das Virus auf einer Dienstreise mitgebracht. Die Nachricht von ihrem positiven Test erreichte Firmenchef Holger Engelmann am Montagmorgen zu Hause, wie er der Deutschen Presse-Agentur sagt.

"Montag Abend hatten wir dann den ersten deutschen Mitarbeiter, der positiv getestet wurde, und am Dienstag waren es noch drei weitere. Das ging dann sehr schnell, dass wir mitten in der Corona-Pandemie waren." Doch inzwischen zieht Engelmann ein positives Fazit des Krisenmanagements. 

"Haben schnell und transparent reagiert"

"Ich glaube, wir haben verdammt viel richtig gemacht. Wie wir damals gehandelt haben, ist auch aus heutiger Sicht eine Blaupause, wie man Infektionsketten unterbricht", sagt Engelmann. "Wir haben schnell und transparent reagiert, haben schnell getestet und Hygienemaßnahmen eingeführt. Ich glaube, so kann man aufflackernde Ausbrüche in den Griff bekommen. Aber man braucht natürlich immer auch ein bisschen Glück."

Zwei Tage nach Bekanntwerden des ersten Falls am 27. Januar schloss Webasto seine Zentrale für zwei Wochen. Zusammen mit den staatlichen Stellen gelang es damals, den Ausbruch einzufangen. "Die Behörden haben an uns eine Art Probefall durchexerzieren können, der gut ausgegangen ist", sagt Engelmann rückblickend. "Vielleicht haben wir in Deutschland dadurch auch einen kleinen Vorsprung gehabt, bevor die richtige Welle losging."

Ausbruch am Hauptsitz gut verkraftet

"Schnelligkeit war und ist extrem wichtig" fasst der Manager seine Erfahrungen zusammen. Man müsse sofort Listen zusammenstellen, unmittelbar darauf testen und schnell ein Ergebnis bekommen. Nur so könne man das Virus einholen. "Da haben wir den Behörden in der Anfangsphase sicherlich auch geholfen, weil wir unser Personal zur Verfügung gestellt haben, das den Mitarbeitern hinterhertelefonierte." Insgesamt bewertet er die Zusammenarbeit mit den Behörden aus heutiger Sicht als "sehr gut". Man habe gemeinschaftlich gelernt. 

Die Erfahrungen haben auch Webasto selbst schon genutzt. "Wir hatten noch Fälle an unterschiedlichen Standorten: USA, Mexiko, auch Europa", sagt Engelmann. Dort habe man aber nicht schließen müssen. "Es reichte, schnell und konsequent zu reagieren, um eine weitere Ausbreitung zu unterbinden."

Den Ausbruch am Hauptsitz in Stockdorf hat Webasto laut Engelmann gut verkraftet. Wirtschaftlich habe er keine großen Auswirkungen gehabt. Und auch ein möglicher Reputationsschaden, sei am Unternehmen vorbeigegangen. "Wir hatten die Sorge, dass wir als diejenigen dastehen, die Corona nach Deutschland gebracht haben", erinnert er sich. Aber es sei gelungen, als Unternehmen gesehen zu werden, das verantwortungsvoll mit der Herausforderung umgeht. 

Inzwischen gibt es mehrere Infektionen mit dem Coronavirus in Deutschland. Alle bekannten Fälle sind beim Autozulieferer Webasto aufgetreten. Eine Sprecherin des Unternehmens erläutert in der Webasto-Zentrale in Stockdorf, Landkreis Starnberg, was das Unternehmen für Maßnahmen ergreift, um weitere Infektionen zu verhindern. Tatsächlich schließt Webasto seinen Stammsitz im oberbayerischen Stockdorf, einem Ortsteil von Gauting, bis Sonntag. Webasto ist ein großer Zulieferer für die Autoindustrie mit 13.400 Mitarbeitern an weltweit 50 Standorten - zwölf in China und einer davon in Wuhan. Die infizierte Chinesin, die zu dem Seminar der Firma gekommen war, hatte sich bei ihren Eltern in der Stadt angesteckt. Symptome entwickelte sie erst beim Rückflug nach China am 23. Januar. Im Kampf gegen das Virus kommen in Deutschland neue Meldepflichten auf Airlines und Krankenhäuser zu, wie Gesundheitsminister Jens Spahn CDU) mitteilte. So sollen bei Flügen aus China die Piloten vor dem Landen den Tower über den Gesundheitszustand der Passagiere informieren. Reisende aus China sollen Angaben zu Flug, Aufenthaltsort und Erreichbarkeit in den nächsten 30 Tagen machen. Dem ersten Patienten mit dem neuen Virus in Deutschland, ein 33-Jähriger aus dem Landkreis Landsberg am Lech, gehe es gut, sagte Clemens Wendtner, Chefarzt im Münchner Klinikum Schwabing. "Er ist fieberfrei, hat auch derzeit keine Atemwegssymptomatik mehr." Die Inkubationszeit beträgt bei der Lungenkrankheit bis zu zwei Wochen. Allerdings sind Infizierte bereits ansteckend, noch bevor sie Symptome zeigen, was die Eindämmung des Virus besonders erschwert. Die Symptome - darunter trockener Husten, Fieber und Atemnot - können mit Medikamenten abgemildert werden. Nach Einschätzung von Experten verläuft die Lungenkrankheit offenbar in den meisten Fällen mild, zum Teil sogar ohne Symptome.
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Webasto wirtschaftlich von Corona-Pandemie betroffen

Dennoch leidet auch Webasto unter der Corona-Pandemie. "Wirtschaftlich haben wir in den letzten Monaten massiv gespürt, dass unsere Kunden ihre Produktion eingestellt haben", sagt Engelmann. Inzwischen springe sie von Region zu Region wieder an, aber ein Umsatz-Einbruch von zwei bis vier Monaten bleibe. Das sei auch auf Jahressicht nicht mehr aufzuholen. "Langfristig werden wir über die nächsten vier, fünf Jahre niedrigere Volumina bei der weltweiten Fahrzeugproduktion haben", sagt Engelmann. "Das macht notwendige Investitionen in neue Bereiche wie die Elektromobilität schwieriger."

Dennoch ist der Manager überzeugt: "Wir werden durch diese Situation gut hindurchkommen. Sie hat sogar den Zusammenhalt in der Firma gestärkt." Auch finanziell sei Webasto so aufgestellt, dass man die Krise bewältigen könne.

Webasto stellt unter anderem Dach- und Heizsysteme für die Autoindustrie her. Zudem setzt das Unternehmen auf Batterien und Ladesysteme für die Elektromobilität. Weltweit hat der Zulieferer rund 13.000 Mitarbeiter.

rw / Christof Rührmair DPA

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