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"The Dark Knight": Böse wie Batman

Christopher Nolans zweiter Batman-Film bricht in den USA Besucher-Rekorde. Sogar das sensationelle Einspielergebnis von "Titanic" könnte überboten werden. Woher kommt die Lust am dunklen Ritter, der niemals lacht? Liegt es tatsächlich am letzten Auftritt von Heath Ledger?

Von Sophie Albers

In den USA hat "The Dark Knight" am ersten Wochenende alle Rekorde gebrochen. Nach zehn Tagen hat die Neuverfilmung des DC-Comic-Klassikers die 300-Millionen-Dollar-Grenze gesprengt. Schneller als jeder Film zuvor. Batmans Erfolg könne sogar "Titanic" versenken, der in den USA insgesamt 600 Millionen Dollar eingespielt hat, heißt es. User der "Internet Movie Database" werten die Geschichte von Gut, Böse und dem dazwischen derzeit als besten Film - vor "Der Pate" und "Einer flog übers Kuckucksnest". Der Batman-Hype ist enorm. Aber warum eigentlich?

Es war ein langer Weg für Bruce Wayne, den Multimillionär aus Gotham City, der des Nachts die Fledermausmaske auspackt und sich ins Batmobil schwingt. Die Comicfigur, die Bob Kane 1939 als Anti-Superman erfand, war ein unerwarteter Erfolg. Der dekadente Partylöwe gegen den spießigen Saubermann. Der Mensch gegen den Außerirdischen. Schwarz gegen Weiß, doch beide wollen das Gute. Wie bei allen erfolgreichen Reihen schlief jedoch auch der Erfolg von Batman irgendwann ein. Mit seinem jugendlichen Helfer Robin im Familienanwesen musste sich der Retter der Nacht in den 50er und 60er Jahren zudem vorwerfen lassen, mittels Homoerotik die Jugend zu verderben. Da half auch eine TV-Serie über die Helden in Strumpfhosen nicht.

Tauchgang in die Superhelden-Psyche

Dann kam das Ende der 80er Jahre, und der begnadete Comicautor Frank Miller ("Sin City") nahm sich der Fledermaus an, um sie neu zu erfinden. Es wurde ein Tauchgang in die Superhelden-Psyche, das Ende der großen Geschichte, die im Kleinen weiterging. Und der Erfolg gab Miller Recht.

Und schon kamen aufmerksame Geldverwerter in Hollywood auf die Idee, sich des düsteren Helden anzunehmen. Regisseur Tim Burton ("Nightmare before Christmas", "Big Fish") drehte 1989 "Batman". Mit Michael Keaton hinter der Maske und Jack Nicholson als Joker war der Film ein wohlberechneter Erfolg, es folgten drei weitere Filme. Zwei Mal führte Burton Regie, zwei Mal Joel Schumacher. Am Ende war die Reihe tot, eine Lachnummer, grellbunter Schabernack und das sogar, obwohl 1997 in "Batman&Robin" George Clooney in den Latexanzug stieg. Die Warner Studios hatten mit dem Thema abgeschlossen.

Doch so wie einst Frank Miller die Comicfigur neu erfand, stellte sich im neuen Jahrtausend Christopher Nolan ("Memento", "The Prestige") zum cinematografischen Neustart zur Verfügung - allerdings nur unter der Bedingung, dass er auch tatsächlich machen darf, was er will. 2005 kam "Batman Begins" in die Kinos, und es war so, als habe es die vier anderen Filme nie gegeben.

Abgang Heath Ledger

Und nun also "The Dark Knight". Die Geschichte schließt chronologisch an "Batman Begins" an, doch steht der sechste Film ganz im Zeichen des Bösewichts, und das hat ganz realistische Gründe: Der Joker ist die letzte Rolle des im Januar an einer Überdosis Medikamente verstorbenen Heath Ledger ("Brokeback Mountain"). Nicht nur sein Tod schwebt über diesem ohnehin morbiden Film als dunkler Schatten, sein Auftritt stößt sogar Jack Nicholson vom Thron, dessen Joker 1989 in die Filmgeschichte eingegangen ist. Soviel Boshaftigkeit und Brutalität hätte eine Comicverfilmung damals nicht gewagt, hätte womöglich sogar Nicholson in einer solchen nicht gewagt.

Nolans Joker ist ein Nihilist, ein Geist, der stets verneint, dessen einziges Ziel es ist, "die Welt brennen zu sehen". Keine Ideologie, keine Verblendung, kein Terrorismus, da ist reiner Zerstörungswille am Werk. Und da das Böse bekanntlich spannender ist als das Gute, geht neben Ledger die große, aber eben subtile Schauspielleistung von Christian Bale ("American Psycho", "The Machinist") fast unter. Wie bereits in "Batman Begins" bietet Bale einen ganzen Fächer an Charakterzeichnungen dieses "realistischsten aller Superhelden", wie Nolan seine Hauptfigur einst beschrieb. Hat "Batman Begins" noch nach den Dämonen im Kopf von Bruce Wayne gesucht, scheinen diese nun in Gotham City auf ihn zu warten.

Batman und Bush

Deutungen gibt es viele für den Helden der düsteren Grautöne. Manche verstehen "The Dark Knight" als Allegorie auf den Antiterrorkampf, auf das Post-9/11-Trauma, andere nehmen es als Gesamtmetapher für die Schizophrenie des Lebens, das nie nur gut oder nur schlecht ist. Einen wahren Blogger-Krieg hat ein Meinungsstück im "Wall Street Journal" vom vergangenen Freitag ausgelöst: Darin steht zu lesen, "The Dark Knight" sei ein "Lobgesang auf die Tapferkeit und Zivilcourage, die George W. Bush in Zeiten des Terrors und Krieges zeigt". Schließlich werde auch Bush dafür verachtet und verunglimpft, dass er Terroristen in der einzigen Weise angehe, "die sie verstehen".

"Ich wollte etwas machen, das ich so vorher noch nie gesehen habe", sagt Regisseur Nolan über seine "Batman"-Reihe. "Warum können die Leute den Film nicht einfach als Film genießen", fragt fast ein bisschen resigniert Blogger "Stx". "Hört auf alles mit dem Terrorismus zu vergleichen. Menschen gucken sich diese Filme an, um der Realität zu entfliehen." Damit muss das deutsche Publikum allerdings noch ein bisschen warten: Hier läuft das neue Abenteuer des dunklen Ritters zuletzt an - nach Peru, Libanon und Russland: am 21. August.