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Berlinale Update: GAU und Krieg zum Valentinstag

Valentinstag! Und im Kino laufen die Tschernobyl-Katastrophe und Krieg auf dem Balkan. Aber Berlinale-Chef Dieter Kosslick ist blendend gelaunt. Und Gerard Butler ist sexy wie immer. Die ganz persönlichen Berlinale-Betrachtungen von Sophie Albers.

Was machst du gerade? Mich über Berlinale-Chef Dieter Kosslick freuen, der nach nur vier Stunden Schlaf selbst noch den Tatter hat, aber beim Interview (am Dienstag auf stern.de) ehrliche Tipps zum Berlinale-Überstehen verabreicht. Und der Mann weiß nach zehn Jahren Festival-Stress Bescheid: Finger weg von Aspirin Complex, eine normale Aspirin wirkt genauso und ist gesünder. Und ab und an ein Glas lauwarmes Wasser...

Energiepunkte:

114 Prozent dank Valentinstag.

Film des Tages:

Ich habe von Ralph Fiennes Regiedebüt und Wettbewerbsbeitrag "Coriolanus" (Shakespeare im Balkankrieg - und Gerard Butler ist auch dabei) viel erwartet, aber irgendwas stimmte nicht... Dafür hat Alexander Mindadzes Film "An einem Samstag" (Russland/ Deutschland/ Ukraine) eine Intensität, über die ich auch nach dem Festival noch nachdenken werde. Es ist eine fiktionale Geschichte über den Super-GAU von Tschernobyl (vor mittlerweile 25 Jahren!), erzählt aus der Perspektive eines jungen Mannes namens Valery, der im Reaktor arbeitet und mitbekommt, was wirklich passiert, während der Rest der Bevölkerung mit Fehlinformationen ahnungslos gehalten wird. Er will mit seiner Freundin fliehen. Immer wieder gibt es zerschmetternde Bilder vom sinnlosen Versuch, vor der atomaren Strahlung davonzurennen. Während Valery hetzt, kommt ihm aber immer wieder das angesichts der Katastrophe lächerliche Leben dazwischen: der abgebrochene Absatz vom Schuh seiner Freundin, der Auftritt seiner alten Band, die Ignoranz und Unwissenheit seiner Freunde und Mitmenschen. Es ist die Beiläufigkeit der unfassbaren Katastrophe, die diesen Film so anders und besonders macht. Da kommen alte 80er-Jahre-Ängste wieder hoch, und gleichzeitig wundert man sich, wie sehr man sich an die atomare Bedrohung gewöhnt hat

Was die Welt nicht braucht:

3-D-Tage. Die Berlinale haute den Besuchern am Sonntag jede Menge Dreidimensionales um die Ohren. "Tales Of The Night" ist ein Animationsfilm, der parabelhafte Märchen erzählt, "Pina" ist Wim Wenders' Hommage an die verstorbene Ausdruckstänzerin Pina Bausch, "Cave Of Forgotten Dreams" ist Werner Herzogs Dokumentarfilm über eine Höhle in Frankreich, die der Öffentlichkeit nicht zugänglich ist, weil sich an den Wänden perfekt konservierte, mehr als 30.000 Jahre alte Malereien befinden. Den Märchen gab die dritte Dimension nette Bilder, aber es war eben nur nett. "Pina" nutzt die Tiefe zu subtil, als dass es einen sofort umgehauen hätte. Auf das "Sichtbarmachen" der Kunst der Pina Bausch (Wenders) muss man sich wirklich einlassen, um den Film richtig zu mögen. Und Herzogs Höhlenmalerei hat große Momente, wenn man mitten zwischen Stalaktiten in der Höhle zu stehen scheint. Allerdings sorgen Herzogs väterliche Erklärstimme und Szenen wie "Wir lauschen jetzt der Stille der Höhle", worauf zuerst Herzschläge und dann Musik zu hören sind, für unfreiwillige Komik. 3D hat definitiv noch einen langen Weg vor sich. Und es muss mehr werden als ein Gadget und der verzweifelte Versuch, die Leute ins Kino zu holen. Die Berlinale-Experten-Diskussionsrunde "3D: Fad or Fab" kam zu dem Schluss: 3D wird bleiben, ist aber nicht billig und funktioniert nicht immer...

Was der Tag dringend braucht:

Mehr als 24 Stunden, um auf diesem Festival alles zu sehen und zu hören, was spannend ist

Sichtung des Tages:

Ralph Fiennes (vor dem ich seit "Harry Potter" kindische Angst habe) und Gerard "I'm too sexy for my shirt" Butler. Letzterer kam in Lederjacke, mit Wuschelkopp und dreckiger Bräune im gegerbten Männergesicht und hatte alle Frauen auf der Pressekonferenz sofort auf seiner Seite, auch wenn sein Clinch mit Fiennes in "Ciriolanus" eher homoerotisch anzusehen ist.

Zitat der Tages:

"Intellektualität ist für mich immer eine Herausforderung" (Gerard Butler)

News des Tages:

Aus der Geschichte der 15-jährigen holländischen "Skandal-Seglerin" Laura Dekker werden ein Spielfilm und eine Dokumentation

Und mal so nebenbei:

Ralph Fiennes hat mehr Haare als erwartet