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Die Medienkolumne: Ein neuer Job für Joschka Fischer?

Von Franz Müntefering über Lance Armstrong bis Eminem - es ist die Stunde der "Comebacks". Nur von einem Alphatier der jüngsten Vergangenheit hört man bislang wenig: Was macht eigentlich Joschka Fischer? Eine freundliche Vermutung.

Von Bernd Gäbler

Alle kommen zurück. So sah es die linksalternative "taz": "Münte is Beck". "Der Spiegel" stellte gar das Duo Frank-Walter Steinmeier und Franz Müntefering in den Schattenriss des Alt-Kanzlers Gerhard Schröder, dessen fröhliche Wiederauferstehung sie als Kern des SPD-Putsches sahen. Während der US-Open feierte Roger Federer sein Comeback, und jetzt hat auch noch Lance Armstrong angekündigt, demnächst wieder die "Tour de France" gewinnen zu wollen. Selbst Eminem plant nach langer Abstinenz ein neues Album.

Und ein "grand old man" ist schon längst so sehr zurückgekommen, dass er reihenweise zum "weisesten", ja "coolsten" Deutschen gewählt wird: Helmut Schmidt hat sich "außer Dienst" zurückgemeldet. Er überstrahlt allen parteipolischen Hader - Horst Köhler könnte erblassen. Mit weiteren Büchern, Filmen und TV-Auftritten (Beckmann, Hofmann, Wickert, Trebitsch), Matinees und Festveranstaltungen der "Zeit", der Hansestadt Hamburg und am Ende auch der SPD wird sein 90. Geburtstag begangen werden. Der früher als kalter Technokrat gescholtene Macher wird auf seine alten Tage warmherzig geliebt.

Wo bleibt Joschka Fischer?

Trotz all dieser Comebacks - von einem Großen der jüngeren Vergangenheit hört man relativ wenig. Was treibt nur Joschka Fischer? Die offizielle Lesart lautet, dass er mit der Politik ein für allemal aufgehört habe. Diese Tür sei abgesperrt, der Schlüssel weggeworfen. Was sollte Joschka Fischer auch tun, wohin sollte es ihn drängen? Bundespräsident kann ein Grüner kaum werden - etwa diese Regionen dürfte er aber für angemessen halten.

Auch ein Amt als EU-Kommissar ist mit diesem parteipolitischen Hintergrund derzeit auf keinen Fall drin. Überhaupt dürfte es Joschka Fischer aktuell nicht in die tagespolitisch-praktische Politik drängen. Da lockt eher der Überbau. Ein deutsches Princeton aber ist nicht in Sicht. Eine gewöhnliche Politik-Professur mit Schwerpunkt Außenpolitik aber wäre wiederum mit zuviel irdischem Ballast verbunden. Oder glaubt jemand, ein Joschka Fischer habe Lust darauf, eifrig Bachelor-Arbeiten zu korrigieren oder nachzuforschen, welche Passagen aus dem Internet geklaut sind?

"Freier Mann in einem freien Land"

Nein, vorerst agiert der Ex-Außenminister Joschka Fischer als "freier Mann in einem freien Land", wie es Fraktionschefin Renate Künast etwas gönnerhaft formulierte. Entgegen der Programmatik der Partei Bündnis 90/Die Grünen hatte Joschka Fischer jüngst sein energiepolitisches Credo kundgetan: Wer am Atomausstieg festhalten wolle, könne auf den Neubau von Kohlekraftwerken nicht auch noch verzichten. Sonst werde man sich ins Abseits manövrieren, ja in die sektiererische Ecke gedrängt. Ein Provokatiönchen gewiss, aber für den ehemaligen Weltenerklärer doch ein wenig kleinteilig.

Wo kann man Joschka Fischer erleben? Das aber ist jetzt sein eigentliches Metier - die politische Publizistik. Als er von der Lederjacke in den Dreiteiler hineinreifte, als er vom parlamentarischen Raufbold dem Staatsamt entgegenwuchs - da war er noch das Lieblingskind des "Spiegel". Hier gab er aufschlussreiche Interviews und fetzige O-Töne. Jetzt schreibt er ab und an einen Gastbeitrag in der "Süddeutschen Zeitung", vor allem aber ziert er das öffentliche Veranstaltungswesen der einzig verbliebenen bedeutenden Wochenzeitung "Die Zeit".

Für einen Teilnehmerbeitrag von lediglich 1.011,50 Euro (inklusive Mehrwertsteuer) kann man ihn Ende Oktober auf dem "Zukunftsgipfel", einer "Konferenz für Entscheider und Vordenker" neben Katharina Wagner und Maybrit Illner in München hören. Mitte September hieß es in Hamburg gar: "Vom Sponti zum Elder Statesman - Joschka Fischer erklärt die Welt". Das wies in die Zukunft. Und am Montagabend hat Fischer eine Rede zu Ehren des Gastrokritikers Wolfram Siebeck gehalten. Ausrichter der Party: die "Zeit".

Bernd Ulrich war Fischer-Biograf

Mit dem großen Politik-Beobachter der "Zeit", Gunter Hofmann ("Abschiede Anfänge") ist Joschka Fischer seit langem per "Du"; den stellvertretenden Chefredakteur Bernd Ulrich kennt er noch aus den parlamentarischen Anfängen der Grünen, als dieser Mitarbeiter bei Antje Vollmer war. Heute ist Bernd Ulrich der entscheidende Kommentator der "Zeit", stets differenzierend, aber am Ende aller Überlegungen hält auch er Parteien stets dann für "wieder wählbar", wenn sie von starker Hand geführt werden. Zwischendurch war er einer der Fischer-Biografen.

Joschka Fischer passt in dieses Milieu. Das liberale Bürgertum sieht sich längst auch in ökologischer Verantwortung - in weltpolitischer Verantwortung ja ohnehin. Hier kann Joschka Fischer die "Zeitläufte" erklären und Wege weisen. Das Biotop ist bereitet. Als "Elder Statesman" feiert die "Zeit" den früheren Außenminister ja jetzt schon - Helmut Schmidt wird 90 Jahre alt. Gerüchte aus der Redaktion legen genau dies nahe: Joschka Fischer könnte schon bald in den Kreis der "Zeit"-Herausgeber aufrücken. Der Holtzbrink-Verlag dementiert diese Gerüchte entschieden. Und Fischer selbst wollte dazu keine Stellung nehmen. Es bleibt also spannend.