HOME

Stern Logo Medienkolumne

Fernsehshows: Vom Ende der Verblödung

Wird das Fernsehen immer dümmer? Sendungen wie "X Factor" zeigen, dass Macher und Publikum ständig neu über die Grenzen verhandeln. Bernd Gäbler entlarvt die Mär der immer blöder werdenden TV-Shows.

Jochen Starke, der Geschäftsführer des Senders RTL 2, hat die Öffentlichkeit vor einigen Tagen überrascht. In einer Pressemitteilung des Senders, in der auch die Trennung von der bisherigen Unterhaltungschefin Julia Nicolas angekündigt wurde, tauchte das Wort "Qualitäts-Management" auf. So etwas gibt es also bei diesem Sender! Dabei gilt doch dessen Programm vielen Kritikern als Synonym für "absonderlich", "unterste Schublade" oder "Unterschichten-Fernsehen". Noch mehr überraschten aber weitere Vokabeln in dieser Pressemitteilung: Von einem "Gespür für Mitgefühl" und "gesellschaftlicher Verantwortung" war da die Rede. Huch! Ist da bei RTL 2 jemand in den Weihwassertopf gefallen?

RTL 2 gefällt das eigene Programm nicht mehr

Nein, der Anlass für die neue Wortwahl war wohl eher die Tatsache, dass einige neue Sendungen weder dem Publikum behagten noch der Werbeindustrie. "Kontrovers" soll das Unterhaltungsangebot von RTL 2 sein, ist aber oft mindestens so bizarr wie die zitierte Pressemitteilung. In "Abenteuer Afrika" geht es vor allem darum, stark übergewichtige junge Teilnehmer vorzuführen. Nicht einmal fünf Prozent der jungen Zuschauer mögen das noch sehen. Noch weniger schauen bei der absolut bescheuert gedachten und gemachten Sendung "Das Tier in mir" zu. Menschen sollen sich Tierherden anpassen, weswegen die Dragqueen Olivia Jones zur Geruchs-Anpassung zunächst einmal mit Kamel-Dung vollgeschüttet werden muss.

Etwas besser eingeschaltet wurde das allerdings extrem langatmige "Tattoo-Attack - Deutsche Promis stechen zu", wo sich Carsten Spengemann oder Alida Kurras Bildchen aussuchen und dann in die Haut stechen lassen. Nun setzt RTL 2 ein Signal: Solche Sendungen seien zu schlecht für das Positiv-Image ("It's fun") des Senders. Das Beklemmende nur: Sie sind eigentlich genauso wie viele andere RTL-2-Formate auch. Also: wenig bedacht, ohne große Sorgfalt zusammen gekleistert, Hauptsache irgendwie "extrem". Das Unwohlsein von RTL 2 an sich selbst zeigt aber auch - es geht nicht immer weiter nur in die eine Richtung, die da heißt: immer lauter, immer "krasser", immer blöder.

Extrem statt kreativ

Dieser Extrem-Wettbewerb ist bisher fast ein Gesetz der angeblichen "Kreativ"-Branche. Gibt es "Big Brother" muss bald "Big Brother XXL" her, egal, ob es nun "Die Alm" heißt oder "Solitary" (beide ProSieben). Wenn es ein "Dschungelcamp" gibt, muss morgen in einer Tierherde gestunken und gefressen werden. Alles was da ist, wird kopiert und dabei "verschärft" - meist dadurch auch noch konstruierter, noch schlimmer. Das ist eine Tendenz bei den Fernsehmachern, aber sie läuft sich tot. In einem anderen Genre, bei der Comedy, musste das schon Ingo Appelt erfahren. Am Ende stand er nur noch auf der Bühne und rief laut: "Ficken, ficken, ficken". Das ließ sich kaum noch weiter treiben.

So ein billiger Extremismus ist auf Dauer auch schlicht erwartbar und ermüdend. Da machen die Zuschauer dann auch nicht mehr mit. Was als "Skandal" starten sollte, landet als Quotendesaster. Die letzte Ausgabe von "Solitary" haben nicht einmal mehr eine Million junge Zuschauer eingeschaltet. Auch die RTL-2-Formate zeigen: Zumindest muss eine andere Attitude her. Das ist wohl gemeint mit "Qualitäts-Management": Die TV-Zuschauer lassen vieles mit sich machen, aber eben doch nicht alles.

Die Show zwischen Bohlen und Raab

Auch die gerade gestarteten Castingshows "Popstars" (Pro Sieben) und "X Factor" (RTL/Vox) zeigen das. In diesem Genre gibt es zwei Pole: das klassische "Deutschland sucht den Superstar" mit Dieter Bohlen ist die routiniert gehandhabte Inszenierungsbühne für Selbstdarsteller aus vorwiegend nicht-akademischem Milieu, die allerlei Demütigungen erdulden. Stefan Raab hat mit "Unser Star für Oslo" demonstrativ den Gegenpol geschaffen: die Castingshow als sachorientierte Flötenstunde der gymnasialen Oberstufe. Hier ging es puristisch um Talent und Musik, die Kandidaten wurden von Anfang an als "Künstler" bezeichnet und mit Respekt behandelt. Die Juroren gaben sich als sanfte Behüter, nie provozierende Vertreter der harten Realität "da draußen".

Die neuen Castingshows versuchen nun keineswegs, Dieter Bohlen noch einmal zu radikalisieren. Im Gegenteil: Sie suchen einen Platz zwischen Bohlen und Raab. So zynisch wie Dieter Bohlen mag niemand mehr sein. "X Factor" ist aber genauso konfektioniert wie "DSDS". Die optischen und akustischen Effekte, die Vorstellung der Kandidaten, bei denen vom angehenden Sportlehrer bis zum Ex-Knasti alle sozialen Milieus vertreten sind, die wägende Jury - das alles ist wie ehedem. Aber die Kandidaten sollen nicht offenkundig nur Show-Material sein. Zumindest soll die Auswahl nicht sofort den Anschein haben, es ginge nur darum, die zehn Adjektive aufzufüllen, die sich eine Redaktion vorher ausgedacht hat.

Im Zentrum stehen die Juroren. "Star-Trompeter" Till Brönner soll Seriosität ausstrahlen, Produzent George Glueck internationales Flair. Beide präsentieren sich als letztlich "gütige Diktatoren". Auch sind da Hobbysänger, denen man Freude und Talent durchaus abnimmt. Aber vor allem wird gejault, gebettelt, gejubelt und geflennt wie überall im Casting-Gewerbe. Und Chef-Jurorin Sarah Connor, auf die alle Effekte zugeschnitten sind, grimassiert dazu eifrig. So soll "Emotionalität" dargestellt werden. Verändert hat sich nicht die Substanz, aber die Attitude - hier hin zum Förder-Unterricht.

Deutlicher auf Resozialisierung angelegt ist "Popstars", wo der unvermeidbare Detlev D! Soost, der früher gerne den Bootcamp-Sadisten gab, der kleine Mädchen mit diebischer Freude gegeneinander aufhetzte und durch schwere Choreographien quälte, sich verwandelte. Er ist nun der zwar noch harte, aber letztlich zugewandte Streetworker. Nur um sie da unten herauszuholen, um ihre eigene Anstrengung zu unterstützen, muss er gelegentlich streng sein. "Popstars" sucht wieder eine "Mädchenband". Warum? Weil man nur das Beste will und hier die Aussicht auf Erfolg am größten ist. Die Sender zeigen sich als gute Onkel der gefallenen Kinder.

Wie gesagt: Das alles ist mehr Attitude als Substanz, kaum wirkliche Veränderung der Show und des Geschäfts. Aber immerhin: Der Zug fährt nicht nur in die eine Richtung. Es wird nicht alles nur immer blöder und immer extremer. Dies ist im Fernsehen zwar ein ständiger Versuch und eine ständige Versuchung - aber über die Grenzen des Mach- und Zumutbaren wird zwischen Senderverantwortlichen und Publikum immer wieder neu verhandelt.

Bernd Gäbler