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Günter Netzer: Der Fußball-Häuptling geht ganz leise

Alleine waren sie spröde, doch gemeinsam schlugen Gerhard Delling und Günter Netzer aus der Fußball-Kommentierung Funken. Am Samstag geht Netzer zum letzten Mal auf Sendung.

Eine Hommage von Bernd Gäbler

Er wäre Löw böse, würde dieser aufhören. Das sagt Günter Netzer mit allem ihm möglichen Ernst und Pathos. Er selber aber hört auf. Weil er nichts mehr zu sagen habe. So jedenfalls begründet er seinen Abschied nach zwölf Jahren als ARD-Fernsehexperte. Vielleicht entspricht es dem Lauf seiner Karriere und dem inneren Wesen dieses zur Ruhe gekommenen Mannes, dass auch am Ende seiner Fernsehlaufbahn kein großes Finale steht, sondern das Spiel um den dritten Platz. Es geht nur noch um die Ehre und darum, etwas mit Anstand zu Ende zu bringen, nicht mehr um den letzten, großen Sieg.

Aus der Tiefe des Raumes vor die Kamera


Günter Netzer war als Spieler ein Exzentriker, der unbedingt sein schöpferisches Wesen auf dem Platz realisieren wollte. Am besten konnte er dies in vertrauter Umgebung. Die deutsche Nationalmannschaft hat er nie so stark geprägt wie die Vereine, deren zentraler Stratege er war: Borussia Mönchengladbach und Real Madrid. Mit ihm wurden "Raum" und "Technik" zu Zentralbegriffen des Fußballs. Die Zeit des gesellschaftlichen Auf- und Umbruchs kam hinzu, so wurde der Leistungsethiker vor allem als Ästhet wahrgenommen.

Erstmals war es den herausragenden Spielern einer Generation möglich, das gesamte Leben von und mit dem Fußball zu bestreiten. Wie Franz Beckenbauer nahm Günter Netzer diese Gelegenheit beherzt wahr. Er wurde Manager und später wichtiger Rechtehändler. Populär aber machte ihn das Fernsehen, vor dem er immer gehörigen Respekt behielt. Vielleicht ist das auch schon der größte Teil seines Wirkungsgeheimnisses: Netzer ist wie er ist, wirkt so authentisch, eben weil er nicht mit der Kamera spielt, sie lieber auf Distanz hält, weil er fürchtet, dass sie Verstellung und Inszenierung gnadenlos bloßlegen könnte.

Vom RTL-Zappelphilipp zum ARD-Stoiker

Kaum einer erinnert sich an Günter Netzers TV-Anfänge. RTL kaufte die teuren Bundesligarechte und sendete "Anpfiff". Und als Analytiker an der Seite Uli Potofskis zappelte Günter Netzer herum, dessen Auftrag es war, dem Fußball allerlei zusätzliche Reize anzudichten. Heute macht er exakt das Gegenteil: Er vertraut dem Fußball und versucht lediglich das Gesehene auf den Begriff zu bringen. Er bedient sich dabei einer universellen Sicht, weswegen die Analysen gelegentlich allzu sehr das Terrain allgemeiner Fußballweisheiten streifen, bleibt stets beherrscht, gelassen, kann am Ende sogar weise wirken. Das ist der klassische Kanon der Stoa. Aus dem Zappelphilipp vor der RTL-Kamera wurde der ARD-Fußball-Stoiker.

Dass manche nun, nach zwölf Jahren, den gereiften Stoiker als "Zombie" missverstehen, kann Günter Netzer erdulden. Er wirkt wie ein Häuptling, der Abenteuer und Gefahren nicht mehr suchen muss. Längst hat er alles gesehen. Ließe man ihn allein, könnte er vor allem spröde wirken, altklug oder gar moralinsauer.

Aber Gerhard Delling, ein solider Sportreporter, der als Solist immer wieder als überanstrengter Metaphern-Rastelli auffällt, hält ihn wach, stachelt ihn an, fordert ihn heraus. Zwei Spröde reiben sich aneinander - und, oh Wunder! - da schlägt es Funken. "Warum verstehen Sie das nicht?", klagt dann Netzer oder lobt eine "wirklich sehr kluge Frage". "Ach, Sie übertreiben", mault er oder spricht von den Linienrichtern als "diesen bedauernswerten Kreaturen" oder von Bastian Schweinsteiger, der "seine persönliche Niederlage am Boden auslebt". Er hadert mit der "unsinnigen Regelung des passiven Abseits" und betont immer wieder, dass er etwas "nie für möglich gehalten hätte".

Mancher Streit wirkt bewusst übertrieben, aber leicht rekonstruierbar ist, woraus diese Dialoge ursprünglich ihren Esprit bezogen: Ständig forderte Netzer von den Spielern, wofür er selber im öffentlichen Bewusstsein eben nicht stand - Disziplin und Laufbereitschaft, Einsatz und Zweikampfhärte, gelegentlich sogar nationale Opferbereitschaft. Da ließ sich gut frotzeln. Dankbar ließ Gerhard Delling kaum eine Gelegenheit dazu verstreichen und wuchs so gemeinsam mit Netzer. Aus dem flotten Duett wurde ein eingespieltes Paar, in letzter Zeit häufiger auch ein routiniertes Ritual. Insofern ist es tatsächlich "time to say good-bye".

Die Erinnerung bleibt, jetzt weckt der Abschied mehr Wehmut als Erleichterung. Schon vor Netzer gab es viele Versuche mit Experten und Co-Kommentatoren, etwa mit Gerd Rubenbauer und Karl-Heinz Rummenigge - aber erst Günter Netzer schuf den Prototyp des Fußball-TV-Experten als unaufgeregten, ruhigen Sprecher. Das ist sein Verdienst. Damit begründete er eine Ära.

Neue Zeiten, neue Typen: Mehmet statt Günter

Im Grunde waren es das ZDF und Jürgen Klopp, die eine Zeitenwende einläuteten. "Kloppo" war ganz anders. Für ihn war Fußball "geil" und Party. Dennoch bewahrte er im Rausch der Emotionen seinen analytischen Verstand und erklärte Fußball. Sein Metier ist weniger, aus dem Gesehenen das Konzentrat des Wesentlichen zu ziehen (wie Netzer es tut) als das Nicht-Gesehene zu visualisieren. Und es ist ein neuer Experte da, der dies fast noch besser kann, dem wir plötzlich sogar überraschende Einsichten verdanken, der uns erklärt, dass Flanken reine Übungssache sind und gelegentlich unbedingt mit dem Vollspann ausgeführt werden sollten - Mehmet Scholl. Schon nach dieser Weltmeisterschaft ist klar, dass er ein ganz anderer Typ, aber unbedingt ein würdiger Nachfolger des großen Günter Netzer sein wird. Jetzt muss sich nur noch die "Paarbildung" mit Reinhold Beckmann so glücklich fügen wie das Duo Delling/Netzer zu seinen besten Zeiten.

Günter Netzer hat in einem Interview gesagt, eben weil er vor der Kamera genau so sei wie auch sonst im Leben, sei es ihm überhaupt nicht aufgefallen, dass er über lange Zeit hinweg nie gelacht habe. Jetzt kann er dies herzhaft, ausführlich und unbeobachtet tun. Aber in Südafrika war es ihm endlich auch vor der Kamera vergönnt: Über diese eigenartigen Vuvuzelas konnte Günter Netzer sich vor Lachen ausschütten.

  • Bernd Gäbler