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Medienkolumne: Zu viel Fußball für die ARD

Für die nächste Saison hat die ARD mehr Rechte an Spielen der Fußball-Bundesliga erworben als sie sinnvoll im eigenen Programm unterbringen kann. Das freut einige der dritten Programme, bei anderen sorgt es massiv für Ärger. Dabei gäbe es ein gutes Vorbild.

Von Bernd Gäbler

Hertha BSC erobert die Tabellenspitze - das ist nahezu eine Sensation. Wie gewohnt war an diesem Wochenende die gute, alte Fußball-Fernseh-Ordnung: Live zu verfolgen sind alle Spiele der Bundesliga nur im Pay-TV. Das ist wesentlich für dieses Geschäftsmodell. "Zeitnah", also ein gutes Stündchen nach Abpfiff, zeigt die ARD in der "Sportschau" die Zusammenfassung aller Samstagsspiele. Das macht sie solide.

Inzwischen sieht sie etwa so aus wie früher "ran", als der Sender Sat.1 noch über Geld und die Rechte für die Bundesligaspiele im Free TV verfügte. Selbst dem größten Gremienfuchs in der ARD wird es allerdings nicht gelingen, je die tatsächlichen Gesamtkosten dieser Sendung aus den unterschiedlichen Haushaltsposten zu addieren - aber: Es gibt jede Menge Werbung, Gewinnspielen und Schnickschnack, um die Kosten wenigstens teilweise zu refinanzieren. Damit noch mehr Werbung in die Sendung passt als eigentlich erlaubt ist, unterteilt sich die "Sportschau" offiziell in zwei Sendungen, dazwischen ist eine Bonsai-Ausgabe der "Tagesschau".

Wer am Sonntag dann noch wissen wollte, ob der HSV gegen Arminia Bielefeld gesiegt oder Dortmund wieder nicht über ein Remis im Heimspiel gegen Cottbus hinausgekommen ist, der schaltet nach dem ARD-"Tatort" ins DSF, das beide Spiele zusammenfasst. Ein Manko ist lediglich, dass sich diese Sendung aus Gründen der Refinanzierung durch Werbung arg gedehnt dahinschleppt.

Die ARD-Asse im Rechte-Poker

Ab der nächsten Saison ist einiges anders. In unsicheren Zeiten wie diesen steigt der Wert von subventionierten Unternehmen. So hatte auch die gebührenfinanzierte ARD im Rechtepoker gute Karten. Abgewehrt werden musste lediglich der Versuch des Bezahlfernsehens für größere eigene Exklusivität die "Sportschau" auf den Abend zu verschieben. Viel argumentativer Aufwand wurde betrieben: Vom Recht auf freien Zugang zum Volkssport Nummer eins war die Rede, von der Bedeutung eines frühen Sendetermins für jugendliche Fans und Kids - der "Sportschau" wurde nahezu Verfassungsrang angedichtet.

Ausschlaggebend waren letztlich profanere Gründe: die große Reichweite. Deswegen wurden die Vereine und besonders die Lobby-Vereinigung der Sponsoren zu glühenden Befürwortern der ARD-"Sportschau" am frühen Samstagabend. Im kleinen Reich des Bezahlfernsehens kämen teure Banden- und Trikotwerbung gar nicht richtig zur Geltung. Am Ende hat die ARD sogar zusätzlich die Rechte zur zusammenfassenden Erstausstrahlung der Sonntagsspiele erworben.

Das ARD-Bundesliga-Dilemma

Dieser Sieg im Rechtepoker hat die ARD in ein Dilemma gestürzt. Nun besitzt sie wundervolle Rechte, aber nur begrenzte Sendeplätze. Aus Sicht des Fußballs wäre es ja logisch, nun schlicht das zu tun, was bislang das DSF tat: Sonntags um 21.45 Uhr, im Anschluss an den "Tatort", eine vielleicht etwas flottere Zusammenfassung der Spiele zu zeigen. Was wäre die Folge? Alle Kritiker, die noch an den Informationsauftrag des öffentlich-rechtlichen Fernsehens glauben, würden über die ARD herfallen. Und "Anne Will", eine Sendung, die nicht unwesentlich vom Mitnahme-Effekt der rund acht Millionen "Tatort"-Zuschauer profitiert, würde bei einer späteren Sendezeit womöglich jäh in ein Quotentief fallen. Beides wäre gerade im Wahljahr 2009 eine Katastrophe, für die ARD also schlicht nicht machbar.

Was also tun mit den schönen Bundesliga-Sonntagsspielen? Selbstverständlich wird ein Bundesliga-Eckchen eingerichtet in den "Tagesthemen", die auf "Anne Will" folgen. So gegen 23 Uhr käme es dann zur Free-TV-Erstaustrahlung; in immerhin "neun bis zwölf Minuten" sollen die Spiele zusammengefasst werden, frohlocken die Sportredaktionen.Dennoch: Das Goldkind wird behandelt wie ein Stiefkind, vergessen sind alle Argumente zu Kids und Fans, die gerade noch die Verteidigung der Samstags- "Sportschau" befeuerten.

Sonntags droht Abschiebung ins Dritte

Aber, so haben die schlauen ARD-Chefs befunden: wir haben ja noch die Dritten Programme! Die seien doch auch ganz schön, ohnehin bundesweit empfangbar und Sportredaktionen haben die ja auch. Das teuer erworbene, aber inzwischen ungeliebte Kind der Sonntagsspiele soll also abgeschoben werden in die Dritten. Und der Zuschauer soll dann raten, wann welches Spiel wo läuft? Da bedanken sich natürlich SWR und Bayerischer Rundfunk, wenn sie - wie es etwa an diesem Wochenende der Fall gewesen wäre - zur besten Sendezeit HSV gegen Bielefeld und Dortmund gegen Cottbus zeigen sollen.

Die Dritten wollen keine Resterampe sein

Erfreut zeigen sich zunächst nur die schwächeren Sender: der Saarländische Rundfunk und der rbb wollen ab der nächsten Saison sonntags um 21.45 Uhr eine Sportsendung mit Bundesligaspielen einschieben. Der NDR muss aus Rechtegründen die Erstausstrahlung der Sonntagsspiele im DSF abwarten, beginnt seine sonntägliche Sendung derzeit erst um 22.45 Uhr, aber wird sie auch wohl um eine Stunde vorverlegen.

Ein Teil der Dritten Programme der ARD haben inzwischen auch im Sport ein sehr eigenwilliges Profil entwickelt. Im Bayerischen Rundfunk ist aus "Blickpunkt Sport", das regelmäßig am Montagabend ausgestrahlt wird, eine souveräne Nachbetrachtung des Sport-Wochenendes mit prominenten Gästen geworden. "Wir sind nicht begeistert", lässt der BR nun über die Pläne vom grünen ARD-Tisch verlauten. Das Handelsblatt zitiert einen namentlich nicht genannten "Insider" eines Regionalsenders mit den Worten: "Wir lassen uns doch nicht unsere eigenen Sportsendungen versauen. Die Bundesliga gehört ins Erste."

Der WDR ist vom Allround-Magazin "Sport im Westen" abgerückt, hat sich im Fußball stattdessen zum regionalen Begleiter der 3.Liga entwickelt, zeigt mit "Sport inside" als einziger Sender ein kritisches Sportmagazin und am Sonntag in tiefer Nacht (0.15 Uhr) ein etwas schräges Call-In-Format für Hardcore-Fans ("Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs"). Hoffenheim, Stuttgart und Karlsruhe gehören zum Sendegebiet des SWR. Da deren Sonntagsspiele nicht ignoriert werden sollen, aber aktuell erst nach dem DSF gezeigt werden dürfen, beginnt der Sender seine Sportsendung am Sonntag aktuell erst um 22.45 Uhr. Auch sie könnte ein Stündchen vorverlegt werden.

Aber mit Hamburger und Dortmunder Spielen? Am heftigsten wehrt sich der MDR dagegen, als Resterampe der ARD missbraucht zu werden. Handball aus Magdeburg und nordischer Skisport aus Klingenthal sind für den populären "Sport im Osten" allemal wichtiger als entfernte Bundesligisten. Im MDR-Sendegebiet gibt es jedenfalls keine. So sind die Programmplaner der einigermaßen starken Dritten einigermaßen sauer auf die ARD, namentlich auf den frischgebackenen ARD-Programmchef Volker Herres. Die ARD kauft Rechte zwar der Konkurrenz vor der Nase weg, weiß aber dann nicht so recht, wohin damit.

Wie wäre es mit dem englischen Modell?

Einmal wieder ist die Lage so verwickelt, dass grundsätzliche Alternativen in den Blick kommen. Wie wäre es mit dem englischen Modell? Sonst preisen deutsche öffentlich-rechtliche Sender doch so gerne die BBC als Vorbild an. Alle teure Live-Berichterstattung findet im Pay-TV statt. Samstags wie Sonntags um 22 bzw. 23 Uhr bietet die BBC mit der legendären Sendung "Match of the Day" dann ausschließlich Fußball - keine Werbung, keine Gewinnspiele, kein Schnickschnack, nur Spielberichte und Analysen. "Match of the Day" - das ist eine Freude für das Auge und den Verstand aller Fußballfreunde.