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"Babylon Berlin": Die Goldenen Zwanziger - das Augenzwinkern zwischen zwei Weltkriegen

Die Goldenen Zwanziger - eine Zeit, in der alles möglich erschien. Die Erfolgsserie "Babylon Berlin" macht diesen kurzen Zeitabschnitt populär. Heute weiß jeder: Es war nur Blattgold.

Tanztee am Wannsee um 1925

Tanztee am Wannsee um 1925

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Zu Asche, zu Staub, dem Licht geraubt. Doch noch nicht jetzt.

Nein, bloß nicht jetzt! Es schien doch gerade aufwärts zu gehen. Es lag Flirren in der Luft und Glitzer, überall lugten Menschen aus ihren Schlupflöchern und fragten sich, ob es endlich wieder möglich wäre zu leben. "Zahllose Bars und Nachtklubs sprangen plötzlich auf. Junge Paare wirbelten durch die Straßen der Vergnügungsviertel, wie in einem Film über die oberen Zehntausend. Überall war jeder mit der Liebe beschäftigt. Mit Hast und Lust" , so beschreibt der große Journalist Sebastian Haffner in seiner "Geschichte eines Deutschen" das Jahr 1924. Es wehte trotzige Hoffnung durch die Straßen, fast Euphorie. Und doch ahnten wohl manche, dass das Lebensgefühl der Stunde vielleicht nur ein Tanz auf dem Vulkan sein würde, wie die Goldkinder Erika und Klaus Mann später meinten. Zu Asche, zu Staub. Doch noch nicht jetzt!

Schnell ließen die jungen und auch die nicht mehr ganz jungen Frauen ihr Herz auf Taille fallen und die Taillen auf die Hüfte rauschen. Weg mit den Reform-Miedern und Korsetts, den langen Zöpfen und Schnecken. Denn, wenngleich es um die Männerquote nach dem verlorenen Weltkrieg ungünstig stand, ließ man sich dennoch einen modischen Bubikopf verpassen, Eton oder Garçonne-Schnitt, die Herrenwinker schön in die Wangen gezogen, damit das unter der "Cloche", dem bis auf die Augenbrauen gestülpten Topfhut, gut aussah im Profil. Die Augenbrauen wurden dünn rasiert, wie die Stummfilmstars im "Delphi" sie trugen, und Wimpern mussten an den Spitzen zu Perlen verklebt sein – ein Schminktrick, den die jungen Russinnen nach Berlin eingeschleppt hatten. Männer banden sich Oscar-Wilde-Schlipse und gelierten sich die Haare. An den Kiosken und Ständen hingen Plakate mit der Aufschrift "Friedenspreise wieder".

Ja, vor allem die Jungen hatten den allgemeinen Karnevalsgeist als Erste gewittert. Ihnen ging es gut, über Nacht waren sie "frei, reich, unabhängig" geworden. Gleich im Frühjahr 1924, so Haffner, erfolgte deshalb der "Ausbruch sorgloser, hektischer, fröhlicher Leichtlebigkeit". Er selbst war zu jener Zeit noch Schüler in Berlin, 16 Jahre alt, ungeküsst, der Vater preußischer Beamter und das Geld bis vor Kurzem noch so entwertet wie das ganze triste Nachkriegsleben selbst. Spanische Grippe, Hyperinflation, Währungskrise, es war Herbst auf ganzer Linie. Im Oktober 1923 noch gab es Geldscheine in der Summe von 2500 Billiarden Mark, im November waren es dann 400 Trillionen. Hatte die einzelne Overstolz gestern noch 500 Mark gekostet, kostete die Zigarette am nächsten Tag schon 50.000. Dann kam zum Winter 23 der Schnitt – Währungsreform und Rentenmark. Und die wurde in den Folgejahren ausgegeben, was das Zeug hielt. Oder warum sonst hatten das Kreuzberger Kaufhaus Karstadt am Hermannplatz, das Wertheim am Leipziger wieder Angebot und beleuchtete Schaufenster? Es ist vielleicht nur ein Traum, dachte man, das bloße Haschen nach dem Wind. Wer weiß es schon genau …

Es kam, so schreibt der frühe stern-Kolumnist Haffner, "die einzige echte Friedenszeit, die meine Generation in Deutschland erlebt hat: Ein Zeitraum von sechs Jahren, 1924 bis 1929". Haffner taufte sie die " Stresemann-Epoche" . Kulturschaffende nannten sie die Zeit der "Neuen Sachlichkeit". Wir sagen, "die Goldenen Zwanziger"! Stummfilm, und Ton ab! 

Zu jener Zeit war Berlin, das sich wenige Jahre zuvor mit seinen vielen Vororten zusammengeschlossen hatte, flächenmäßig die zweitgrößte Stadt der Welt. Nach Los Angeles. Und nach New York, London und Paris hatte Berlin sogar die meisten Einwohner weltweit. Diese Metropolen-Aura zog natürlich nun die halbe Welt an, sogar aus Köln kamen sie. "Du bist verrückt, mein Kind, du musst nach Berlin!" Berlin, das war Entfesselung, war Leben. Waren exzentrische Tänze und schamlose Bilder. Waren oft "too much pills and liquor" und was es sonst so an Lebensrausch hebenden Substanzen gab. Valeska Gert, Josephine Baker, Anita Berber hießen die mit den schamlosen Tänzen. Otto Dix, George Grosz, Jeanne Mammen waren die mit den exzentrischen Bildern.

Es zog die junge Kölner Schriftstellerin Irmgard Keun ebenso in die Stadt wie Erich Kästner aus Dresden. Keun schrieb bald darauf ihren Roman "Das kunstseidene Mädchen", Tucholsky hielt sie deshalb für "eine von uns", und Egon Erwin Kisch machte ihr Augen. Kästner schrieb Gedichte, die er auf dem Asphalt gefunden hatte. Alles selbst erlebt, in Sprache, wie sie auf den Gassen Rede war. Vom "Ball im Osten" erzählte er, "lauter Brüste und Popos. Ohne Halt und Barriere, folgend dem Gesetz der Schwere, hängt die Schönheit bis zum Knie …", er beschrieb die vielen "Hinkemänner", die im vierten, fünften Hinterhof gegen ihr Trauma vom Krieg anfochten. "Wir haben der Welt in die Schnauze geguckt, anstatt mit Puppen zu spielen. Wir haben der Welt auf die Weste gespuckt, soweit wir vor Ypern nicht fielen." Und dem großen Verlieben setzte dieser schnöde Dichter seine "Sachliche Romanze" entgegen. "Als sie einander acht Jahre kannten (und man darf sagen: sie kannten sich gut)/ kam ihre Liebe plötzlich abhanden/ Wie andern Leuten ein Stock oder Hut". Keine Romantik, nix blaue Blume und sülziges Liebesgereime – wobei: An dieser Stelle muss eines kurz erwähnt werden. Es waren nämlich nicht Erich-Maria Remarques Kriegsroman "Im Westen nichts Neues" oder Thomas Manns "Buddenbrooks", die in den Goldenen Zwanzigern die Bestsellerlisten anführten, sondern Hedwig Courths-Mahler und ihre Schnulzen! Was für ein kurioser Widerspruch: Frauen rauchten zwar erstmals provokant und ungestraft in der Öffentlichkeit, sie entblößten beim Tanzen ihre Oberkörper wie Josephine Baker im Bananenröckchen es sie gelehrt hatte. Sie kämpften frauenbewegt mit Plakaten "Dein Bauch gehört Dir" gegen die hohe Zuchthausstrafe, die bei Abtreibungen blühte. Sie liebten hemmungslos gleichgeschlechtlich als "Verzauberte". Oder sie schoben in den Apotheken kleine Zettel über den Tresen: "Bitte händigen Sie mir diskret aus: 3 Stück Fromms-Gummi zu 72 Reichspfennigen" – aber abends, allein unter der Decke, da lasen sie Hedwig Courths-Mahler. Die Liebeskitsch-Else überhaupt!

Gewählt hatten sie zu Beginn der goldenen Zeiten übrigens auch gerade, im Mai 24. Zum zweiten Mal durften Frauen da überhaupt den Reichstag wählen – und was machen sie? Geben den Deutschnationalen fast so viele Stimmen wie der SPD; und der KPD fast so viele wie der konservativen Zentrumspartei. Sie schwächen die bürgerliche Mitte und stärken die Ränder. Der Satz kommt uns heute bekannt vor. Aber was macht Reichspräsident Friedrich Ebert? Er lässt die abgewählte bürgerlich-konservative Regierung unter Reichskanzler Wilhelm Marx mehr oder weniger einfach im Amt. Was Bundespräsident Steinmeier wohl macht, wenn in zwei, drei Jahren die AfD mit der CDU gleichauf liegt. Und die SPD gleichauf mit der Linken?

Damals musste man sich über die Politik jedenfalls keine großen Gedanken machen. Der beliebte Außenminister Gustav Stresemann, den man sonntags mit Derby-Hut beim Spaziergang Unter den Linden traf, galt schließlich als Garant dafür, dass die junge Weimarer Republik draußen keine Dummheiten anstellte. 1926 erhält Stresemann den Friedensnobelpreis, halbe-halbe mit seinem französischen Amtskollegen. "Hoppla, wir leben!" , heißt das passende Theaterstück von Ernst Toller dazu, 1927 ist Uraufführung.

Aber auch nach der Nobel-Auszeichnung sah man Stresemann gelegentlich allein auf dem Pariser Platz, wie er mit dem Spazierstock gedankenverloren in einem Beet herumstocherte und eine Blume anhob. Ahnte er, dass in diesen friedlichen Zeiten bereits die Saat gelegt wurde für die bösen Früchte, die am Ende der goldenen Jahre herangereift sein würden? Sah er damals schon die Wende zum Bösen voraus? Jedenfalls gab die Politik den vielen Zeitungen, die damals in Berlin vertickt wurden, noch wenig Anlass zu Schlagzeilen – auch wenn sie bis zu dreimal am Tag nachdrucken mussten, weil die Blätter immer gleich vergriffen waren. Überhaupt war es die Zeit des "Viel", des "Mehr". Jedenfalls was die Kultur betraf. Neben 800 Ballsälen gab es in der Hauptstadt Unmengen von Theatern und Bühnen. Es wurden Großraumkinos erbaut, in denen 75-köpfige Symphonieorchester in Samtjacken im Graben saßen und den Stummfilm untermalten. Es gab an jeder Ecke Varieté, Kabarett und Drama, Ateliers und Galerien.

Magda Quandt, geborene Ritschel, stellt fest, dass die Ehe, die sie 19-jährig mit dem zwanzig Jahre älteren Industriellen Günther Quandt geschlossen hatte und die sie in eine hochherrschaftliche Villa am stillen Griebnitzsee katapultiert hatte, dass diese Ehe sie vom Leben fernhielt. Dass der Olle sie auf Schiffspartien nach New York und Kuba einlädt – geschenkt. Magda Quandt will am Berliner Ballhaus- und Liebestreiben teilhaben, sie will Leidenschaft. Im Sommer 1929 nimmt sie sich einen jungen Liebhaber, dann eine Wohnung am Reichskanzlerplatz. Wenig später wird sie einen Mann kennenlernen, der sie "von Sekunde zu Sekunde siedend heiß und klirrend kalt machen konnte". Da pendelt der Zeiger unserer Sonnenuhr bereits ins Dunkle. Zu Asche, zu Staub. Doch noch nicht jetzt.

In seinen neu erbauten Theatern am Kurfürstendamm kommt der Intendant Max Reinhardt gar nicht nach mit Premieren. Manchmal proben sie auf den Bühnen bloß zwei Wochen bis zur Aufführung, und zwischendurch kommt der Großdramatiker Gerhart Hauptmann (Nobelpreis 1912) aus dem "Adlon" herüberspaziert und besieht sich das Ergebnis.

Expressionisten und Avantgardisten sorgen immer mal wieder für Pfiffe in den eingewohnten Logen alteingesessener Theatergänger. Aber die rümpften ja ohnehin die Nase über das Volk, das sich nun auf einmal in ihren Reihen tummelte. "Wenn die Knechte gehen wie die Herren" , hieß so ein Gerümpfe, "dann ist der Untergang der Welt nicht fern." Für die Jungen jedoch galten in dieser Hinsicht längst keine alten Regeln mehr – außer der vielleicht, dass "alter Schmuck auf junge Haut gehört". So schnappten sich die Töchter die übern Krieg gut versteckten Perlenketten ihrer Mütter und tanzten Charleston hinter unauffälligen Eisentoren in den Clubs, in denen man Absinth über Zuckerwürfel in die Gläser rinnen ließ, bis man blind war vor Glück. Ab April 29 trafen sie sich auch im Caféhaus des Griechen Giovanni Eftimiades, dem "Moka Efti" an der Friedrichstraße, das nun postum durch die Serie "Babylon Berlin" erneut zu Ansehen kommt.

Noch sechs Monate Schwof liegen ab jetzt vor der Jeunesse dorée Deutschlands, vor dem entfesselten Künstlervolk, den Kreativen und Lasziven. Nackte Tänze und gewagte Bilder. Aber das war es dann auch. Am 29. Oktober 1929 geht mit dem Crash an der New Yorker Börse die legendäre Gold-Ära der Deutschen zu Ende. Stresemann war kurz zuvor gestorben, man war bereits auf Habtacht. Und das Beste, was man über das Jahr 1929 im Rückblick wohl sagen kann, ist, dass auch Thomas Mann seinen Nobelpreis erhielt. Dass Alfred Döblins "Berlin Alexanderplatz" erschien. Dass Marlene Dietrich den Vertrag für den Film "Der blaue Engel" unterschrieb.

Magda Quandt, 27, wird im Herbst von Günther geschieden. Sie ist jetzt frei und vermögend. Am 19. Dezember 1931 heiratet sie Joseph Goebbels. Der Rest ist bekannt.

Zu Asche, zu Staub. Jetzt!

TV-Serie: Wer sind die Schauspieler aus "Babylon Berlin?"