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stern-Gespräch

"Christo – Walking On Water": Verhüllungskünstler Christo zieht im Interview Bilanz: "Die Kunst braucht mich"

Für seine Werke musste Christo Bauern bequatschen, Tausende Tassen Tee trinken, gegen Helmut Kohl kämpfen. Jetzt verhüllt er auch noch den Arc de Triomphe in Paris. Ein Bilanzgespräch.

Von Jens König und Andreas Wrede

Christo: Der Verhüllungskünstler  zieht im stern-Interview Bilanz

Christo Wladimirow Jawaschew, 1935 in Bulgarien geboren, in seinem Atelier in New York. Im Frühjahr 2020 will er den Arc de Triomphe verhüllen.

Christo, fällt es Ihnen schwer, hier mit uns zu sitzen? Sie stehen doch sonst den ganzen Tag.
Stimmt. Ich habe keine Stühle in meinem Atelier. Ich sitze nicht so gern.

Sitzen ist langweilig, haben Sie mal gesagt.
Ein Stuhl ist eine Beklemmung für mich. Ich habe sofort das Gefühl, faul zu werden. Ich laufe lieber hin und her, dabei kann ich besser denken.

Stillhalten können Sie nicht?
Ich bin immer in Bewegung. Zu meinem Atelier hinauf sind es 90 Stufen, die laufe ich 15 bis 20 Mal am Tag rauf und runter.

Sie sind 83 Jahre alt. Sagen Sie bloß, Sie machen auch noch Sport?
Um Himmels willen, nein. Stellen Sie sich vor, ich bräche mir eine Hand. Mit der Kunst wäre es sofort vorbei. Ich mache mit meinem russischen Physiotherapeuten Alexej alle zwei Tage Dehnübungen, anderthalb Stunden, so lange, bis die Gelenke knacken. Seit 30 Jahren kommt er zu mir.

Sie rasieren sich zweimal am Tag. Und Sie essen seit Jahrzehnten jeden Morgen rohen Knoblauch mit Joghurt. Sind das Rituale, die Sie für Ihre Kunst brauchen?
Ich mache kein großes Ding daraus. Ich esse tagsüber einfach nichts. Da fühle ich mich leichter, voller Energie. Mit einem vollen Magen wird man müde. Und der Knoblauch schützt mich vor Krankheiten. Ich war in meinem ganzen Leben fast nie erkältet. Ich nehme meinen kalifornischen Knoblauch sogar im Koffer mit auf Reisen.

Sie arbeiten immer noch jeden Tag wie ein Besessener. Woher kommt diese Rastlosigkeit?
Die Kunst braucht mich.

Denken Sie morgens nach dem Aufwachen nicht manchmal: Keine Lust, heute bleibe ich im Bett?
Ich schlafe gern, am liebsten nackt und in einem großen Bett, damit ich mich in alle Richtungen ungestört bewegen kann. Trotzdem, arbeiten will ich immer. Ich arbeite gern, oft bis spät in die Nacht. Das war schon so, als Jeanne-Claude noch lebte: Wir haben es geliebt, zusammen zu arbeiten. Und wir brauchten nie Urlaub. Manchmal sind wir am Wochenende in New York ins Kino gegangen. Das reichte.

Sie waren 51 Jahre lang ein Paar: Christo und Jeanne-Claude (1935–2009)

Sie waren 51 Jahre lang ein Paar: Christo und Jeanne-Claude (1935–2009)

Sie mögen es nicht, Verpackungskünstler genannt zu werden.
O nein, ganz und gar nicht.

Warum das denn nicht?
Weil es meiner Kunst nicht gerecht wird. Es ist eine grobe Vereinfachung. Die Kunstwerke sind sehr verschieden. Die Umbrellas in Japan und Kalifornien waren keine Verpackung, die Gates im Central Park in New York und die Floating Piers auf dem Iseosee in Italien auch nicht. Verpackt habe ich schon lange nichts mehr seit Pont Neuf in Paris und dem Reichstag in Berlin. Gemeinsam haben die Projekte nur eines: Ich arbeite mit Geweben und Stoffen. Sie unterstreichen den zerbrechlichen, vergänglichen Charakter der Kunstwerke.

Alles, was Sie erschaffen, wird wieder abgebaut, die Materialien werden recycelt, die Gebäude und Landschaften in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Nichts bleibt zurück.
Das ist das Schöne daran.

Vermissen Sie keine Ihrer künstlerischen Arbeiten?
Sie sind nicht verschwunden, sie leben in der Erinnerung derer weiter, die dabei waren und die Kunstwerke gesehen haben. Abgesehen davon haben wir unsere Projekte sehr umfassend dokumentiert. Vom verhüllten Reichstag gibt es über 650 Zeichnungen.

Wie hat das eigentlich angefangen mit dem Verhüllen und Verpacken?
Das war in den frühen 60er Jahren. Ich habe Oberflächen und Objekte mit verschiedenen Materialien verhüllt, mit Plastikfolie, mit Stoffen. Ich habe alltägliche Dinge und Gegenstände verpackt: Magazine, Telefone, Sessel, Dosen, Fässer, sogar einen VW Käfer. Ich wollte die Feinheiten der Objekte verstecken, nur ihre grundsätzlichen Proportionen zeigen. Dadurch bekommen sie etwas Erhabenes, Skulpturales.

Ihre Kunst sieht romantisch aus. Aber sie entsteht durch handfeste Arbeit, oder?
Ich liebe die körperliche Arbeit daran. Ich mag es, kilometerweit zu laufen, den Wind im Gesicht, ich mag die Kälte, die Hitze. Das macht meine Kunst so einzigartig. Sie ist nichts für eine komfortable Ecke in einem Museum, wo es auch noch gut riecht. Draußen, bei Tag und bei Nacht, spielt sich wahre Kunst ab.

Groß, größer, Christo: 1991 stellten er und seine Frau Jeanne-Claude 3100 Schirme in Japan und den USA auf 

Groß, größer, Christo: 1991 stellten er und seine Frau Jeanne-Claude 3100 Schirme in Japan und den USA auf 

Sie arbeiten mit Ingenieuren, Handwerkern, Tauchern, Gutachtern, Anwälten. Sie müssen Behörden und Regierungen überzeugen, Umweltorganisationen, Cowboys und japanische Reisbauern.
Ich bin kein Masochist. Ich wünschte, manchmal wäre es weniger kompliziert. Aber der Kampf um jedes Projekt ist Teil der Kunst selbst. Es macht die Seele des Werkes aus.

In den Siebzigern, bei der Vorbereitung des Running Fence in Kalifornien, mussten Sie jeden Einzelnen der 59 Farmer, über deren Land der Zaun verlief, vom Sinn des Projekts überzeugen.
Einer blieb stur. Paul Gaver. An der Stelle wurde der Zaun kurz unterbrochen. Das Gaver-Gap. Die größte Herausforderung waren die Umbrellas, ein Projekt, dessen Umsetzung von 1984 bis 1991 dauerte. In Japan hatten wir es mit 469 Reisbauern zu tun, der jüngste war 61 Jahre alt, der älteste 93. Von allen brauchten wir die Genehmigung. Die Schirme sollten auf ihrem Land stehen. Wir haben Tausende Tassen grünen Tees getrunken während der Gespräche mit den Bauern. Auf der anderen Seite haben die Japaner ein sehr ausgeprägtes ästhetisches Empfinden. Ihre erste Frage lautete: Warum sind Ihre Schirme gelb und blau? Die erste Frage in den USA war: Was kostet das Projekt, wer bezahlt es?

Die Realisierung der Floating Piers dauerte von der ersten Idee an 46 Jahre. Der Reichstag 24 Jahre. Die Gates 26 Jahre. Nie Zweifel gehabt?
Wenn wir ein Projekt beginnen, wissen wir nie, wie es ausgeht. Dort drüben, die zwei dicken Bücher auf dem Tisch: Skizzen, Gutachten, Planungsstudien für unser Projekt Over the River in Colorado. Über 4000 Seiten, 20 Jahre Arbeit, 15 Millionen Dollar Investitionen – für ein Kunstwerk, das es niemals geben wird. Ich wollte den Arkansas-Fluss mit silberfarbenem Stoff überspannen. Ich habe das Projekt 2017 abgesagt. Hatte das Interesse daran verloren.

Welche Eigenschaften braucht man, um trotz großer Widerstände jahrzehntelang durchzuhalten? Beharrlichkeit? Sturheit? Rechthaberei?
Freiheit.

Freiheit?
Sie müssen sich frei fühlen. Frei von Angst. Frei von Abhängigkeit. Frei von fremden Interessen. Ich habe mich immer selbst beauftragt. Niemand konnte uns je reinreden. Unsere Kunst ist unverkäuflich. Niemand kann sich ihrer bemächtigen. Die drei Tenöre wollten vor dem verhüllten Reichstag singen. Haben wir abgelehnt. Wir wollten keine Show. Wir hatten bei unseren Projekten stets absolute Freiheit. Haben alles aus eigener Tasche bezahlt.

2016 spannte Christo Stege über den Iseosee

2016 spannte Christo Stege über den Iseosee

Der Reichstag kostete 13 Millionen Dollar, die Gates 21 Millionen Dollar, die Floating Piers 15 Millionen Dollar. Woher haben Sie das ganze Geld?
Es ist jedes Mal schwierig, die Millionen zusammenzubekommen. Wir haben in den 60er Jahren die Christo Vladimirov Javacheff Corporation gegründet. Diese Gesellschaft kauft und verkauft unsere Kunst und realisiert unsere Projekte. Sie stellt sicher, dass Geld fließt.

Sie kaufen Ihre eigene Kunst?
Unsere Kunst ist unser Kapital. Sie dient auch als Sicherheit für Bankkredite, die wir bei großen Projekten aufnehmen. Ich kaufe manchmal sogar Originalwerke von mir zurück. Vor einiger Zeit habe ich eine meiner Collagen des Running Fence für 30.000 Dollar erworben und sie für 220.000 Dollar nach Japan weitergekauft. Ich habe zwar Marxismus studiert, weiß aber genau, wie der Kapitalismus funktioniert.

Stimmt es, dass Sie ein jährliches Gehalt bekommen?
Ja. Als Angestellter der CVJ Corporation. 25.000 Dollar im Jahr. Wenn ich mehr brauche, kann ich jederzeit meine Kunstwerke verkaufen. Sie gehören mir, nicht der Gesellschaft.

Was kostet ein Christo heute?
Kommt darauf an, wie viele Zeichnungen ich von dem Projekt gemacht habe, von wann sie stammen, wie groß sie sind. Schauen Sie, dort drüben, die große Collage vom Reichstag: 800.000 Dollar.

Trotzdem sagen Sie, Ihre Kunst sei nutzlos und überflüssig.
Meine Kunst ist frei, ich muss mich für sie nicht rechtfertigen. Natürlich könnte die Welt ohne einen Zaun mitten durch die kalifornische Landschaft existieren. Er ist unnötig und irrational. Er existierte nur, weil Jeanne-Claude und ich ihn sehen wollten. Ein Künstler kann nicht daran gehindert werden, unnütze Dinge zu tun.

Warum sind so viele Menschen auf der Welt von Ihren Werken begeistert?
Sie sind nicht begeistert.

Jetzt kokettieren Sie.
Es geht um mehr als pure Begeisterung. Viele Menschen empfinden unsere Kunstwerke als zutiefst menschlich. Sie sind verwoben mit der Welt, in der wir leben. Die Menschen sehen und erleben etwas, das es so nie wieder geben wird. Es bleibt einmalig. Ich werde nie wieder eine andere Brücke verpacken als Pont Neuf.

War der verhüllte Reichstag in Berlin Ihr größter Triumph? Rund fünf Millionen Menschen pilgerten dorthin.
In solchen Kategorien denke ich nicht. Das Projekt war eine große Reise, es war wunderbar. Ein bisschen Drama war dabei.

Ja, ein bisschen. Im Laufe von über 20 Jahren ist das Projekt dreimal abgeschmettert worden: 1977, 1981, 1987. Sie haben mit sechs unterschiedlichen Bundestagspräsidenten verhandelt.
Anfang 1994 sollte im Bundestag in Bonn die endgültige Entscheidung fallen. Am Vorabend saß ich in Bonn im Hotel und telefonierte mit Jeanne-Claude in New York. Sie war sich sicher, dass wir verlieren würden. Ich war verzweifelt. Es waren die anstrengendsten Stunden meines Lebens. Am nächsten Morgen die Entscheidung. Ich saß auf der Besuchertribüne des Bundestags, hatte den Übersetzungsknopf im Ohr und konnte es nicht glauben, als ich das Ergebnis der Abstimmung hörte.

Dabei war Helmut Kohl, der damalige Kanzler, sicher gewesen, dass das Projekt scheitern würde.
Er war unser erbittertster Gegner.

Haben Sie sich mit ihm ausgesprochen?
Wir haben oft versucht, ihn zu treffen. Er hat immer abgelehnt. Aber Wolfgang Schäuble hat Jeanne-Claude und mich empfangen und in hervorragendem Französisch erklärt, warum er das Projekt nicht unterstützen könne. Sehr fair.

Der Umgangston mit seinen Assistenten ist rau, aber herzlich, einer kürzt ihm mit einer Schere regelmäßig die Wimpern. Er quält sich durch Treffen mit reichen Sammlern und Behördensitzungen. Die intime Dokumentation "Christo – Walking On Water" zeigt den Künstler bei der Arbeit an den "Floating Piers", die 2016 wegen des Besucheransturms fast abgebrochen werden mussten.

Der Umgangston mit seinen Assistenten ist rau, aber herzlich, einer kürzt ihm mit einer Schere regelmäßig die Wimpern. Er quält sich durch Treffen mit reichen Sammlern und Behördensitzungen. Die intime Dokumentation "Christo – Walking On Water" zeigt den Künstler bei der Arbeit an den "Floating Piers", die 2016 wegen des Besucheransturms fast abgebrochen werden mussten.

Als es so weit war, Sie den Reichstag verhüllt hatten, im Juni 1995, durften Sie das Hotel in Berlin nur mit kugelsicheren Westen verlassen.
Auf unserer Etage im Hotel gab es Sicherheitsvorkehrungen wie auf einem Flughafen. Die Bundesregierung hatte uns informiert, dass es Drohungen von Rechtsextremen gab. Jeanne-Claude hatte solche Angst vor einem Attentat, dass wir in die Charité fuhren und unser eigenes Blut spendeten, für den Notfall.

Sie haben gerade verkündet, im April 2020 erneut ein bedeutendes Gebäude mit Stoff zu verhüllen: den Arc de Triomphe in Paris. Wieso den Triumphbogen?
Als ich 1958 als junger Mann nach Paris kam, schlug ich mich mit Porträtzeichnungen prominenter Leute durch. Ich wohnte in einem kleinen Zimmer in der Nähe des Arc de Triomphe. Das Denkmal hat mich fasziniert. 1962 habe ich es verpackt, in einer Fotomontage. Ich habe nicht mehr an die Realisierung des Projekts geglaubt. Der französische Präsident hat's jetzt möglich gemacht. Es ist traurig, dass Jeanne-Claude das nicht mehr miterleben darf.

Sie erwähnen immer wieder Ihre Frau Jeanne-Claude. Sie waren das erfolgreichste Künstlerpaar der Welt. Wie ist es, wenn man allein weitermachen muss?
Für mich ist sie immer noch da. Ich treffe sie andauernd. Sie ist bei jedem Projekt präsent. Es ist und bleibt unsere Kunst.

Vor neun Jahren ist sie plötzlich verstorben. Nie daran gedacht, mit der Arbeit aufzuhören?
Nie. Jeanne-Claude sagte immer: Künstler setzen sich nicht zur Ruhe, sie sterben. Wir wussten, wenn einer von uns geht, macht der andere weiter.

Gehen Sie oft an ihr Grab?
Es gibt kein Grab. Sie wollte keins. Ich will auch kein Grab. Es geht doch nicht um menschliche Überreste. Da ist so viel mehr. Wir waren 51 Jahre zusammen.

Sie haben oft gestritten und sich angebrüllt – und trotzdem ging es gut?
Wir haben uns nur über Kunst und wichtige Dinge gestritten, nie über Kleinigkeiten. Es ging gut, weil wir zusammen gearbeitet haben. Jeanne-Claude war meine strengste Kritikerin. Sie konnte ganz schön laut werden. Leidenschaftlich. Sie war die Tochter eines Generals, müssen Sie wissen. Eine wilde Lady.

Ihr letztes großes Projekt soll die Mastaba in Abu Dhabi werden. Eine Pyramide aus 410.000 verschiedenfarbigen Ölfässern mitten in der Wüste. Baukosten: über 300 Millionen Dollar. Zum ersten Mal brauchen Sie finanzielle Hilfe. Haben Sie immer noch nicht genug?
Es liegt nicht an mir. An dem Projekt arbeiten wir schon seit über 40 Jahren. Es ist unser größtes und längstes Abenteuer. Sehr kompliziert.

Es wird die größte Skulptur der Welt sein.
Größer als die Cheopspyramide. Es braucht allein drei Jahre, um sie zu errichten. Sie wird aussehen wie eine Treppe in den Himmel.

Bauen Sie die Mastaba auch wieder ab?
Nein. Sie soll stehen bleiben.

Ein Projekt für die Ewigkeit?
Es wird das Einzige sein, was von uns bleibt.

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