HOME

Mies van der Rohe: Der Mann, der Beton zum Schweben brachte

Mies van der Rohe war ein Wegbereiter der Moderne. Mit seinen Bauwerken hat er architektonische Kunstgeschichte geschrieben, gar ein Weltkulturerbe geschaffen.

Von Oliver Noffke

Mies van der Rohe war ein Magier. Er brachte Beton zum Schweben. Er kreierte Wohnlichkeit mit Stahl. Er machte Onyxstein zur gemütlichen Tapete. 1886 wurde der Wegbereiter der Architektur der Moderne als Maria Ludwig Michael Mies in einem Rotklinker in Aachen geboren. Das erste Gebäude von Ludwig Mies war eine eher konservative Villa in Potsdam: das Haus Riehl - vier Wände, Spitzdach, Erker. Noch mit über 80 schuf er 1968 als Mies van der Rohe sein Meisterwerk, die Neue Nationalgalerie in Berlin.

Als das Bauhaus in Weimar die Avantgarde ins Leben rief, und damit ein wahres Erdbeben unter den bildenden Künstlern der Welt auslöste, hatte auch er umgeschwenkt. Glas und Stahl wurden seine Themen. Kaum ein Architekt arbeitete kompromissloser daran, die Grenzen des Machbaren zu verschieben. Die Neue Sachlichkeit war das Ergebnis. 1930 wurde er selbst Direktor der Designschmiede, die mittlerweile nach Dessau umgezogen war.

Segen und Fluch

Seine opportunistische Einstellung zu den Nazis ist umstritten und nützte ihm im Endeffekt wenig. Bauen ohne Prunk, so sollte das Tausendjährige Reich nicht aussehen. Seine fehlende politische Überzeugung isolierte ihn zudem. Kurz bevor Deutschland über Polen herfiel, ging Mies van der Rohe nach Chicago, dessen Stadtbild er prägen würde wie kein Zweiter.

Doch gleichzeitig ist ausgerechnet Mies van der Rohe ein Fluch für die moderne Architektur. Ausgerechnet er, der die Moderne überhaupt erst begründet hat. Gemeinsam mit Walter Gropius und dem Schweizer Le Corbusier schuf er etwas Radikales, dass heute nur schwer zu übertreffen ist. Seine berühmtesten Hochhäuser, sei es der Dominion Tower in Toronto, das Seagram Building in New York oder 860-880 Lake Shore Drive in Chicago, haben eines gemeinsam: Sie sind große, geradlinige Blöcke ohne Schnickschnack. Und da Formen nun einmal nicht unendlich reduziert werden können, bleiben irgendwann eben nur noch Quader und Vierecke übrig.

Architekten tanzen nicht mehr

Zuerst wurde seine Genialität von wenigen anerkennend kopiert. Heute ist sein Erbe, die Reduzierung auf das Wesentliche, zu austauschbaren Straßenzügen in den Metropolen der Welt verkommen. Glas und Stahl überall. Das Pariser Bankenviertel La Defense lässt sich nur daran von Detroit unterscheiden, dass in den Hochhäusern noch jemand arbeitet. Das nagelneue World Trade Center 7, ein immerhin 228 Meter hohes Gebäude nahe dem bedeutungsschwersten Grundstück der USA, könnte genau so auch in Frankfurt stehen. New Yorks neues Prunkstück, das One World Trade Center, wird Designer kaum zur Architektur tanzen lassen.

Mittlerweile haben Architekten wie Frank Gehry, Daniel Liebeskind, Sir Norman Foster und Santiago Calatrava sich von diesem Erbe emanzipiert und die Postmoderne eingeleitet. Ihre Gebäude dürfen wieder verspielt sein und wirken zudem oft waghalsig. Eines ist aber meist geblieben: Die Funktionalität steht im Mittelpunkt.

Heute feiert Google den 126. Geburtstag von Mies van der Rohe mit einem Doodle. Ein Junge, aus einem Rotklinkerhaus, der die Avantgarde von Deutschland nach Amerika brachte und schließlich in die Welt. Seine Villa Tugendhat im tschechischen Brünn gehört heute zum Weltkulturerbe. Keiner hat zuvor so schön Beton zum Schweben gebracht, wie Mies van der Rohe beim Bau des berühmten Pavillons in Barcelona. Und kaum einer nach ihm.