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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Sarah und Pietro - Breaking News!

Es gibt Ereignisse, die sind von solch immenser Tragweite, dass es die journalistische Sorgfaltspflicht gebietet, die Geschehnisse erst einmal sacken zu lassen, bevor man sich vorschnell an eine Einordnung macht. So habe ich es gehalten beim Gazakonflikt und der Besetzung der Krim, und jetzt eben auch bei Pietro und Sarah Lombardi.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Gut, meine Zurückhaltung mag auch daran liegen, dass ich erst einmal googeln musste, wer zur Hölle die beiden eigentlich sind.

Jetzt, da ich die allgemeine Berichterstattung detaillierter verfolgt habe, ist mir klar, dass es sich bei den beiden offenbar um bedeutende Figuren der deutschen Nachkriegsgeschichte handelt, deren Trennung im Grunde genommen die schlimmste deutsche Teilung seit 1949 bedeutet.

Ost und West. Aldi Nord und Aldi Süd. Pietro und . Man kann nur hoffen, dass sich darüber keine Glaubenskriege entzünden. Sind die beiden doch, ich habe das gelesen, Orchideen, erwachsen aus dem Castingshow-Mulch. Speziell die „Bild“-Zeitung und ihr Onlineangebot haben die sich fiebrig umklammernde Bevölkerung nicht hängen lassen und die journalistische Grundversorgung gewähr leistet.

Eine Zitterpartie, die man hierzulande wohl zuletzt beim "Wunder von Lengede" erlebt hat.

Gefühlt im Minutentakt berichtete man von den aktuellen Entwicklungen um das dynamische Power Couple mit Hauptschulabbruchshintergrund. Ein wahrer Nervenkrieg um die zerrüttete Beziehung der beiden brach aus. Eine Zitterpartie, die man hierzulande wohl zuletzt beim "Wunder von Lengede" erlebt hat. Nur sind es keine Bergleute, die verschüttet sind, sondern schlimmer: Herzen!

Wahrscheinlich waren Hunderte von Redakteuren gezwungen, Doppelschichten zu schieben. Nicht nur bei "Bild", sondern in vielen Redaktionen, womöglich sogar bei den Onlinern vom stern. Eine Meldung folgte der anderen. Immer neue Details der hochkomplexen Ménage-àtrois um den vermeintlichen Liebhaber Michal T. (hat im Handy den Codenamen "Chantal") und Sarah (heißt "Amore Mio").

Journalisten leisteten schier Übermenschliches. Schließlich galt es, parallel auch über die anderen Brandherde der Republik zu informieren: über das Drama um den Sex-Terminkalender von Daniela Katzenberger, das Dellen-Debakel bei Patricia Blanco und Sandras erste Kuh-Besamung bei "Bauer sucht Frau".

Komplexe Themen, bei denen eine nüchterne Einordnung von Peter Scholl-Latour heute mehr fehlt denn je. Ein Land im Taumel.

Jeden Tag setzte es neue Horror-News aus der Gefühlskrisenregion rund um die Doppelhaushälfte: "Jetzt spricht Sarah!" - "Jetzt spricht Pietro!" Nach Wochen des Bangens und Zitterns dann die erschütternde Meldung: "Pietro und Sarah: Trennung!" Was "Bild" sogar eine +++BREAKING NEWS+++ wert war.

Und das macht mich wütend! Ich will seriösen Journalismus. Wo bitte schön war der ARD-Brennpunkt zu dem Thema? Was ist mit Maybrit Illner? Sollte Gerhard Schröder nicht als Schlichter eingreifen? Wie schätzt Rainer Wendt die Bedrohungslage ein? Und es ist auch keinesfalls unangebracht, einmal in aller Schärfe zu fragen: Warum schweigt die Kanzlerin?

Nein, ernsthaft: Als einer der führenden Intellektuellen Deutschlands bin ich froh, mich dieser Trivialsupernova gänzlich entziehen zu können. Jetzt allerdings habe ich eine Kolumne für den stern darüber geschrieben. Verdammt.