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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier: Andrea Seelöw - oder die Last, unverzichtbar zu sein

Andrea Nahles, Horst Seehofer und Jogi Löw: Alle drei hätten viele und gute Gründe zurückzutreten. Doch es kohlt gewaltig. Eine neue Rücktrittskultur muss her.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Andrea Seelöw

Erkennen Sie die drei Geischter von Andrea Seelöw?

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Der allgemeine Sprachgebrauch ist eine dynamische Sache. Von "Hygge" über "Achtsamkeit" bis "Ehrenmann" haben viele Begriffe den Weg gefunden, um einen Zustand zu beschreiben.

Andere Worte wiederum scheinen verschüttet, ja, geradezu ausgestorben. Der gute alte "Rücktritt" als Konsequenz aus fehlerhaftem Verhalten zum Beispiel wirkt so gestrig wie "Telefonkarte" oder "Bandsalat".

Möglicherweise habe ich etwas verpasst, aber bis vor ein paar Jahren war das ein gangbarer Weg: Man selber hat Mist gebaut und gesagt: "Ich stelle mich der Verantwortung. Danke. Tschüss." Heute erscheint das so wahrscheinlich wie H-Milch in einem Berlin-Mitte-Café.

Gerade das vergangene Wochenende ist ein gutes Beispiel für die grassierende Rücktritts-Resilienz, die es so vielen unmöglich macht, beiseite zu treten und, wenn schon nicht Besseren, dann zumindest anderen den Platz zu überlassen. Irgendwo zwischen Samstag und Sonntag eskalierten die Ereignisse in zwei Bereichen, für die sich in Deutschland spontan stets 80 Millionen Experten finden: Sport und Politik.

Seehofer und die "Verbotene Liebe"

Hatte das Gros der Leute zumindest Letztere immer eher beiläufig zur Kenntnis genommen, sind es die "GZSZ"-mäßigen Handlungsstränge, die den einst politmüden Pöbel komplett aufpeitschen. Mit Horst Seehofer als eine Art bajuvarischer Jo Gerner und der SPD als das S in SZ. Wie üblich.

Wobei in puncto Seehofer "Verbotene Liebe" noch passender wäre, denn bis auf den fatal flegelnden Innenminister (man glaubt es ja kaum) selbst, möchte ihn eigentlich niemand mehr als CSU- Parteichef haben. Am wenigsten in der CSU selbst. Das verhältnismäßig katastrophale Ergebnis nahm sogar Markus Söder "mit Demut" an. Wenngleich jeder weiß, dass der priapistische Ministerpräsident von Demut so weit entfernt ist wie die Bavaria One vom Mars.

Seehofer wiederum ruht in sich wie Bruno, der Bär am Schliersee, so scheint es. Natürlich aber spürt er die Last der eigenen Bedeutung und will - mindestens bis zum Abschluss der Regierungsbildung - Parteichef bleiben und verweigert sich konsequent dem Rücktritt, den so viele als Entlastung der eigenen Partei dringend herbei sehnen. Man muss keine Kegelbahn im Keller haben, um zu wissen, dass manchmal nicht nur Kugeln rollen müssen. "Wer außer mir soll es denn sonst können?" Die Antwort ist natürlich: Jeder. (Bis auf Andy Scheuer, natürlich.)

In Hollywood-Filmen hätte der Commander mit Bauchschuss bedeutungsschwanger in den Dschungel geächzt: "Geht ohne mich weiter, was zählt ist die Mission." Hier klingt es nach "schleppt mich gefälligst mit - ma' gucken, wie weit wir kommen." Was ist eigentlich von einem Innenminister zu halten, der nicht einmal die eigene Bedrohungslage richtig einschätzen kann? Fatal, wenn der Sündenbock sich für einen Zwölfender hält.

Rücktritt? Ausgeschlossen - da sind sich viele einig

Die Verantwortung spüre er wohl - allein die Rückschlüsse, die er zieht, sind andere. Rücktritt? Ausgeschlossen. Dreimal gedroht hatte er damit ja bereits. (Ich hatte es immer so verstanden, dass nur mit etwas drohen kann, wovor Leute Angst haben, aber nun ja.)

Auch Hans Georg Maaßen ist so ein Kandidat. Nachdem die Große Koalition sich öffentlichkeitswirksam über ihn zerstritten hatte, sodass er sich wie der kleine Amadeus Becker vorkommen musste, wäre es ein schönes Signal gewesen, hätte der erratische Verfassungsschützer gesagt: "Um Schaden von der Regierung und dem Verfassungsschutz fernzuhalten, stelle ich mein Amt zur Verfügung", so wie es der damalige - und vergleichsweise unschuldige - Innenminister Seiters nach dem Desaster in Bad Kleinen hielt.

Aber da greift wieder das damalige Heide-Simonis-Mantra "Was wird dann aus mir?" (Derlei Egoismus wurde zu Recht mit der Teilnahme an "Let's Dance" bestraft.) Nicht jeder Rücktritt ist die zwingende Konsequenz totaler Inkompetenz, in symbolikintensiven Zeiten ist er manchmal ein probates Mittel, um einen "Neuanfang" glaubwürdig zu verkaufen. Es hätte Größe. Es würde zeigen, dass es tatsächlich Dinge gibt, die wichtiger sind als das eigene Amt. Erst wenn man um die eigene Bedeutung nicht mehr fürchtet, kann man eben diese erlangen.

Andrea Nahles und Berti Vogts haben viel gemeinsam

Seit rund sechs Monaten ist Andrea Nahles Parteichefin der Sozialdemokraten. In SPD-Jahren ist sie also so etwas wie Adenauer. Mit gerade einmal 66 Prozent ins Amt gewählt, dürfte sich der Grad des Zuspruchs nicht gebessert haben: Eine grundfrustrierte Basis, die unfassbar schlecht gemanagte Maaßen-Mission und die bundesweite Schrumpfung - das alles verbindet man auch und zuvorderst mit der Frau, die zwar als fachlich kompetent gilt (mit Volker Kauder konnte sie immer hervorragend - wo ist der jetzt eigentlich?) aber ihre Partei in Sachen Außendarstellung gewaltig herunterbertivogtste. Erstaunlich, dass es überhaupt noch tiefer ging.

Ein wirklicher Neuanfang wäre nirgends so angeraten wie bei der ehemaligen Volkspartei - aber so wie man Willy Brandts Erben kennt, würde eh Ralf Stegner folgen, und dann isses irgendwie auch egal. Wie wichtig es sein kann, Köpfe auszutauschen - fragen sie mal die Grünen (die bezeichnenderweise ebendiesen Roten vornehmlich die Wähler geklaut haben).

Erstaunlich unterrepräsentiert an diesem Wochenende empfand ich übrigens die Bundeskanzlerin, die sich mühsam und handlungseingeschränkt durch die letzten Monate (?) ihrer Kanzlerschaft schleppt, während es überall gärt und eskaliert, ohne dass noch jemand Konsequenzen fürchten müsste. Siehe Seehofer. Zum Beispiel. Es kohlt gewaltig, scheint auch ihr noch nichts eingefallen zu sein auf die Frage: "Wer käme denn infrage, mich zu ersetzen?"

Löw merkelt durch den DFB

Womit wir bei Joachim Löw angelangt wären, der ziemlich genau so lange wie Merkel im Amt ist und sich an nicht wenigen Tagen mit ihr einen Gesichtsausdruck teilt. Es wäre unfair, ihm das Ergebnis des Frankreich-Spiels um die Ohren zu hauen. Ja, nicht einmal das des Holland-Spiels, das besser war, als das Ergebnis vermuten lässt.

Trotzdem wäre es kein Aktionismus, die Bank frei zu machen für jemanden, der ungetrübt von gemeinsamen Erfolgen, Erlebnissen und gnädiger Blindheit in der Lage ist, beim Kader wieder alles auf null zu setzen, um dem Leistungsprinzip mal wieder eine echte Chance zu geben. Das kann er nicht können. Das ist unmöglich.

So hat seine Aufstellung etwas Unberechenbares, das der Journalist Lucas Vogelsang "Manisch-Depressives" nennt: Zwischen dem Hang zum Vertrauten und dem Drang zum Joberhalt dann eben halt mal was Neues zu probieren. Wenn es die Öffentlichkeit denn verlangt. Auch wenn das der eigenen Philosophie zuwider läuft. Kann DAS langfristig gut gehen?

Aber auch hier: Nichts. Nur ein dickes, breiiges "weiter so". Um ehrlich zu sein, fällt allerdings auch mir bei der Frage "Wer soll Löw denn ersetzen?", wenig Sinnstiftendes ein. Hat Maaßen Ahnung von Fußball?

Befragt nach seiner Situation entfuhr dem Ex-Jogi und Neu-Joachim ein Satz, der sinnbildlich für seine, aber auch die Realität der oben genannten steht: "Kritik muss man annehmen. Ich kann das gut ausblenden." Besser hätte es Horst Seehofer auch nicht ausdrücken können.

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