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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Der Behäuptling – lieber Friedrich Merz ...

Friedrich Merz gelingt es nicht einmal am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, den Frust über die eigene Bedeutungslosigkeit herunterzuschlucken, moniert Micky Beisenherz.

Micky Beisenherz über Friedrich Merz

Micky Beisenherz hat eine Nachricht an Friedrich Merz

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Lieber Friedrich Merz,

was ist denn nur los mit Ihnen? Ist Ihnen langweilig? Sie haben doch bestimmt das ein oder andere Hobby. Können Sie nicht einfach angeln gehen? Ein bisschen mit der Cessna übers Sauerland fliegen und Leute melden, die im Bombentrichter alte Reifen verbrennen? Oder mit ein paar Zahnärzten und Anwälten eine Harley-Tour machen, wie alle Männer ihres Alters?

Friedrich Merz ist wie ein rachsüchtiger Ex

Wann genau wurden Sie zu diesem Fensterrentner, der Medien wie Twitter missbraucht, um auf ein Kissen gestützt in die Welt hinaus zu krakeelen, was gerade in Deutschland schief läuft und "wenn ich an der Macht wären, jahaaaa, dann…!" Wahrscheinlich waren Sie einfach immer schon so. Nur damals ist es nicht aufgefallen. Damals, das war Anfang der 2000er. Die CDU war noch reichlich verkohlt. Es gab noch eine SPD. Demonstranten konnte man noch weitestgehend folgenlos als "Gesindel" bezeichnen und Machtfragen wurden an der Pissrinne irgendeiner Knödelkneipe geklärt. War ne schöne Zeit. Durch unschöne östrogene Umstände wurden Sie in der Union nicht der, der Sie sein wollten – und verschwanden in der Wirtschaft. War auch ne schöne Zeit.

Weil Geld aber in der Geltungspyramide nicht denselben Stellenwert hat wie Macht, tauchten Sie Ende der 2010er Jahre plötzlich wieder auf. Mit demselben Programm und geistigem Unterbau wie damals, als Sie verschwanden. Den Chip von 2004 noch drin. Sämtliche Updates verpasst. "Der letzte Bulle" als Polit-Spin Off. Seitdem verging eigentlich keine Woche, in der Sie nicht die Gelegenheit wahrgenommen hätten, die Bundesregierung und insbesondere die Kanzlerin zu attackieren. Wie ein rachsüchtiger Ex, der damals mit der Packung Mon Chéri im Café Extrablatt sitzen gelassen wurde. Anders ist das alles kaum zu erklären.

Chance auf Vorsitz war da

Nun ist Angela Merkel wahrlich alles andere als ein bewegliches Ziel – dumm, wenn man nur Gummigeschosse im Magazin hat. Die Chance auf den Parteivorsitz war ja da. Wochenlang haben Sie sich im Vorfeld für das (rechts-)konservative Lager als Erlöser, als Krawattennadelheiland feiern lassen, nur um im Moment des Parteitages so jämmerlich zu verkacken, dass Sie sogar Annegret Kramp-Karrenbauer (!) als Rednerin ausstechen konnte. Nicht, dass die Große Koalition nicht reichlich Anlass zur Kritik bieten würde – das Dasein als präpotenter Trainingsweltmeister ist allerdings kein Lebenskonzept. Wann immer die Merz-Ultras darauf hoffen durften, dass Fritze Castro nun den Palast stürmt, musste man ernüchtert feststellen: Die Revolution ist vertagt. Sie ist lediglich eine leere Phrase.

Merz macht es wie das große Vorbild aus den USA

So hockt Merz fortan wie eine Muräne in seiner Höhle und wartet auf den Moment, endlich zubeißen zu können. Die Welt macht so lange ungerührt ohne ihn weiter. Während der Behäuptling für seine Indianer alle paar Tage in der "Bild"-Zeitung "Klartext" spricht, wenn Buschkowsky, Wendt oder Sarrazin gerade keine Zeit haben. Da den Fernfahrer-Erhitzer aus dem Hause Springer allerdings auch kaum noch einer liest und alle in der Union eh schon auf den hinterhältigen Karnevalskobold aus Aachen setzen, muss schon die große Lösung her. Let's pull out the big guns!

Also macht der Sauerländer es wie das große Vorbild aus den USA und trumpt fröhlich dort, wo Lautstärke regelmäßig Herz oder Hirn aussticht, bei Twitter. So gelingt es ihm nicht einmal am 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz, den Frust über die eigene Bedeutungslosigkeit herunterzuschlucken. Auch in Gedenken steckt ja "Denken". Nein, es musste raus:

Auschwitz-Tweet für die eigene politische Agenda

"75 Jahre nach der Befreiung von #Auschwitz erleben wir erneut #Antisemitismus – überwiegend von rechts, aber auch durch die Einwanderung von 2015/16. Viele bringen Judenhass mit, der in ihren Heimatländern gepredigt wird." Das muss man auch erstmal schaffen: Einen solchen Tag für die eigene politische Agenda zu missbrauchen, Ressentiments zu schüren – und gleichermaßen die deutsche Schuld relativieren, "weil guckt mal: Die Moslems sind ja auch so!"

Wenn es um Merz geht, dann muss die Shoah mal kurz beiseite treten. Das mit der Steuererklärung mag nicht hingehauen haben – das mit dem Anstand, der auf einen Bierdeckel passt, hat jedenfalls gut geklappt. Würde ist ein Konjunktiv. So wie ein Kanzler Merz. Andererseits: Was willst du auch von einem erwarten, der einem Obdachlosen, der das verlorene Notebook zurückbringt, ein handsigniertes Buch mit dem Titel "Nur wer sich ändert, wird bestehen" schenkt. 

Friedrich Merz präsentiert sich gern in den sozialen Netzwerken – doch das stößt auf ein geteiltes Echo

Lieber Friedrich Merz,

nur, damit wir uns nicht missverstehen: Ich wünsche Ihnen viel Glück, dass es mit dem Parteivorsitz doch noch klappt. Sie können es schaffen, die CDU wieder ihrer alten Hässlichkeit zuzuführen. Eine paar verirrte braune Schäflein wieder einzusammeln. Diese irritierenden Merkeleien der Menschlichkeit vergessen zu machen, sodass ich nie wieder völlig verwirrt in die Verlegenheit käme, mein Kreuz bei der Union zu machen. Sie wären der stärkste Parteivorsitzende, den die SPD seit Jahren hatte.

Ich will meine schäbige CDU zurück!

Deshalb: Nur, wenn Sie sich nicht ändern, wird die CDU bestehen.