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M. Beisenherz - Sorry, ich bin privat hier: Beim nächsten Mal sprengt ihn einfach. Kofferlos in Bad Bergzabern

Er flog mit Air Berlin - und landete ohne Gepäck. So musste Micky Beisenherz nicht nur ohne Anzug auf die Hochzeit, sondern mehrere Tage auf seine Glatzenpillen verzichten. Von der kofferlosen Odyssee durch Rheinland-Pfalz.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Micky Beisenherz

Micky Beisenherz ist auf seiner Flugreise der Koffer abhanden gekommen.

Sie hätten ihn einfach sprengen sollen.

Ich bin am Montagabend vor einem Rezeptionisten auf die Knie gefallen. Das ist nicht weiter schlimm. Das Hotel war kein besonders gutes, man wird mich dort nicht wiedersehen. Der Anlass für den Kotau war nur so erfreulich. Man sagte mir, dass mein Koffer geliefert worden sei, und der Mann hinterm Tresen blickte mich dabei an wie Rudi Carrell damals, wenn er in seiner Show einer völlig aufgelösten Zuschauerin ihren seit 45 Jahren in Bolivien verschollenen Bruder präsentierte. Kurz: Ich hab mich gefreut.

Bis dahin habe ich mich sehr lange Zeit sehr wenig gefreut. Ich habe natürlich eine Teilschuld. Wenn man anfängt, Rasierwasser zu trinken, ein Fondue-Set mit ins Kino zu nehmen oder mit dem Mofa über die Autobahn zu fahren, dann rumort es zumeist vorher mahnend in den Eingeweiden, da es ja eine stille gesellschaftliche Übereinkunft gibt, dass man so etwas nicht macht. Ähnlich wie einen Flug über Air Berlin zu buchen.

Palma de Mallorca-Düsseldorf. An einem Samstag. Selten eine solch homogen unattraktive Gruppe gesehen. Eine modische Ursuppe, bestehend aus karierten Kurzarmhemden, Blocksträhnen und tätowierten Eckdaten familiären Glückes. Ich bin mir mittlerweile sicher: Liest man die tätowierten Sätze auf den Schultern von Arenal-Urlauberinnen rückwärts, kommt nach sieben Tagen der Wendler, um einen zu holen.

Sie können sich denken, dass ein Fatzke wie ich das alles mit einem stillen Naserümpfen quittiert und das alles während des Fluges nonchalant überschläft. Wurde ich sonst immer noch mit einem "süß oder salzig?" von den Stewardessen aus dem Halbschlaf gesäuselt, kommt da jetzt gar nix mehr. Gratis sind hier weder die Snacks noch die Drinks. Nicht mal der Tomatensaft, der für einen selbst erst in der Luft zu einer ernsthaften Getränkeoption zu werden scheint.

Eine Purserin entschuldigt sich bei einem Fluggast, erklärt ihm, dass sie sich schäme, sogar Geld für ein Glas Wasser nehmen zu müssen. Sogar dann, wenn jemand nur eine Tablette runterspülen müsse. Die Scham sitzt so tief, dass sie später noch einmal zu dem Pärchen in Reihe 17 zurückkehrt, um noch tiefer darin zu wühlen.

Hier ist alles so klischeehaft kerkeling, dass die sanfte Landung ab Reihe 18 pflichtschuldig mit Klatschen honoriert wird. Meine Miene verzieht sich in versnobt-gequälter Steppjackenhaftigkeit- ich könnte jetzt als Jan Fleischhauer Autogramme schreiben.

Noch im Flieger checke ich die Bahnverbindung. Landung um 16 Uhr (natürlich verspätet), um 17 Uhr soll der ICE vom Flughafenbahnhof Düsseldorf nach Bochum fahren. 17 Uhr ist eigentlich ein bisschen spät - erfahrungsgemäß brauchen die Trollos von der Gepäckabfertigung aber immer exakt so lange mit dem eigenen Koffer, dass man die günstige Bahn heimwärts nicht mehr erwischt. Da ist die eine Stunde bis 17 Uhr doch ein bequemes Polster.

Viele meines Alters kennen das von Tinder

Nun, was soll ich sagen. 17 Uhr erweist sich als ambitionierte Zeit. Es ist ein unschönes Gefühl, am Gepäckband zu stehen, zu sehen, wie ein angedellter Koffer nach dem anderen in provokanter Langsamkeit aus der Luke kommt, erleichtert mitgenommen wird und man am Ende selbst vergeblich hofft - viele meines Alters kennen das von Tinder.

Es ist 16:50 Uhr. Ich habe rund 45 Minuten qualvollen Wartens, angepissten Murmelns hinter mir - und das Band steht still. Kein Koffer. Mein roter Riesentrolly ist nicht da. Auch nicht beim Sperrgepäck, wo sich ein freundlicher Rheinländer seinerseits dafür entschuldigt, dass das hier alles so chaotisch ist und das im Grunde genommen eh alles ein komplett unorganisierter Haufen ist. Ich spüre wenig Verlangen, ihm zu widersprechen.

Mittlerweile spüre ich einen heftigen Schwall Wut. Der ICE Richtung Bochum ist eh schon weg. Die Trauzeremonie, also, der Teil der Hochzeit, wegen der ich nach NRW geflogen bin, wird ohne mich abgehalten und der Anzug, den ich mir spontan für dieses Fest gekauft habe, ist in diesem roten Trolly. So wie viele andere Sachen, die ich a) in den letzten zwölf Tagen anhatte und b) in den nächsten sechs Tagen noch brauchen werde.

Immerhin bin ich freundlich geblieben

Ich bin beruflich viel unterwegs und komme so bald nicht heim. Da ist es natürlich ganz angebracht, wenn der Koffer mit allem, was man so zum Überleben, naja: zumindest zum Leben braucht, da ist.

Also ab zur Gepäckermittlung. Noch in der Schlange stehend, ermahne ich mich selbst, mich zu beherrschen, obwohl sich ein brüllend lautes "MEINENSCHEISSKOFFERWILLICHIHRVOLLIDIOTEN!111!" im Sprachzentrum verkeilt hat. Ernsthaft, wer entscheidet sich dazu, bei der Gepäckermittlung zu arbeiten. Du hast es ja zu 100 Prozent mit hochgradig unglücklicher Kundschaft zu tun. Schlimmer noch: Du, der hinterm Schalter sitzt, bist Erstabladestelle für all die Schlacke aus Wut, Hass, Verzweiflung, die sich in den Entkofferten aufgebaut hat.

"Was für eine Scheiße!" Okay, ich hab's versucht. Immerhin bin ich freundlich geblieben und habe die Gepäckermittlerin nicht persönlich beleidigt. Dafür nimmt sie meine Personalien auf und verrät mir: Der Trolly hat Palma zur Stunde noch nicht verlassen.
Ich Bochum, Air Palma. Was schlecht ist. Mit halber Hirnhälfte denke ich über Hochzeitsfeierbekleidungsalternativen nach, während ich ein Hotel in Bad Bergzabern (die nächsten drei Tage werde ich in der Gegend arbeiten, vermutlich unbekleidet) als angepeilte Lieferadresse angebe. Gesetzt den Fall, das Gepäckstück sollte die Insel jemals verlassen.

First World Problems, schon klar

Es ist ja für den ungeduldigen, gesunden Mitteleuropäer so ziemlich die größte Katastrophe, die einem passieren kann. Der Koffer ist weg! Oh, weh! First World Problems, schon klar. Erzähl das mal jemandem aus Bogota oder Neu-Delhi, dass dein Koffer bereits seit 48 Stunden verschollen ist. Vermutlich wird er nicht einmal wissen, was genau dein Problem jetzt gerade ist. Lächerlich, natürlich. Der Mensch neigt aber nun einmal dazu, sein Problem im Rahmen seiner Möglichkeiten zum schlimmsten der Welt zu verklären.

In Bochum angekommen, natürlich mit dem Regionalexpress, versorge ich mich in meiner Zweitwohnung mit dem Nötigsten, was ich für die nächsten drei Tage brauche.

Es heißt ja, dass man im Falle von Kofferverschlampung ordentlich shoppen gehen könne, die Quittungen bei der schamgebeugten Airline einreicht - und die dann reumütig alles zahlen. Hygieneartikel, Kleidung, Elektronik. Rachekäufe mit dem Furor einer Angelina Jolie. Mag sein, nur: Versuch das mal in Rheinland-Pfalz. Kleidung und Kosmetik in der Gegend, aus der Kurt Beck und Daniela Katzenberger kommen. Man würde sich mit dieser Strafe für die Fluggesellschaft am Ende nur selbst verletzen.
Streng genommen hat ja auch nicht Air Berlin den Koffer nicht verladen, sondern der Flughafenbetreiber, aber da man sich vorher auch nicht zu schade war, mir zusätzliche 50 Euro für Übergewicht des Gepäckstücks abzunehmen, sehe ich natürlich auch die Airline in der Verantwortung, Sorge dafür zu tragen, dass dieser verdammte Trolly mitreist und da landet, wo sein Herrchen den Boden berührt.

Das Schlimmste ist diese Ungewissheit

Abends, es ist etwa 23 Uhr, auf der Hochzeit wäre ich mit meinem Anzug vermutlich heillos overdressed gewesen (mein Cousin Tömmes kommt in Jeans und einem Sweatshirt), plötzlich ein Anruf aus ... Nürnberg. Ein netter junger Mann erklärt mir, dass der Koffer in der Frankenmetropole gelandet ist. Warum dort, weiß kein Mensch.

Wir besprechen gemeinsam Optionen, wie wir den Koffer am schnellsten in die Pfalz kriegen:
a) nochmal über Palma. Was in mir unschöne Gefühle auslöst.
b) über Berlin. Man sollte generell nichts über Berlin regeln, wenn einem an schnellen und koordinierten Abläufen gelegen ist.
c) Mit Eurowings über ... bitte werfen sie ihn in diesem Falle einfach überm Meer ab.

Wir einigen uns auf Frankfurt. Dort soll er ab morgen, 7 Uhr 30, sein und auf seinen Shuttle Richtung Bad Bergzabern warten. Mittlerweile, es ist Sonntagnachmittag, volle 24 Stunden seit der Landung in Düsseldorf sind vergangen, bin ich in Bad Bergzabern im Kurparkblickhotel angekommen. Ganz im Gegensatz zu meinem Koffer, der ... ja, wo ist er jetzt eigentlich? Das Schlimmste ist diese Ungewissheit. Wenn niemand mit einem kommuniziert. Dann ist die Wut am größten. 

Es sind ja auch nicht nur die Klamotten (ich habe natürlich eine ganze Reihe meiner Lieblingskleidungsstücke da drin) oder Hygieneartikel, die mir bis auf eine Zahnbürste fehlen. Im Koffer ist ja auch arbeitsrelevante Technik. Und, was viel schlimmer ist: meine Glatzenpillen, von denen man täglich eine nehmen muss. In mir keimt Panik auf, als befänden sich wichtige Insulinspritzen in dem verschollenen Gepäck. Ach, machen wir uns nix vor: Scheiß auf Insulin. Ich drohe, zu verglatzen! Ich will meinen scheißverfickten Koffer!

Mittlerweile ist es Montagmorgen

Ein Anruf bei Acciona Airport Services. Das sind diejenigen, die mit dem Transport der wertvollen Fracht vertraut sind. Natürlich nur der Anrufbeantworter. Ich rufe außerhalb der Bürozeiten an. Eine mahnende Mail in scharfem Ton. Keine Antwort. Frust. Wut. Hilflosigkeit.

Mittlerweile ist es Montagmorgen. Im Internet mache ich bereits Radau, kriege aber außer standardisierter Freundlichkeit keine echte Hilfe vom Social-Media-Team von Air Berlin. Weitere Anrufe bei Acciona. Eine Computerstimme bittet mich, meine Daten aufzusagen, ein Rückruf würde erfolgen. Natürlich geschieht - nix. Ich bin kurz davor, ein Gesicht auf einen Volleyball zu malen.

Dann eine Mail von Acciona. Man bedankt sich schnippisch für meine "nette Nachricht" und lässt mich knapp und unpersönlich wissen, dass mein Gepäck heute geliefert wird. Bis zum späten Nachmittag geschieht nichts. Kein Anruf von Acciona, keine Mitteilung von Air Berlin. Nichts.

Wie gesagt: Mir geht es gut. Ich bin gesund. Ich habe sogar noch eine frische Unterhose auftreiben können. Gut, sicher, durch die Nichteinnahme der Glatzenpille werde ich morgen bereits mit Haarkranz erwachen, aber sonst bin ich noch nicht weiter körperlich beeinträchtigt. Woanders müssen sie halbtot in lecken Booten übers Mittelmeer. Und doch, ich bin reichlich angespannt.
Weitere Anrufe bei Acciona enden stets bei meinem Roboterfreund, der mich bittet, meine Daten einzugeben und mir verspricht, mich bald zurückzurufen.

Der Koffer ist wieder da

Es ist Abend. Über 48 Stunden sind vergangen. Keine Nachricht. Kein Trolly. Ganz in der Nähe des Hotels ist die Pfalzklinik für leichte bis schwere psychiatrische Fälle. Sollte der Koffer immer noch nicht auftauchen, könnte man den ja auch gleich dorthin schicken. Denn dann checke ich ab Dienstag wohl dort ein.

Beim Abendessen spekulieren meine Arbeitskollegen und ich darüber, für welche Jobs die Mitarbeiter von Air Berlin und Acciona sonst noch so geeignet scheinen. Wir kommen unter anderem auf:
- Chef vom BER
- "Focus"-Chefredakteur
- LaGeSo-Verwaltungsfachwirt
- HSV-Vorstand
- Betreuer von Ben Teewag
- Designer bei Opel
- Sat.1-Programmplaner
- NRW-Verkehrsminister
- Kölner Bürgermeister

Um 22 Uhr komme ich gut gelaunt ins Hotel zurück und falle vor Glück spontan auf die Knie. Der Koffer ist wieder da. Nach gerade mal 52 Stunden. Air Berlin! Acciona Airport Services! Ihr gottverdammten Helden! Ich bin kein Typ, der die eigenen Probleme künstlich überhöht, aber: So muss sich Kennedy gefühlt haben, als die Atomraketen von Kuba abgezogen wurden.

Positiv: Es ist noch alles drin. Negativ: die weiße Leinenhose ebenfalls. Fast wünsche ich mir, sie hätten den dämlichen Trolly einfach in Nürnberg am Airport gesprengt, damit diese Geschichte eine spektakuläre Schlusspointe hat. Stattdessen bleibt nur Ernüchterung und Fassungslosigkeit über soviel bräsige Arroganz. Und über die menschliche Neigung, sich an einem blöden verschollenen Gepäckstück so aufzuhängen.

Dafür habe ich eine neue Eigenart an mir entdeckt. Wenn Sie mich demnächst im Bereich der Gepäckabgabe suchen: Ich bin der, der am Kofferband klatscht. 

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