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M. Beisenherz: "Sorry, ich bin privat hier": Nicht vor den Karrenbauer spannen lassen

Annegret Kramp-Karrenbauer stänkert gegen die Homo-Ehe - und alle regen sich auf. Warum nur? Die CDU-Politikerin will bloß auf der Reaktionärsversammlung ordentliche Zahlen präsentieren.

Eine Kolumne von Micky Beisenherz

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer will keine gleichen Rechte für Homosexuelle

Die saarländische Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer will keine gleichen Rechte für Homosexuelle

Toleranz bedeutet, die freie Meinungsäußerung auch von denen gelassen hinzunehmen, die wir für Trottel halten. Insofern haben wir in den vergangenen Tagen wieder einmal kollektiv versagt, als in den sozialen Netzwerken enorme Reibungshitze entstand.

Die Sau der Woche, die da durchs digitale Dorf getrieben wurde: Annegret Kramp-Karrenbauer. Eine Frau, die den meisten Deutschen dafür bekannt ist, mal eine brutale Lesbe im RTL-Frauenknast gespielt zu haben. Bedauerlicherweise ist sie aber nur Ministerpräsidentin des Saarlandes. Ein Bundesland, das lediglich dazu da ist, bei Waldbränden die Größe der betroffenen Fläche zu veranschaulichen. Was, nebenbei gesagt, bislang noch nie jemandem geholfen hat.

In einer zugegebenermaßen recht unglücklichen Äußerung ließ sie sich so verstehen, dass die Homo-Ehe eine Art Türöffner für Inzucht und Polygamie sei. Das ist überraschend. Ich habe das Saarland bislang für sehr offen gegenüber Inzucht gehalten. Das Ergebnis war absehbar, die Fäkaldünung baute sich zuverlässig und schnell auf.

Häppchen für die konservative Zielgruppe

Die pawlowschen Poster haben sofort Speichelsturz gekriegt und die arme Frau umgehend hinauf zur alten Mühle geklickt. Warum eigentlich? Muss uns das so aufregen? Ziemlich viel Resonanz für eine Frau mit dem Charisma eines beigen Briefumschlags. Lassen wir der Frau doch ihre Meinung.

Davon ab glaube ich nicht einmal, dass es ihre Meinung ist. Vielmehr sehen wir hier eine bedauernswerte Parteisquaw, die sich für ihren schwerfälligen Stimmenfangkonzern an die Käsetheke gestellt und der konservativen Zielgruppe Häppchen angeboten hat. Man will ja auf der Reaktionärsversammlung später ordentliche Zahlen präsentieren. Das ist das eigentlich traurige daran. Die Genossen von der SPD klingeln an Türen und belästigen wehrlose Menschen mit Rosen - und die CDU kramt quartalsmäßig die Homo-Ehe raus.

Wie damals Angela Merkel, die sich in der Wahlarena gegenüber einem kritischen Fragensteller aus dem Publikum wand wie ein Rautenaal, bis sie schlussendlich in dem stichhaltigen Argument mündete, mit der Homo-Ehe fühle sie sich "irgendwie unwohl".

Schwachsinnig, aber für die Zielgruppe reicht's

Man wundert sich ein wenig, warum sie das damals so gesagt hat. Merkel ist die Homo-Ehe privat vermutlich so furzegal wie die Empörung über die NSA-Affäre. Wenn's nach Merkel geht, könnte man auch 'nen Traktor heiraten, nur, da gibt es eben auch: das Stammpublikum der CDU ("Fifty Shades of Grey"). Und für eben dieses muss man ab und an den Markenkern bedienen. So unwürdig das auch ist.

Aber wieso regen wir uns darüber noch auf? Wir kennen das doch schon. Das ist wie die Seitenbacher-Reklame: Schwachsinnig, aber für die Zielgruppe reicht's.

Wieso empfinden wir den Drang, uns öffentlich über einen Quartalsirren zu echauffieren, der im Namen der Kirche befindet, die Homo-Ehe sei eine Niederlage für die Menschheit? Was eine mutige Aussage ist, wenn man zu einem Verein gehört, der steuerfrei Milliarden damit verdient, den Leuten zu erzählen, sie müssen nur zu einem imaginären Onkel beten, und alles wird gut. Zumal man von der Kirche weiß, dass sie wie ein gewaltiger Zylinder ist, aus dem unendlich viele Irre hervorgezaubert werden.

Wir sollten das gelassen hinnehmen. Wie diese Menschen, die am Mega-Park Flyer für das Willi-Herren-Konzert verteilen müssen, haben diese bedauernswerten Kreaturen die Pflicht, dann und wann den Slogan ihrer komischen Firma in die Welt zu husten. Während ihnen das Publikum eh schon gletscherartig unterm Hintern wegschmilzt. Uns sollte das wirklich egal sein. Im Zweifel dürfen wir vielleicht sogar Mitleid haben.

Drehen wir uns doch einfach lässig lachend weg wie in einer 90er-Jahre-Mentos-Werbung. Jede noch so dumme Meinung hat ein Recht darauf, ignoriert zu werden. Aber als schwarmdummes Sozialgewölle diese Menschen zur nationalen Pinata machen, auf die wir alle einknüppeln? Damit fühl' ich mich dann irgendwie unwohl. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.