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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Wir müssen leider draußen bleiben – warum die Faschos vorm Reichstag nicht das Problem sind

Micky Beisenherz über Demo vor dem Reichstag
Das Corona-Kollektiv spielt Nazi-Muli vor dem Reichstag
© Picture Alliance
Für Reichsbürger und ihre Gesinnungsgenossen war das ein tolles Wochenende. Wissend, dass sie selber nie so viele Leute auf die Straße bringen würden, haben sie sich an die "Corona-Skeptiker" angedockt. Die "Corona-Demo" wurde zum Verstärker für das dumpfe Grollen der eigenen Bewegung, meint Micky Beisenherz

"Was sollen denn die Nachbarn von uns denken?" Eine Ur-Sorge, die tief verwurzelt in uns Deutschen steckt und auch mich befällt, wenn ich an die Bilder von diesem Wochenende denke. Da schaffen es ein paar Orks mit Reichsflaggen auf die Stufen des Reichstagsgebäudes und freuen sich, dass sie es mit ihrer Nazi-Theateraufführung von "Call of Duty" so weit geschafft haben. Szenen, wie der hässliche Bruder des Sommermärchens – und bis hin zu CNN muss man sich dann dafür schämen.

Reichsflaggen vor dem Reichstagsgebäude

Dass diese Geistesgrößen am Ende doch auf den Stufen wie Dackel vor der Fleischerei hocken mussten, ist drei couragierten Polizisten zu verdanken, die sie am weiteren Fortkommen gehindert haben. Die sind jetzt natürlich "Helden" und sollen das Bundesverdienstkreuz erhalten, klar. In einer bipolar gestörten Republik geht es natürlich nicht drunter. Bis vor einer Woche schien es ausgemachte Sache, dass Polizisten allesamt die Ersten wären, die mit dem Mob mitstürmen würden. So schnell geht das.

Für Reichsbürger und ihre Gesinnungsgenossen war das natürlich ein tolles Wochenende. Wissend, dass sie selber nie so viele Leute auf die Straße bringen würden, haben sie sich an die "Corona-Skeptiker" (was für ein Wort, oder sehen SIE Corona positiv?) angedockt und surfen auf der zweiten Welle Richtung Reichstag. Die "Corona-Demo" als Verstärker für das dumpfe Grollen der eigenen Bewegung.

Kritiker der Corona-Restriktionen sind nicht unschuldig

Dabei sind die – nennen wir sie mal wohlwollend – lautstarken Kritiker der Corona-Restriktionen natürlich nicht unschuldig an diesen Bildern. Beschweren darf sich auch niemand über falsche Etikettierung. Wer zwischen Rechten mitmarschiert, wird halt schnell mal zum Salatblatt im Nazi-Sandwich. Schon Tage vorher war in vielen Chats zu erkennen, mit welchen Figuren man sich einen Protest wird teilen müssen, und man muss nicht hundert Folgen "ZDF History" geschaut haben, um zu ahnen, welche Anleihen der Name der Demonstration "Sturm auf Berlin" hat.

Serviert wurde: die Berliner Melange, ein seltsames Gewölle aus Befindlichkeiten. Menschen, die eines eint: die blanke Wut auf eine nicht weiter ausdifferenzierte Obrigkeit, das Gefühl fehlender Selbstbestimmung und gravierender Unfreiheit. Sinnsuchaggressionen in einer Welt, deren Komplexität viele schlicht überfordert.

Erstaunlicher Hass

Dabei sind es seit Jahren fast immer dieselben Figuren, die mit erstaunlichem Hass auf die Straße gehen. Die Pappschilder ändern sich, die Gesichter bleiben gleich. Euro-Umstellung, Flüchtlinge, Corona. Es ist doch fast scheißegal. "Nix darf man mehr!" und "die da oben". Eigentlich eine absurde Pointe: Da gehen Leute auf die Straße und protestieren lautstark dagegen, dass man ja nicht lautstark protestieren darf. Naja.

Gesundheitsminister Spahn war so nett (naiv?) sich einem Pulk aus "Corona-Gegnern" (jaja, ich weiß) zur Diskussion zu stellen. Außer einem mittelschweren Tinnitus und ein paar DNA-Proben auf dem Sakko kam da aber leider nicht viel rum, und damit wäre die Diskussionskompetenz der meisten Protestler auch gut umrissen. Aber schön, dass wir alle diesen pädagogisch-revanchistischen Stellvertreterkrieg mit ausbaden müssen für Versäumnisse von vor fünfzig Jahren oder welche stille Treppe auch immer Uwe und Jürgen damals zugestoßen sein mag. Cargo- statt Gelbwesten.

Das nur am Rande: Wenn man sich mit Zehntausenden eine Meinung teilt, denkt man womöglich weniger quer, als man sich das erhofft hat. Marketingtechnisch auch ein Mega-Fail, dass "Querdenker" als Symbol ihres Erkenntnismonopols Alufolie benutzen und nicht – aufgepasst! – "Klarsicht"-Folie. Einfach nur bitter, dass das liegen geblieben ist.

Corona-Kollektiv spielt Nazi-Muli

Überdies muss man sich genau überlegen, ob man als Corona-Kollektiv das Nazi-Muli spielen möchte, damit die Faschos schneller zum Reichtstagsgebäude kommen. Dass man die Bilder von diesen Hitlereien unbedingt auch noch verbreitet, erscheint ebenfalls fraglich.*

Klar, was uns alle eint, ist eine tiefe Sehnsucht nach der Apokalypse, da kommen die Bilder von den Sturmtruppen aus Berlin gerade recht. Lenken aber davon ab, dass ihre geistigen Zwillinge in Tweet-Sakkos es längst in den Bundestag geschafft haben. Struktureller Rassismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit sind bereits mitten in der zweiten Welle. Die Demokratie, so scheint es, hat einen schweren Verlauf.

Und da nicht davon auszugehen ist, dass sich alle AfDler mit einem brandenburgischen Begrüßungsknuffer à la Kalbitz mit Milzriss gegenseitig in die Frühverrentung schicken, lenken wir unser Augenmerk doch bitte wieder darauf, dass ein paar Nazis auf den Stufen des Reichstages zwar schlimm sind, aber: Wahre Hässlichkeit kommt von innen.

*Wir brauchten für die Kolumne halt ein catchy Titelbild. Medien und so, jaja, ich weiß.


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