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M. Beisenherz: Sorry, ich bin privat hier Afghanistan – Von Bildern der Ohnmacht und der Macht der Bilder

Afghanistan
Micky Beisenherz über Afghanistan und die Macht der Bilder.
© Marc Tessensohn/Bundeswehr / DPA
Wir wissen nichts über Afghanistan. Wir haben keine Ahnung, wie es dort zugeht. Doch auf der heimischen Couch lassen wir unserer Wut und Empörung freien Lauf. Jetzt müssen Köpfe rollen. Wenigstens bildlich.

Da ist dieser Mann. Man sieht ihn von hinten. Kurze Haare, faltiger Nacken, mutmaßlich Mitte 50, ein hellblaues Kurzarmhemd und eine orangene Weste mit der Aufschrift "Germany", die über dem stämmigen Körper spannt. Dieser Mann könnte jederzeit Ordner auf CDU-Festen sein, an denen Armin Laschet an behussten Stehtischen zwischen mittelalten Männern herum formuliert.

Dieser Mann ist Ordner in einer Militärmaschine, die verzweifelte Menschen aus Afghanistan in Sicherheit bringt. Kinder, Frauen, ein paar Männer. Dieser Mann, über den wir in jedem anderen Fall vermutlich gelacht und unsere überheblichen Witzchen gemacht hätten, hat meinen Freund Oliver zum Weinen gebracht.

Dieser Mann, in seiner zivilen Erscheinung so unglaublich durchschnittlich, ja provinziell, wird plötzlich zum Sinnbild einer ersehnten Normalität inmitten eines Infernos. Er spricht das einzige an, was wir in dieser Zeit haben: Emotionen. 

Nie dagewesene Schande. Beispiellos. Zum Schämen. 

Diese irren Bilder

Wir wissen nichts über Afghanistan. Wir haben keine Ahnung, wie es dort zugeht. Sicher, wir lassen es uns erzählen, erschaudern, sind erschüttert, klagen an. Aber wissen, wissen tun wir: nichts.

Diese Bilder, diese irren Bilder. Die Menschen auf dem Rollfeld, wie sie sich an die Maschinen klammern. Die Frauen auf den Fassaden, die nun übermalt werden, aus dem Straßenbild verschwinden. Die Taliban, auf Fahrgeschäften eines Vergnügungsparks, dem Kinderkarussell, in Fitnesstudios, wie sie wie Gremlins über die Zivilisation herfallen, die Panzerfaust noch auf den Rücken geschnallt.

Menschen, die vom Himmel fallen. Es erinnert unweigerlich an den Mann, der vor ziemlich genau 20 Jahren vom Himmel fiel, als die Twin Towers brannten und das Initial für diesen verlorenen Krieg bilden sollte.  Verloren auch wegen der eigenen Hybris, Arroganz, Ignoranz und dem Glauben, die eigene Schablone auf fremde Regionen anlegen zu können.

Tja. War nix. Nun macht euren Scheiß alleine. Ihr habt euch auf uns verlassen? Tja, wir haben uns das auch anders vorgestellt. Bloß schnell raus hier. Immerhin die 25.000 Liter Bier konnten wir rechtzeitig ausfliegen. Man kann, wenn man nur will. Die üblichen Posts und Tweets. 

Nie dagewesene Schande. Beispiellos. Zum Schämen.

Jetzt müssen Köpfe rollen. Wenigstens bildlich

Und die Bundeswehr, die in den letzten 20 Jahren verlässliche Quelle für Nazi-Witzchen aller Art gewesen ist, soll sich gefälligst anstrengen, da schnell mehr Leute rauszuholen. Von der Couch aus geht es doch auch einfach, also warum kriegen DIE das nicht hin! Jetzt müssen Köpfe rollen. Wenigstens bildlich.

Da ist AKK, diese seltsame Verteidigungsministerin. Heiko Maas, der als Außenminister immer so wirkt, als mache er gerade ein Schulpraktikum und eigentlich nur merkt, dass es eng wird, wenn der Slim-Fit-Anzug kneift. Und natürlich der ewige Horst Seehofer, der als Kind in den Topf mit Verzögerungscreme gefallen ist und sich nach allem, was wir lesen können, sehr stark darum bemüht hat, die Aufnahme afghanischer "Ortskräfte" so gut es eben geht bürokratisch zu ersticken.

Wer hat da eigentlich gepennt? Wieso muss man jetzt hektisch versuchen, den Taliban die Verbündeten von einst zu entreißen, obwohl doch lange absehbar war, was kommen würde? "Es gibt auch nichts zu beschönigen: Wir alle - die Bundesregierung, die Nachrichtendienste, die internationale Gemeinschaft - wir haben die Lage falsch eingeschätzt", sagt Maas und hofft insgeheim dass dort, wo alle Fehler gemacht haben, die Verantwortung ins Nichts diffundiert.

Da, wo alle Schuld sind, muss niemand zurücktreten. Da, wo alles zum Schämen ist, ist morgen schon der nächste beispiellose Skandal als Blitzableiter. Dazwischen die Bilder von weinenden Frauen, verzweifelte Sprachnachrichten und erste Berichte über Hinrichtungen durch Talibanmilizen. 

Armin Laschet äußert sich. Eingedenk der noch frischen Bilder aus Kabul mahnt er, "die Fehler von 2015" dürfe man "nicht wiederholen". Vom Timing eigentlich ein klassischer Merz.

Nie dagewesene Schande. Beispiellos. Zum Schämen.

Keiner fragt nach Merkel

Kann man ihm als lupenreine Weidelei auslegen, aus Angst vor der AfD. Man könnte aber ebenso "Türken-Armin", dem großen und verlässlichen Unterstützer von Merkels Flüchtlingspolitik unterstellen, er hätte nicht die Aufnahme von Geflüchteten als Fehler bezeichnet, sondern lediglich appelliert, die strukturellen und organisatorischen Fehler dieser Zeit nicht zu wiederholen.

Das passt zwar nicht in eine Zeit, in der man allen das möglichst Verkommenste unterstellen möchte, ist aber eine legitime Lesart. Vermutlich weiß derzeit nicht einmal der Kandidat selbst, wie er es gemeint hat, zu groß ist die Sorge, dass es im Lager der Konservativen noch weiter abrauscht und er vollends als der Depp dasteht.

Bemerkenswert bleibt aber, dass die zeitlich völlig deplatzierte Frage, was denn bitte mit den Geflüchteten zu geschehen habe, der derzeit einzige Fall zu sein scheint, dass Politik plötzlich Weitsicht beweisen und präventiv agieren will. "Hilfe vor Ort". Eine "europäische Lösung". Noch mehr Verantwortung, verteilt auf viele zuckende Schultern.

Warum erwartet man von Kanzlerkandidaten oder -kandidatinnen eigentlich Regierungserfahrung, wenn diese seit Jahren nichts anderes bedeutet, als alle zentralen Fragen zu verzögern, verbummeln und verkacken? Eine einzige "Huch, das haben wir nicht kommen sehen"-Regierungsselbsterklärung.

Was die Frage aufwirft, warum wir nur zu gerne über den doofen Laschet herziehen oder den Quartalsdämon Seehofer, aber nie über die Letztverantwortliche? Wir verlieben uns in Erzählungen und in dieser ist Angela Merkel die gütige Bundesmutter, die hilflos mit ansehen muss, wie ihre unfähigen Minister ein ums andere Mal ihre visionäre und gutherzige Politik verhunzen.

Weiter von der Wirklichkeit könnte es nicht sein. Wen bei Laschets Lachen im Flutgebiet die Wut packt, kann kaum ungerührt bleiben, wenn die Kanzlerin gut gelaunt aus dem Kino kommt, während über Kabul die Rettungsflieger kreisen.

Nie dagewesene Schande. Beispiellos. Zum Schämen.

Wie sehr haben wir uns für Afghanistan interessiert?

Und die ehrliche Frage: Wie sehr haben wir uns vorher für Afghanistan interessiert? Hätten wir die Partei gewählt, die der Bundeswehr mehr personelle und militärische Power für den Kampf gegen die Taliban vor Ort versprochen hätte? Was ging es uns an. Die Macht der Bilder. Die Töne. Die Schicksale.

Wir sind wütend. Betroffen. Wollen helfen. Und morgen drängen sich schon wieder andere Dinge in unser Bewusstsein. Kölner Radwege, schwurbelnde "Tatort"-Kommissare, irgendeiner gendert oder wehrt sich zu heftig dagegen.

Nie dagewesene Schande. Beispiellos. Zum Schämen.

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Und die "gemäßigten Taliban"? Sie werden es nicht eilig haben, die alte Angstfabrik in Afghanistan zu reinstallieren. Noch zwei Wochen Aufregung, bis die Hashtags verblassen und die Welt sich anderen Dingen zuwendet. Oder kann mir jemand aus dem Stegreif sagen, wie es gerade im Libanon aussieht? Oder im Jemen? Und was machen wir eigentlich in Mali?

Der Mann in der Weste weiß es vermutlich. Der ist ja auch irgendwo da draußen.


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