HOME

Christina-Stürmer-Interview: "Österreich wird a bisserl unterschätzt"

Christina Stürmer wurde 2003 über Nacht berühmt und avancierte zum größten Austro-Exportschlager seit Falco. Ihr neues Album "laut-Los" erhielt schon vor der Veröffentlichung Platin. Im Gespräch mit stern.de verrät die Sängerin, die nun auf Deutschland-Tour geht, wie sie Österreich bei der EM unterstützen will.

Von Julia Stanek

Die Lebenserwartung von Castingshow-Gewächsen ist nicht besonders hoch. In Normalfall heißen die schnell aufeinander folgenden Stationen im Leben eines Instant-Popstars: Entdeckung, Vermarktung, Ausschlachtung, Versenkung. Doch zum Glück gibt es für jede Regel eine Ausnahme - Christina Stürmer ist so ein Sonderfall. In Deutschland haftete das Image einer Retortenmusikerin sicherlich nie so stark an der österreichischen Sängerin wie in ihrer Heimat. Hierzulande könnte man höchstens fragen, was ihre Musik signifikant von Deutschrock-Bands wie Juli oder Silbermond unterscheidet. Im Trend liegen ihre zumeist nachdenklichen Texte und ein Sound irgendwo zwischen Rock und Pop - nicht zu hart, nicht zu weich.

Doch kann man Christina Stürmer wirklich vorwerfen, sich reglos dem massentauglichen Einheits-Poprock verschrieben zu haben oder einer musikalischen Strömung anzugehören, in der sich viele junge Menschen ihrer Generation wiederfinden? Mit Sicherheit nicht. Die zierliche Sängerin hat sich von Anfang an gegen den Befehlston der Musikindustrie gewehrt, hat sich weder einen Stil verpassen noch eine Maske aufsetzen lassen. Was die Leute anfangs über ihr Styling zu meckern hatten, interessierte sie genauso wenig wie die Bemerkungen über ihre "zu schlaksige" Figur. "Du lebst nicht von deinem Aussehen, du lebst von deiner Stimme" wurde sie 2003 von der Casting-Jury kritisiert - das mochte vielleicht sogar stimmen, verunsichert hat das die damals 20-Jährige keineswegs. Auf derartige Sprüche konterte sie gelassen mit ihrer kraftvollen Stimme und gab vor laufender Kamera ein paar Kostproben ihres Könnens. In fünf Jahren hat sich Christina Stürmer zwar künstlerisch stark weiterentwickelt, ihr Bühnenoutfit - normalerweise T-Shirt, Jeans und Turnschuhe - hat aber noch immer nichts mit aufgesetztem Glamour zu tun.

"laut-Los" an der Chartspitze

Umso überraschender war Stürmers Auftritt bei der Präsentation ihres neuen Unplugged-Albums "laut-Los" in Wien: Die sonst so burschikos wirkende 25-Jährige erschien im schwarzen Abendkleid und mit trendiger Ponyfrisur. Vielleicht hatte sie schon geahnt, wie gut ihr sechstes Album ankommen würde: Auf Anhieb ist "laut-Los" auf Platz neun der deutschen MediaControl Album-Charts eingestiegen. Bereits vor dem Verkaufsstart am 4. April 2008 hatte es in Österreich Platinstatus erreicht und führt dort die Hitparade an.

Im Gespräch mit stern.de gibt sich Christina Stürmer offen und gewohnt natürlich. So dynamisch die dunkelhaarige Powerfrau auf der Bühne auch rocken kann, in ihrer Ausstrahlung liegen Ruhe und Gelassenheit. Auf die Frage nach ihrem plötzlichen Ruhm betont sie in sympathischem Dialekt, dass sie nach fünf Jahren im Musikgeschäft und pausenlosem Beifall zwar schon selbstbewusster geworden, aber noch immer ein eher schüchterner Typ sei. Viel zu spüren ist davon nicht.

Mit Janis-Joplin-Songs das Taschengeld aufgebessert

Christina Stürmer ist auf dem Land, in Altenberg bei Linz, aufgewachsen. Schon als Kind entdeckte sie ihr musikalisches Talent: Sie sang in einem Chor, lernte Querflöte- und Saxophon-Spielen. Im Alter von 13 Jahren spielte sie bereits in einer Jazz-Gruppe, mit 16 gründete sie ihre eigene Coverband Scotty. Und um sich ein paar Schilling dazuzuverdienen, trällerte sie als Jugendliche in der Einkaufszone von Linz Janis-Joplin-Songs. Heute wird das einstige Landei nicht nur auf dem Marktplatz in der Provinz wieder erkannt - Christina Stürmer zählt zu den prominentesten weiblichen Stars Österreichs.

Vermutlich liegt gerade in ihrer Bescheidenheit, in ihrer Authentizität das Geheimnis ihres gigantischen Erfolgs, zu dem sie es in kürzester Zeit gebracht hat: Für ihre Alben bekam die gelernte Buchhändlerin mehrfach Gold und Platin überreicht, sie hat Auszeichnungen wie den Echo und das österreichische Pendant, den Amadeus, erhalten. Doch was auch immer noch folgen mag, es kommt einem vor, als könne Christina Stürmer nichts von ihrer Bodenständigkeit verlieren. Es mag sein, dass auch ihr charmantes Lausbubenlächeln zu ihrer unbekümmerten Ausstrahlung beiträgt. Vielleicht ist sie aber auch nur dankbar, dass ihr in einem Interview einmal keine Fragen zu Oliver Varga gestellt werden, der nicht nur Gitarrist in ihrer Band, sondern auch ihr Lebensgefährte ist.

"Zugegeben: Ich kenne mich nicht aus im Fußball"

In ihrer Heimat gilt Stürmer als Nationalheiligtum, als größter Exportartikel in Sachen Popmusik seit Falco. Da hat sich auch keiner gewundert, als der Österreichische Fußballbund im September 2007 bekanntgab, dass "die Christl", wie die Fans sie nennen, den EM-Song singen wird. Über diese Ehre habe sie sich riesig gefreut, verrät sie gegenüber stern.de, auch wenn sie eigentlich gar kein Fußballfan sei. "Fieber" heißt Stürmers Euro-2008-Song, in dem sie zwar mit keinem Wort die Fußball-EM erwähnt, wohl aber in schnellem Takt von der Euphorie erzählt, die im Juni das sportliche Großereignis in Österreich und in der Schweiz begleiten wird. "Ich finde es extrem cool, dass die Euro 2008 in Österreich stattfinden wird, dass so viele Nationen in dieses kleine Land kommen werden", sagt sie und hofft, dass durch die Fußball-EM eine ähnliche Energie freigesetzt wird wie bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland.

Damals beschallten die Sportfreunde Stiller mit dem Lied " '54, '74, '90, 2006" Fan-Feste und WM-Partys. Doch mit ihrer Fußball-Hymne eifert Christina Stürmer nicht zum ersten Mal der Band um Peter Brugger nach. Als sie es 2003 bis ins Finale der österreichischen Casting-Show "Starmania" schaffte, interpretierte sie in der entscheidenden Runde das Lied "Ein Kompliment" von den Sportfreunden - eine für die Talentshow ziemlich untypische Nummer von einer damals in Österreich völlig unbekannten Band. Christina Stürmer, damals großer Fan der Indie-Rock-Band aus Bayern, hat schon immer genau das gemacht, wonach ihr der Sinn stand. Die Jury machte sie zwar "nur" zur Zweitplatzierten, doch während sich heute kein Mensch mehr an den damaligen Sieger Michael Tschugnall erinnert, wurde Christina Stürmer über Nacht berühmt: Erst eroberte sie in Österreich die Hitparaden, dann gelang ihr 2005 mit dem Album "Schwarz Weiß" und 2006 mit "Lebe Lauter" der große Durchbruch in Deutschland.

Country, Swing und Lagerfeuerstimmung

Während sie in ihren bisherigen Erfolgsalben eine Bandbreite von Pop-Rock über Post-Punk bis hin zu ruhigen Stücken abdeckte, hat Christina Stürmer für "laut-Los" den Stecker gezogen und Bekanntes zu Neuem variiert: Das Akustik-Album beinhaltet neben acht bereits bekannten Liedern fünf neue Stücke, unter anderem "Fieber" sowie die Ballade "Träume Leben Ewig". Diese stieg in den österreichischen Charts gleich in die Top Ten ein, in Deutschland landete die Single sofort auf Platz 40. Der beharrliche Ohrwurmhit "Ich lebe" wird durch die Akustik-Gitarre und Percussion-Instrumente zur Lagerfeuer-Version, "Augenblick am Tag" variiert Stürmer zum Country-Song und mit dem neuen Arrangement von "Engel fliegen einsam" macht sie einen Abstecher in den Swing - ungewohnt, aber gelungen.

Einzig bei den notorisch grüblerischen Texten zwischen Einsamkeit und Träumerei hätte sich Christina Stürmer auch mal etwas Frisches einfallen lassen können. Eine angenehme Abwechslung in dieser Hinsicht liefern die neuen Songs "Fieber" und "Optimist". Letzterer ist eine Reflektion über den eigenen Erfolg und den Spiegel der Medien, in dem sie sich oftmals nur "verzerrt" wiedererkennt. "Da sind Stimmen, / die sich förmlich überschlagen beim Berichten, / wie sie maßlos übertreiben / bei den buntesten Geschichten", heißt es in dem Lied. So ein Fall von "maßloser Übertreibung" sei das vermeintliche "Burnout" gewesen, von dem in der Boulevardpresse die Rede war, als die Sängerin aufgrund von sich häufender Krankheiten vor zwei Jahren Auftritte absagen musste. "Burnout is' vielleicht a bisserl heftig ausgedrückt", korrigiert Stürmer im Gespräch mit stern.de, "aber da war's Zeit, mal kurzfristig die Notbremse zu ziehen und mal Urlaub zu machen."

Vielleicht zeigt das neue Album besser als all ihre bisherigen Platten, was in ihr steckt - es zeigt auf jeden Fall, wie man sich spielerisch von einer Stilrichtung abheben kann. Christina Stürmers Fans werden ihr verzeihen, dass sie nur fünf neue Lieder vorstellt - umso mehr überzeugen die neuen Klangumgebungen, in die sie die alten Hits stellt. Ob die österreichische Nationalmannschaft bei der Euro 2008 zu ähnlichen Überraschungen fähig ist, darf bezweifelt werden. Während die alpenländischen Kicker noch ihre Form suchen, geht Christina Stürmer schon mal in die Startlöcher für ein paar gute Chartplatzierungen. So darf man hoffen, dass sich wenigstens ein(e) österreichische(r) Stürmer(in) im EM-Sommer mit Ruhm bekleckern wird.