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Vorentscheid-Skandale: Zlatkos "Fotzköpfe" und ein singender Friseur

Mit einer Castingshow will Stefan Raab den deutschen Grand-Prix-Vorentscheid retten. Wie viel Potenzial in dem Wettbewerb steckt, zeigt seine bewegte Vergangenheit. Ein Blick zurück auf Buh-Rufe für Zlatko, grandios gescheiterte Favoriten und hanebüchene Fehlentscheidungen.

Von Jens Maier

Es war einer der denkwürdigsten Veranstaltungen in der Geschichte des deutschen Grand-Prix-Vorentscheids. Das Publikum in der Preussag-Arena in Hannover tobte und die Zuschauer zuhause konnten live einen handfesten Skandal miterleben. "Einer für alle" sang da einer, den damals jedes Kind kannte und der inzwischen in die Annalen der deutschen Fernsehunterhaltung eingegangen ist. Zlatko Trpkovski, kurzzeitig berühmt geworden durch die Reality-Soap "Big Brother", fühlte sich dazu berufen, Deutschland beim Eurovision Song Contest in Kopenhagen zu vertreten. Gnadenlos vom Publikum für seine miserable Vorstellung ausgepfiffen, raunzte er bei seinem Abgang ins Mikrofon: "Vielen herzlichen Dank, ihr Fotzköpfe!" Es war für den gelernten KFZ-Mechaniker ein Abschied für immer, für die ARD aber genau der Stoff, aus dem Quotenträume gemacht werden.

Über zehn Millionen Zuschauer verfolgten an jenem Abend des 2. März 2001 den deutschen Vorentscheid - eine Zahl, von dem die Programmverantwortlichen neun Jahre später nur noch träumen können. Stetig und rapide gingen Quote und Marktanteil seitdem zurück. Da halfen weder Vicky Leandros, noch Thomas Anders, die No Angels oder Roger Cicero - im Gegenteil. Als es 2008 gar nur noch rund drei Millionen waren, die sich den live aus dem Schauspielhaus in Hamburg übertragenen Krampf antun wollten, gab der federführende NDR in seiner Verzweiflung die Show im vergangenen Jahr sogar ganz auf und ließ eine Jury hinter verschlossenen Türen den Kandidaten für Moskau bestimmen. Keine besonders weise Entscheidung, wie sich hinterher zeigte.

Schon in der Vergangenheit wurde das Regelwerk des deutschen Vorentscheids nach Belieben angepasst, was ihm ein teilweise kurioses Procedere, nicht nachvollziehbare Ergebnisse oder sogar Schiebungsvorwürfe bescherte. So konnte es durchaus vorkommen, dass der Sieger bereits vor der Show feststand. Sowohl Heidi Brühl 1963, als auch Wencke Myhre 1968 oder Katja Ebstein 1971 waren bereits vorher als Teilnehmer ausgewählt worden. Jury oder Publikum hatten lediglich noch die Wahl, mit welchen der vorgetragenen Liedern sie antreten würden. Grund für dieses Auswahlverfahren war das berüchtigte Favoritensterben.

Bernhard Brink scheitert vier Mal

Die Liste der Gescheiterten liest sich wie das "Who is who" des deutschen Pop- und Schlagerbusiness: Howard Carpendale, Dieter Thomas Heck, Costa Cordalis, Marianne Rosenberg, Jürgen Drews, Bernhard Brink (gleich vier Mal), Paola, Peter Cornelius oder Roland Kaiser sind ebenso dabei wie Jeanette Biedermann, Rosenstolz, Thomas Anders oder Lotto King Karl. Als 1991 nicht die favorisierte Cindy (ohne Bert), sondern die Gruppe "Atlantis 2000" mit "Dieser Traum darf niemals sterben" von einer Publikumsjury zum Sieger gemacht wurde, gab es sogar Gerüchte über eine angebliche Schiebung. Der Vorwurf konnte nie bewiesen werden, gelohnt hätte er sich so oder so nicht: Die schlecht singende Gruppe wurde in Rom mit dem viertletzten Platz abgestraft.

Noch schlimmer kam es 1996. Leon, ein Schützling von Hanne Haller, setzte sich überraschend gegen die von Ralph Siegel protegierte Angela Wiedl durch und verursachte damit den wohl größten Skandal der deutschen Grand-Prix-Geschichte. Denn am Eurovision Song Contest in Oslo durfte er nicht teilnehmen. Eine Jury aus allen Teilnehmerländern befand den deutschen Beitrag als zu schlecht und sortierte ihn kurzerhand vom Starterfeld aus. Tony Marshall war 1976 disqualifiziert worden, weil sein Lied "Der Star" bereits vorher veröffentlicht worden war - aber dass ein deutscher Beitrag von der Teilnahme ausgeschlossen wurde, das hatte es bis dato noch nicht gegeben.

Raab, der Retter

Derlei Skandale trugen wesentlich dazu bei, dass das Interesse am deutschen Vorentscheid am Ende der 90er Jahre gegen Null tendierte. Das sollte sich erst ändern, als die "Bild"-Zeitung 1998 titelte: "Darf dieser Mann für Deutschland singen?" Guildo Horn durfte, setzte sich gegen Rosenstolz durch und bescherte uns in Birmingham einen beachtlichen siebten Platz und dem NDR ein Zuschauerhoch. Wesentlich daran beteiligt war einer, der an diesen Erfolg 2000 mit einem fünften ("Wadde hadde duddeda?") und 2004 mit einem achten Platz (Max Mutzke mit "Can't wait until tonitght") nahtlos anknüpfte: Stefan Raab.

Nach den Blamagen in den vergangenen Jahren tritt er 2010 erneut an, den deutschen Vorentscheid zu retten - dieses Mal als Veranstalter. Raab krempelt den Wettbewerb zur Castingshow um. 4500 Kandidaten haben sich für "Unser Star für Oslo" beworben, in insgesamt acht Shows gehen 20 zuvor intern ausgewählte Finalisten an den Start, um Deutschland in Oslo zu vertreten. Wer am Ende nach Norwegen fährt, entscheiden allein die Zuschauer. Raabs Ziel ist ein Platz unter den ersten zehn und dass das deutsche Publikum endlich wieder mit seinem Kandidaten mitfiebert. Gelingt ihm das, könnte er mit der finalen Vorentscheid-Show am 12. März sogar die magische Zehn-Millionen-Quote knacken. Zum ersten Mal seit neun Jahren - und ganz ohne Zlatko.