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Musikpreis: Jan Böhmermanns Kritik überstrahlt die Echos - Campino kontert

Eigentlich war Udo Lindenberg mit drei Preisen der große Gewinner der Echo-Verleihung. Doch Jan Böhmermanns Kritik an der deutschen Popmusik überlagerte den Abend. Tote-Hosen-Sänger Campino schoss zurück.

Campino hat auf Jan Böhmermanns Kritik reagiert

Campino hat auf Jan Böhmermanns Kritik an der deutschen Popmusik reagiert

Zu Beginn fremdeln sie noch ein wenig: Als Sascha und Xavier Naidoo zur Echo-Verleihung antreten, wollen die Gags nicht so richtig zünden. Sie seien "Hosts", also Gastgeber, und keine Moderatoren, sagten die beiden - nun ja - Moderatoren zaghaft. Etwas gestellt wirken die Dialoge der beiden Sänger, manchmal landen die Scherze im Nichts.

"Läuft", sagt Sascha später als die Show Betriebstemperatur erreicht hat. In seinem 26. Jahr probt der deutsche Musikpreis einen Neustart - vieles am Donnerstagabend mutet aber noch wie ein immer wiederkehrendes Familientreffen an: Man freut sich, dass man sich mal wieder sieht, weiß ungefähr, was jeder und jede so treibt - und verliert sich dann schnell wieder aus den Augen.

Als Andrea Berg sich ihren Preis in der Schlager-Kategorie für "Seelenleben" abholen soll, wird nicht mal ihr Name genannt. Xavier Naidoo summt eines ihrer Lieder, jeder im Saal weiß sofort, wer gemeint ist. Die klingende Familienfeier wird am Freitagabend - 24 Stunden zeitversetzt - auf dem Privatsender Vox von 20.15 Uhr an ausgestrahlt. 

Jan Böhmermann ist das wichtigste Gesprächsthema

Sie sind fast alle gekommen: Udo Lindenberg und BAP-Sänger Wolfgang Niedecken, Rammstein-Frontmann Till Lindemann, Lena Meyer-Landrut. Aber einer ist nicht da - und doch wichtigstes Gesprächsthema: Jan Böhmermann hatte wenige Stunden vor der Gala für Misstöne gesorgt. In seiner Sendung "Neo Magazin Royale" kritisierte Böhmermann die "seelenlosen Kommerzkacke", die beim Echo gepriesen werde.

"Gefühle abklappern, Trost spenden, Tiefe vorgaukeln", beschreibt der Satiriker dort die neue deutsche Popmusik. Und führte vor, wie billig ein ein Hit entsteht. "Menschen Leben Tanzen Welt" heißt der Song, den fünf Schimpansen aus dem Zoo in Gelsenkirchen aus Schnipseln deutscher Poptexte zusammengestellt haben.

Wie sehr Böhmermanns Kritik saß, zeigt sich an der Kritik von Toten-Hosen-Sänger Campino. Der schoss auf der Gala heftig zurück: "Lieber uncool sein, als ein cooles Arschloch, das sich nicht konstruktiv einbringen kann", sagte er und sprach von "Zeitgeistgeplapper".

Immerhin: Jan Böhmermanns Kalkül, dass die Affen im kommenden Jahr für einen Echo nominiert werden, könnte aufgehen. Nach wenigen Stunden klettert der Song in die Top 20 der iTunes-Charts, bei den Amazon-Downloads schafft er es an die Spitze. Inzwischen haben die ersten größeren Radiosender dieses Lied gespielt.

Drei Echos für Udo Lindenberg

Aber nicht erst jetzt ist der deutsche Musikpreis ins Gerede gekommen. Enttäuschende TV-Quoten, Kritik an der Show und an den Nominierungen - nach einem Vierteljahrhundert sei die Leistungsschau der Pop- und Schlagerbranche "erschöpft", hatte die ARD den Ausstieg aus der Live-Übertragung im vergangenen Jahr begründet.

Diesmal wirkt die Show kompakter, fast durchgetaktet, die Preise werden mehr oder weniger zügig ausgerufen. Doch auch wenn die Kategorien von 31 auf 22 eingedampft wurden und die Stimmen der Juroren mehr Gewicht bekommen haben - alles wirkt noch immer recht willkürlich. Und vor allem keine Experimente wagen: Udo Lindenberg bekommt gleich drei Preise - als bester deutscher Popkünstler, für sein Produzenten-Team und den wichtigen Preis für das beste Album ("Stärker als die Zeit"). 

Warum aber der britische Blues- und Soulsänger Rag 'n' Bone Man gleichzeitig als bester internationaler Künstler und als bester Newcomer ausgezeichnet wird, sich die Broilers den Preis per Video selber geben - das wirkt manchmal undurchsichtig, manchmal konfus.

Olli Dittrich ehrt Marius Müller-Westernhagen

Ein wenig Zeit für Emotionen bleibt dann auch noch, etwa wenn die Show an die gestorbenen Musiker aus dem vergangenen Jahr erinnert: George Michael, Prince, Leonard Cohen. Sascha und Xavier Naidoo stimmen dazu Elton Johns "Don't Let the Sun Go Down on Me".

Oder als Olli Dittrich seinen Freund Marius Müller-Westernhagen ("Du alter Sack") auf eine Ebene mit den Dichtern Hesse, Tucholsky und Brecht stellt und ihn für sein Lebenswerk ehrt. "Einer, der die Schönheit liebt und bis ans Ende seiner Tage ein Romantiker bleibt", sagt Dittrich.

Und auch die Jungen, die die noch ganz neu dabei sind, sind begeistert - da können viele andere an dem Preis noch so rummäkeln: Bei den zweifach nominierten YouTube-Stars Die Lochis prallt das alles ab. Kritik gebe es ja immer, sagt einer der beiden, Heiko Lochmann. Hier sei alles nur noch "wahnsinnig" und "megakrass". 


che/DPA