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TV-Kritik

"Anne Will": Notfallmedizinerin mit dramatischem Appell: "Unsere Schutzausrüstung reicht noch für eine Woche"

Wolfsburger Ärztin befürchtet "Kollaps in wenigen Wochen": Es fehle in vielen Kliniken an Schutzkleidung und Personal. Kanzleramtschef Helge Braun verspricht baldige Besserung. So lief der Talk zum Coronavirus bei Anne Will.

Von Simone Deckner

"Anne Will" zum Coronavirus

Diskutierten bei "Anne Will" über das Coronavirus: Kanzleramtsminister Helge Braun (CDU), Virologin Melanie Brinkmann, die Gastgeberin, zugeschaltet Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU), die Wolfsburger Chefärztin Bernadett Erdmann und Sebastian Fiedler, Vorsitzender des Bundes deutscher Kriminalbeamter (v.l.n.r.)

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Bernadett Erdmann wurde nicht laut. Die Chefärztin der Notfallmedizin im Klinikum Wolfsburg sprach bei Anne Will mit ruhiger Stimme – was sie sagte, hatte es jedoch in sich: Sie erwarte angesichts der Corona-Krise einen "Kollaps des Gesundheitssystems in wenigen Wochen", so die Ärztin. Der Grund: "Es herrscht schon jetzt Personalmangel."

Doch das sei nicht das einzige Problem: Den Krankenhäusern im Land gingen die dringend benötigen Schutzausrüstungen aus: "Bei uns reicht die Schutzkleidung noch für eine Woche", machte die Chefärztin das Dilemma ihrer Klinik publik. Nachschub sei derzeit kaum mehr zu bekommen und wenn, zu horrenden Preisen. Hier müsse die Politik dringend eingreifen. Die Notfallmedizinerin befürchtet sonst italienische Verhältnisse auch in Deutschland: "Wenn die Prognosen stimmen, dann müssen wir damit rechnen."

"Gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?"

Alles andere also als eine hoffnungsvolle Aussicht zum Thema "Deutschland im Ausnahmezustand – gewinnen wir den Kampf gegen das Coronavirus?" Darüber diskutierten:

  • Markus Söder, bayerischer Ministerpräsident und Parteivorsitzender (CSU)
  • Helge Braun, Kanzleramtschef (CDU)
  • Tobias Hans, saarländischer Ministerpräsident (CDU)
  • Bernadett Erdmann, Chefin der Notfallmedizin am Klinikum Wolfsburg
  • Melanie Brinkmann, Professorin für Virologie am Institut für Genetik an der TU Braunschweig
  • Sebastian Fiedler, Bundesvorsitzender des Bundes Deutscher Kriminalbeamter

Nicht nur Kliniken, auch Sicherheitsbeamte und Polizei seien derzeit "nicht im Ansatz ausreichend" mit Schutzkleidung versorgt, kritisierte der Kriminalbeamte Sebastian Fiedler. Zustimmung kam von Saarlands Ministerpräsident Tobias Hans: "Es ist wichtig, dass die, die uns schützen, bestens geschützt werden durch den Staat", so Hans. Notfallmedizinerin Erdmann unterstrich dies: "Ein Feuerwehrmann geht auch nicht ohne seine Schutzausrüstung in ein brennendes Haus."

Kanzleramtschef Helge Braun versicherte unterdessen, man habe "enorme Mengen" an Schutzausrüstung im Ausland bestellt. Nach anfänglichen Schwierigkeiten an den Grenzen laufe der Warenverkehr in der EU auch wieder, sodass man sehr bald mit Nachschub rechnen könne. 

Auf die eigentümliche Frage der Moderatorin: "Warum bestrafen sie uns mit einem Kontaktverbot?", reagierte Braun ebenfalls gelassen: "Von Strafe kann gar keine Rede sein", erklärte er. Sehr viele Menschen hätten sich zwar am Samstag endlich an das Gebot zur sozialen Distanz gehalten – aber eben nicht alle: "Die wenigen, die sich nicht dran halten, gefährden die vielen." Daher setze man nun auf das Kontaktverbot.

Markus Söder reagiert gereizt

Warum man in Bayern denn bereits am Freitag vorgeprescht sei mit Ausgangsbeschränkungen: "Geht es ihnen darum, als der härteste Coronabekämpfer dazustehen?", versuchte die Moderatorin Markus Söder zu provozieren. "Nein, wir haben aber bis heute 26 Tote in Bayern", entgegnet Söder. "Die einzige Möglichkeit, überhaupt etwas zu tun ist diese Art Ausdünnung sozialer Kontakte, eine andere Empfehlung gibt es derzeit nicht", entgegnete er. Als Anne Will dann mehrfach nachhakte, weshalb es zum Streit mit Armin Laschet bei der sonntäglichen Ministerpräsidenten-Telefonkonferenz gekommen war, reichte es Söder: "Frau Will, finden sie die Frage bei der derzeitigen Situation angemessen?" Auch der Kriminalbeamte Sebastian Fiedler pflichtete Söder bei: "Ich wäre nicht dafür, jetzt politische Klein-Klein-Themen zu diskutieren."

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Doch auch auf eine große Frage, nämlich die, wie lange wir diese Ausnahmesituation noch aushalten müssen, gab es keine eindeutige Antwort in der Runde. 14 Tage, zwei Monate oder gar 18 Monate, wie es eine Modellrechnung von Londoner Wissenschaftlern prognostiziert? "18 Monate – das irritiert und verängstigt die Menschen schon erheblich", gab Kanzleramtschef Braun zu. Die Maßnahmen, wie das Kontaktverbot, seien aber "auf sehr viel kürzere Fristen angelegt". Man könne seriös aber erst nach 14 Tagen etwas sagen, wenn aktuelle Zahlen vorlägen. "Die Menschen müssen gute Nerven bewahren", so Braun.

"Es ist realistisch, dass wir einen Impfstoff in einem Jahr haben", rechnete die einzige Virologin in der Runde, Melanie Brinkmann, vor. Es sei jedoch "unmöglich", die jetzigen Vorsichts-Maßnahmen flächendeckend so lange aufrecht zu erhalten. Wichtig sei etwas anderes, nämlich, dass Europa im Angesicht der Corona-Krise gemeinsam handele: "Da können die Virologen nicht viel machen, da sind die Politiker gefragt", so Brinkmann.

wue

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