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TV-Kritik

"Late Night Berlin": Druck ablassen mit Klaas

Guck-guck statt Gut Kick: Klaas Heufer-Umlauf kalauert, gibt den Martin Schulz und lässt es mit Anne Will menscheln. "Late Night Berlin" startet mit Hängern, aber vielversprechend.

Von Simone Deckner

Klaas Heufer-Umflauf im Studio von Late Night Berlin

Klaas Heufer-Umlauf startete am Montagabend mit seiner Show "Late Night Berlin"

Potsdam. Ein TV-Studio, das aussieht wie ein riesiger Ei-Trenner, nur aus unbehandeltem Holz. Das Bildschirm-Gedöns ist auf dem neuesten, technischen Stand. Der Anzug von Klaas Heufer-Umlauf sitzt. Wie die Begrüßung: "Hallo, direkt hier aus dem Tischtenniskeller von Günther Jauch", kalauert der Moderator. Bloß nicht zu seriös starten, wird sich der 34-Jährige gedacht haben. Es langt ja schon, wenn der Haussender Pro7 vorsichtig ist. Die Premiere von "Late Night Berlin" haben sie ihm sicherheitshalber wie mit Sandsäcken ausgestopft: vorher laufen mehrere Folgen des Quotenrenners "The Big Bang Theory", danach folgen weitere Folgen "The Big Bang Theory".

Dazwischen Klaas Heufer-Umlauf. Der tut das, was kluge Menschen tun, wenn sie innerlich abfackeln vor Aufregung: sie thematisieren ihre Angst. "Ich muss jetzt mal kurz die Luft rauslassen", sagt er gleich zu Beginn und spielt auf den Druck an, der auf ihm laste, gewaltig sei der. Bei Late Night Shows würde den Deutschen ja schließlich keiner was vormachen, fast so wie beim Thema Breitband. "Wir freuen uns, sie hier zu begrüßen" war ihm da schon heraus gerutscht, ein Versprecher, reine Gewohnheit. Aber dieses Mal steht kein keckernder Joko im Karohemd neben ihm, keine Putzfrau Sabine pafft ihm Zigarettenrauch ins Gesicht – das hier ist nicht "Circus Halligalli Reloaded", es ist "Late Night Berlin", eine klassische Late Night Show, es ist, wenn man den Berichten glaubt, ein Kindheitstraum für den Moderator, der sich jetzt erfüllt.

Klassisches Late Night-Konzept

Erstmals hält er sich an ein vorher festgelegtes Konzept: Wie es sich für so eine Show nach US-amerikanischem Vorbild gehört, sind bestimmte Dinge dabei nicht verhandelbar, wie etwa die Studioband: "Jacob Lund und die Kegelbrüder" heißen sie, im realen Leben einfach Gloria. Es ist die Band um Klaas und den Wir sind Helden-Musiker Mark Tavassol. Als Bandleader fungiert, maximal widerwillig, TV-Producer Jacob, der mit seiner trockenen Art bereits jetzt an Harald Schmidt-Sidekick Manuel Andrack erinnert. 


Was auffällt: Klaas füllt seinen Stand-Up nicht nur mit mal mehr, mal weniger gelungenen Gags (etwa über Detlef D. Soost und Angelo Kelly als schlecht kostümierte Protagonisten in "Promi Undercover Boss"), er pickt sich auch politische Themen heraus: Seehofers markige Sprüche zum "starken Staat" kontert er mit der Aussage, er sähe sich später schon vor seinen Enkelkindern sitzen und lügen: "Der Opa hat von all dem nichts gewusst!" Den drohenden Verlust der Kegelbrüderkultur kommentiert er hart: "Wenn besoffene Männer heutzutage alle Neune erwischen wollen, meinen sie meist die Flüchtlingsfamilie nebenan." US-Comedians wie John Oliver und Sarah Silverman machen vor, wie scharfe Politsatire geht.

Alberner geht es bei den Einspielern, "Das Laber-Rynth der Macht" zu. "Circus Halligalli"-Fans kennen das Format als "Betrunkene synchronisieren Filme". Klaas hat zwar einen herzigen Auftritt als Martin Schulz mit Halbglatze und hässlicher Krawatte, Heinz Strunk gibt den genervten Steinmeier und Juso-Chef Kevin Kühnert spielt Kevin Kühnert, aber es bleibt eine aufgewärmte Idee, die noch dazu Längen hat.


Mehr Drive hat da schon das lockere Gespräch mit Anne Will ("mein erster Gast ist eine Gästin") Heufer-Umlauf will von der Polittalkerin wissen, ob sie schon als Kind diejenige sein wollte, die im Fernsehen alte Opas unterbricht? "Nein, ich wollte Schreinerin werden." Er entlockt Will zudem, dass sie beim "Bergdoktor" und "Tagesschau"-Meldungen über verendete Pottwale weinen muss. Wenn er jetzt nicht mehr vier Fragen auf einmal stellt, könnte das sogar noch mehr interessanten Gesprächsstoff ergeben.

Böhmermann kapert den Werbeblock

Den lieferte ausgerechnet Jan Böhmermann. Kurz vor Ende der Sendung erscheint der "Neo Magazin Royale"-Moderator plötzlich im Werbeblock und sagt mit ernster Miene, er würde sich ja nie für so eine Late Night Show im Privatfernsehen verkaufen: "Schon allein wegen dieser nervigen Werbung, als Moderator hast du da ja absolut keinen Einfluss darauf, was da für Spots laufen. Aber so läuft es halt im Kapitalismus, wenn Klaas das will, von mir aus". Glaubwürdige Satire, so Böhmermann, funktioniere nur ohne Werbung. Spricht es und guckt zwischen orangefarbenen Werbeplakaten eines Autovermieters hervor. Heufer-Umlauf hatte zuletzt in einem großen Interview mit der "Zeit" gesagt, Zynismus als Konzept sei ihm zu "undynamisch". Die zynische Konkurrenz, so viel ist nach der Premiere klar, sie schläft zumindest auch spätabends nicht.

"Late Night Berlin" läuft montags um 23 Uhr auf Pro7.

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