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"The Me You Can't See"  Neue Doku-Reihe: Für Oprah Winfrey lässt sich Prinz Harry bei seiner Psychotherapie filmen

Prinz Harry im neuen Trailer zu "The Me You Can't See" mit Oprah.
Sehen Sie im Video: "The Me You Can't See" – Prinz Harry und Oprah in emotionalem Trailer zur gemeinsamen Doku.
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Selten hat eine Doku-Serie schon im Vorfeld für so viel Rauschen gesorgt. "The Me You Can't See" will das Tabu um seelische Krankheiten aufbrechen. Das gelingt außergewöhnlich gut – auch weil Prominente wie Lady Gaga und Prinz Harry sich von ihrer schwächsten Seite zeigen.

Die dritte Episode ist schon zur Hälfte vorbei, da geschieht das Erstaunliche. So ehrlich, so intim, dass man sich als Zuschauer kneifen will, tief durchatmet und denkt: Das hat Prinz Harry jetzt gerade nicht wirklich getan?

Dass er sich live filmen lässt, während einer Sitzung mit seiner Londoner Psychotherapeutin? Dass er vor den Augen der ganzen Welt an der Bewältigung seines Kindheitstraumas arbeitet und unter anderem offenbart, wie bei jedem Anflug auf London wieder alles hochschwappt in ihm? Die Schweißausbrüche, die Ängste, der frühe Verlust seiner Mutter.

Und doch hat er es getan.

Die Leiden des jungen H. stellen zwar nur die Rahmenhandlung in einem außergewöhnlichen TV-Ereignis über Ursachen und Bewältigungsstrategien mentaler Probleme, trotzdem werden sie für die größte Aufmerksamkeit sorgen. Gerade in einer Zeit, in der die Geständnisse des Herzogs von Sussex, die Vorwürfe gegen seinen Vater Charles und den Rest der königlichen Familie laufend für böses Blut und gehässige Schlagzeilen sorgen.

Prinz Harry im Freizeitlook

"Ekelhaft, weinerlich, selbstverliebt", kommentierte beispielsweise der ehemalige CNN-Moderator Piers Morgan. Die Boulevardpresse titelte, ohne mehr zu kennen als den Trailer: "So benutzt Harry jetzt Diana." Und klar: Wer von seinen Pflichten als Royal aus dem Rampenlicht treten will und danach bewusst die Öffentlichkeit sucht und die Kameras, gerät schnell in eine moralische Zwickmühle.

Doch wer nun in die hellblauen Augen des Prinzen blickt, ihn beobachtet, wie er da sitzt im Freizeitlook in Polohemd und Chino-Hose und gegenüber der Therapeutin Sanja Oakley zutiefst private Nöte offenbart, tut sich schwer mit Verurteilung. Dieser junge, verzweifelte Mann braucht offensichtlich Hilfe und Verständnis. Man fühlt mit ihm.

Er kreuzt seine Arme vor der Brust, klopft sich rhythmisch auf die Schultern und rollt unter geschlossenen Lidern mit den Augen. Die Methode nennt sich EMDR, was auf Deutsch ungefähr steht für "Desensibilisierung und Aufarbeitung mittels Augenbewegungen" und dient der Behandlung posttraumatischer Belastungsstörungen. Die Methode klingt etwas ungewöhnlich und ist verhältnismäßig neu. Durch die Arbeit mit den Augen scheint aber im Gehirn ein Prozess angestoßen zu werden, der bei bitteren Erinnerungen rasch Entlastung schafft. Harrys Last: der Unfalltod von Lady Di im August 1997.

Oprah Winfrey als Seelenöffnerin

Und so taucht er ein in seine Vergangenheit. Das erste Bild, dass ihm bei seiner Mutter in den Kopf schieße, sei immer noch: Sie sitzt angeschnallt in einem Auto, bedrängt von Paparazzi auf fünf Mopeds und kann kaum fahren, weil sie Tränen in den Augen hat. "Ich fühlte mich so hilflos", gesteht Harry. "Auch weil ich zu jung war als Mann, um meiner Mutter zu helfen." Dass damals die ganze Welt ihren Verlust beklagte, machte ihn kurz vor seinem 13. Geburtstag noch wütender: "Ihr trauert um meine Mutter – dabei habt ihr sie nie getroffen!"

Heftiger Stoff, den der begnadete britische Dokumentarfilmer Asif Kapadia ("Amy", "Diego Maradona", "Senna") gemeinsam mit seiner Kollegin Dawn Porter eingefangen hat. "The Me You Can't See" (deutsch: "Das Ich, das du nicht siehst", ab 21. Mai auf Apple TV+) ist zudem ein Herzensprojekt von Prinz Harry und Oprah Winfrey, der Seelenöffnerin unter den Talkshow-Moderatorinnen.

Ihre Mission: Vorurteile und Missverständnisse abräumen über Krankheiten wie Depressionen und Panikattacken, Drogenmissbrauch und Schizophrenie, Zwangsstörungen und Traumata. Betroffene sollen vom Stigma des Schwachsein, des Versagens befreit werden. Weg mit der falschen Scham und dem betretenen Schweigen gegenüber Eltern und Freunden, Lehrern und Trainern. Stattdessen die Botschaft: Auch wenn es noch so privat scheint, redet darüber. Es gibt Hilfe und Hoffnung in Form von Medikamenten und Therapien – und ihr seid nicht allein. 80 Prozent der Bevölkerung haben angeblich derartiges erlitten. Nicht nur Harry.

Lady Gaga spricht über ihre Vergewaltigung

Und so gewähren neben ihm im Verlauf der ersten drei Stunden auch noch andere mehr oder weniger Prominente Blicke in ihr Innerstes und ihre Zerrissenheit. Lady Gaga, die über ihre Vergewaltigung spricht, und eine Boxerin, die Chancen hätte auf Olympia-Gold. Der Sohn des verstorbenen Komikers Robin Williams und ein farbiger Chefkoch. Oprah Winfrey und ein Profi-Basketballer.

Berührend ist auch ein Abstecher auf die griechische Insel Samos, wo ein Arzt, trotz eigener Erschöpfung und Überforderung, mit syrischen Kindern arbeitet, die vor dem Bürgerkrieg geflohen sind. Dämonen austreiben, Seelen flicken. Kurz zusammengefasst: Es wird viel geweint und geschluchzt in "The Me You Can't See". Vor der Kamera – und sicher auch vor dem Bildschirm.

Die Augen des Prinzen rollen zwar, bleiben aber trocken. Zumindest in den ersten von insgesamt fünf Folgen. Später soll angeblich auch noch seine Frau Meghan zu Wort kommen, deren Selbstmordgedanken während der Schwangerschaft laut Harry Auslöser waren für seine jetziges Verhalten und seine TV-Auftritte. Seit gut fünf Jahren gehe er zur Therapie, auch weil im Palast sein Leiden, sein Schmerz kein Gehör fanden. Oder wie er es ausdrückt: "Kopf in den Sand, Finger in die Ohren."

"Nur Harry, ohne Prinz"

Harrys größte Sorge: Die Geschichte wiederholt sich. "Meine Mutter starb, als sie in einer Beziehung war, mit jemandem, der nicht weiß war." Seine Frau wurde von Anfang an rassistisch attackiert, ihre exotische DNA würde das königliche Blut verdicken und andere bizarre Beleidigungen. Sein Vater Charles hätte darauf nur mit den Schultern gezuckt: So sei es nun mal im Leben und in der Rolle, in die man als Mitglied dieser speziellen Familie nun mal geboren wird.

Aber warum sollte ich genauso leiden müssen mein Vater? Warum nicht diesen Teufelskreis brechen?, fragt der Prinz sich selbst und die Zuschauer. "Ich wollte nicht noch eine Frau in meinem Leben verlieren. Ich hatte wirklich Angst, ich muss mich bald allein um meinen Sohn kümmern."

Deshalb geht er nun seit gut fünf Jahren zur Therapie und stellte sich seinem Trauma, auch weil "noch so viel Wut war". Er wollte schon als Kind und Jugendlicher immer nur eines sein: normal, gesteht er: "Nur Harry, ohne Prinz."

Ob sich dieser Wunsch nach dieser Doku erfüllt? Zweifel sind angebracht.

"The Me You Can't See" ist ab 21. Mai auf Apple TV+ zu sehen.


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