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TV-Kritik

"Anne Will" zu Jamaika: Müde, genervt, leerverhandelt

Bei "Anne Will" sondierten die Parteien ein letztes Mal vor dem großen Knall - und es wurde noch einmal deutlich, wie sehr sich die Beteiligten in den letzten vier Wochen aneinander aufgerieben haben.

Von Mark Stöhr

Die Talk-Runde bei "Anne Will" ließ das Scheitern der Jamaika-Sondierung schon erahnen

Die Talk-Runde bei "Anne Will" ließ das Scheitern der Jamaika-Sondierung schon erahnen

Das hatte sich die Redaktion von Anne Will auch anders vorgestellt. Der Plan war, in der Sendung den Ausgang der Sondierungsgespräche zu diskutieren, war das Ende doch mal für Sonntag um 18 Uhr vorgesehen. Es kam bekanntlich anders - und auf den Sesseln kauerten drei sichtbar ausgelaugte Emissäre von der CSU, FDP und den Grünen, die direkt aus den laufenden Verhandlungen ins Studio gekommen waren. Die CDU hatte erst gar niemanden geschickt.

Die Diskussion machte noch einmal deutlich, warum das mit Jamaika nichts werden konnte. Die Politiker verhakten sich am laufenden Band, vor allem beim großen Streitthema Familiennachzug für geduldete Flüchtlinge. CSU-Mann Stephan Mayer operierte einmal mehr mit Zahlen möglicher Nachzügler in einer Größenordnung (750.000), die keine realistische Verhandlungsgrundlage darstellte. Johannes Vogel pries wortreich das FDP-Modell eines neuen Einwanderungssystems an ("Das ist mir hier alles zu klein gedacht"). Und der Grüne Konstantin von Notz schwang sich immer wieder zu großen bundespräsidialen Gesten hoch ("Wir müssen unseren freiheitlich-liberalen Rechtsstaat verteidigen, der unser Land zu einem guten Land gemacht hat"). Das übliche Klein-Klein und Blabla also, inklusive Seitenhieben gegen die Konkurrenz. Vier Wochen ging das so. Die Beteiligten waren müde, genervt und leerverhandelt.

"Durch Ihr Geschacher entsteht für die Demokratie großer Schaden"

Christiane Hoffmann vom "Spiegel" war geradezu geschockt von der Performance der Sondierungsdelegation. Sie habe auf das "Stockholm-Syndrom" gesetzt, sagte sie: "Wenn alle lange genug eingesperrt sind, wird schon Vertrauen entstehen." Doch von Vertrauen war nichts zu spüren. Als Mayer, Vogel und von Notz nicht aufhörten, aufeinander einzuhacken - immerhin duzten sie sich dabei -, platzte Hoffmann irgendwann der Kragen: "Es ist erschreckend, Ihnen zuzuhören. Durch Ihr Geschacher und Ihren Streit entsteht für die Demokratie großer Schaden."

Das saß. Plötzlich ging ein Ruck durch die Runde. Die drei Herren gaben sich versöhnlicher und strichen die positiven Aspekte ihres Verhandlungsmarathons hervor. Vogel meinte, jede Partei habe das Recht auf rote Linien und es sei richtig, darum zu ringen. Für von Notz hatte das Jamaika-Projekt das Potential, Brücken zu schlagen - gerade in einer Zeit, in der in vielen Ländern extreme Polarisierungen herrschten. "Hier tun sich Demokraten zusammen, um ein ungewöhnliches Bündnis zu schmieden." Und der Bayer Mayer war sich sicher, dass man von Neuwahlen sehr weit entfernt sei. Es gäbe sehr viele Konsenspunkte. So kann man sich täuschen.

Jamaika ist tot, es lebe Jamaika?

Jetzt ist das "ungewöhnliche Bündnis" gecancelt - und Neuwahlen sind die wahrscheinlichste Option. Sahra Wagenknecht wies in der Sendung daraufhin, dass die aktuellen Umfragen im Falle eines erneuten Urnengangs ähnliche Mehrheitsverhältnisse vorhersagten. Jamaika ist tot, es lebe also Jamaika? "Stern"-Kolumnist Hans-Ulrich Jörges mutmaßte, dass sich das Ergebnis von Neuwahlen erheblich von den Umfragen unterscheiden würde ("Wer eine stabile Mehrheit will, kann nicht mehr AfD wählen"). Seine Journalistenkollegin Hoffmann sah das genauso: "Bei Neuwahlen hätten wir es voraussichtlich mit einem neuen Personaltableau zu tun." Mit einer CDU ohne Merkel, einer CSU ohne Seehofer und wahrscheinlich auch einer SPD ohne Schulz.

Auch wenn man das hinterher immer gut behaupten kann: Das Scheitern der Verhandlungen lag bei "Anne Will" in der Luft, schon allein wenn man in die erschöpften, betongrauen Gesichter der Sondierer schaute. Da kam nicht zusammen, was ganz offenbar einfach nicht zusammen gehörte. Jörges hatte ganz am Anfang der Sendung noch einmal die staats- ja weltpolitische Bedeutung des Gelingens der Gespräche hervorgehoben - für Deutschland, für Europa, für die Kapitalmärkte. Am Ende sagte er: "Ich gönne Ihnen, dass es was wird - wer will schon Neuwahlen?" Ja, wer?