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TV-Kritik

"Die Notregierung": Blick in die Abgründe der GroKo: Lambys neuer ARD-Film zieht eine ungeschönte Halbzeit-Bilanz

Für seine neue Doku hat Filmemacher Stephan Lamby die Koalitionäre von SPD und CDU begleitet. Ergebnis: ungeschönte Einblicke in die Gefühlswelt deutscher Politik. Ein Lehrstück über Jugend, Medien und den Zustand der Bundesregierung im Herbst 2019.

Notregierung Lamby AKK

Journalist Lamby und Annegret Kramp-Karrenbauer beim CDU-Parteitag

ARD

Das letzte Mal als ein knapp einstündiges Video ein politisches Beben in Deutschland auslöste, war der Verfasser ein 26-jähriger Youtuber mit blauen Haaren. Schon vor Rezos "Zerstörung der CDU" im Mai 2019 und vor allem danach ist viel passiert im Deutschland der Großen Koalition. Eine insgesamt zweijährige Aneinanderreihung von Krisen, Personaldebatten und Wahldebakeln – so stellt es zumindest der neue Film des Journalisten Stephan Lamby dar, den die ARD zur Primetime ausstrahlte. (Und hier in der ARD-Mediathek angeschaut werden kann) Dieser 59-minütige Film ist in vielem das absolute Gegenteil des berühmten Youtube-Videos. Der Urheber – nie im Bild, immer nur die erklärende Stimme aus dem Off – spricht nicht über die Regierenden, sondern mit ihnen, in vielen erstaunlich offenen Interviews. Einflussreiche Hauptstadtjournalisten kommen ebenso zu Wort wie Aktivisten der Fridays-for-Future-Bewegung. Und, natürlich: Rezo.

Anklageschrift der gesammelten GroKo-Gegner

Aber es gibt auch eine Parallele: Die schonungslose Benennung dessen, was schief läuft in der Großen Koalition, die vor allem groß darin ist, sich selbst klein zu machen. Das Timing ist perfekt. Wenige Tage vor dem SPD-Parteitag fasst der Film noch einmal alle politischen Verfehlungen der vergangenen zwei Jahre zusammen. Wie eine Anklageschrift der gesammelten GroKo-Gegner lässt Produzent Lamby ("Die nervöse Republik", 2018 für "Im Labyrinth der Macht – Chronik einer Regierungsbildung" zum Journalisten des Jahres gewählt) noch einmal alles Revue passieren: den Streit um Seehofers Migrationspolitik, Seehofers Rücktritt vom Rücktritt, die Hetzjagden von Chemnitz, den Koalitionskrach rund um den obersten Verfassungsschützer Hans-Georg Maaßen, die unterschätzten Klimaproteste, die misslungenen Karnevalsauftritte führender Politikerinnen, die Selbstzerfleischung der SPD, Aufstieg und Fall von Andrea Nahles, eine schier endlose Reihe verlorener Landtagswahlen.

Auf dem CDU-Parteitag in Leipzig redet Annegret Kramp-Karrenbauer über die Zukunft der Union

Das alles soll in nur 20 Monaten passiert sein? Selbst als informierter Zuschauer wird einem schlecht beim Anblick dieser erschütternden Bilanz. Es ist die Stärke eines Films, der bewusst die Ein-Stunden-Grenze nicht überschreitet. Dafür nimmt Lamby Verkürzungen in Kauf, er selbst bewertet und ordnet als Sprecher und Interviewer ein. Selten neutral, häufig pointiert.

Angela Merkel ist nicht nur in Lambys Film abwesend

"Warum glaubt die Regierung viel richtig zu machen und hat ein so schlechtes Ansehen?", fragt Lamby. "Hat die Große Koalition genug Kraft für die großen Themen?" Antworten geben die, die regieren (Annegret Kramp-Karrenbauer, Olaf Scholz, Horst Seehofer), die, die vielleicht gerne regieren würden (NRW-CDU-Ministerpräsident Armin Laschet, Jusos-Chef Kevin Kühnert, Grünen-Chef Robert Habeck, AfD-Co-Chefin Alice Weidel) und die, die den Regierenden jeden Tag auf die Finger klopfen (Kristina Dunz von der "Rheinischen Post", Melanie Amann vom "Spiegel").

Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich nicht vor Lambys Kamera gesetzt. Der Produzent behilft sich mit Ausschnitten aus Merkel-Reden und dankt es ihr mit wenig dezenten Hinweisen auf die weitgehende Abwesenheit der Regierungschefin im Europawahlkampf und generell allen zurückliegenden Krisen.

Die, die reden, werden aber deutlich. CDU-Chefin Annegret Kramp-Karrenbauer bleibt ihrer kürzlich eingeschlagenen Linie treu und gibt Fehler zu: "Die CDU will natürlich eine Vorsitzende, von der sie weiß, die macht keine Fehler. Der Umgang mit dem Rezo-Video war ein Fehler." Der Druck sei enorm gewesen in vielen Situationen, sagt auch SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil. "Es war alles einfach nicht gut", sagt Innenminister Horst Seehofer, sich selbst, das wird deutlich, meint er damit allerdings nicht.

Menschen, die nachdenklich aus dem Fenster gucken

Immer wieder dazu: große Bilder. Interviewpartner, von hinten gefilmt, Menschen, die nachdenklich aus dem Fenster gucken. Dramatik. Diese Inszenierung wirkt. Der Zuschauer rückt nah ran an das Geschehen in Berlin. Lambys Plan geht auf.

Nur bei einem nicht: Olaf Scholz bleibt der Scholzomat. Der Verlierer dieser Woche darf noch einmal erklären, warum er erst niemals Kanzlerkandidat sein wollte und dann irgendwie doch Zeit für zwei Ämter hatte. Scholz: "Glaubwürdig ist man dann, wenn man das tut, was man sagt. Und wenn man sagt, dass man eine Entscheidung revidiert hat und nicht drumherum redet, dann ist das auch glaubwürdig."

Ob Glaubwürdigkeit nun eine Rolle gespielt hat oder nicht: Die SPD-Mitglieder haben am Wochenende entschieden, Olaf Scholz soll nicht SPD-Vorsitzender werden. Stattdessen also jetzt Norbert Walter-Borjans und Saskia Esken. Auch diese aktuellen Ereignisse finden Platz in der Doku. Sie wurde extra noch einmal umgeschnitten. Brutale Aktualität hätte sie trotz des Charakters einer Halbzeitbilanz auch so gehabt.

Rezo bekommt viel Raum – zu viel

Was viele Sozialdemokraten vermutlich bei Walter-Borjans und Esken suchen, gibt in Lambys Film ein anderer: SPD-Generalsekretär Lars Klingbeil zeigt sich einmal mehr schonungslos offen und ehrlich. Der nette Lars hat in seinem Büro ein Schweinsteiger-Trikot an der Wand. Wirkt irgendwie volksnah. Zeit, sich in Ruhe ein Fußballspiel anzusehen dürfte der Generalsekretär der SPD aber kaum haben. So viel wird klar. Oft musste der Sozialdemokrat in den vergangenen zwei GroKo-Jahren Krisen abwenden, Auswege vorbereiten, sogar Neuwahlen planen. Wenn Klingbeil über das redet, was im Hintergrund passierte, wird es umso erstaunlicher, dass die GroKo überhaupt noch regiert.

"Die Notregierung" hat aber auch Schwächen. Der Versuch, der jungen Generation Raum zu geben, gelingt nur halb. Anna Moors, 17, Schülerin aus Herzogenrath, spricht bedacht. Fast wie eine interviewerfahrene Politikerin. Trotzdem wirkt sie authentisch. Aber der Gedanke der Regie ist allzu offensichtlich. Den Protesten aus der Anfangsszene als die Worte von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier in den Sprechchören der Fridays-for-Future-Chöre untergehen, muss ein Gegengewicht erfolgen. Lamby will ja mit Menschen sprechen, nicht nur über sie. Interview mit der Klimaaktivistin: check. Die Zitate sind kurz. Keine Gegenfrage. Aber man hat die Schüler zu Wort kommen lassen.

Und Rezo? Er bekommt Monate nach seinen großen Schlagzeilen unerwartet viel Raum in Lambys Film. Die eingespielten Szenen des berühmtesten Rezo-Clips beweisen: Der Youtuber redet vor der Kamera eines der besten Dokumentarfilmers Deutschlands nicht anders, als vor seiner eigenen für die Internetgemeinde. Neues erfahren Lambys Zuschauer von Rezo allerdings nicht. Die Regierenden kehren ihr Innerstes nach außen, der Youtuber bleibt in seiner Rolle.

Für die Jungen spricht wieder nur Kühnert

Und die gesamte Generation der jungen Politiker muss sich damit zufrieden geben in "Die Notregierung" durch Juso-Chef Kevin Kühnert vertreten zu werden. Der einstmals lauteste GroKo-Kritiker gibt sich in der Doku leise. Aber auch das ist schon nicht mehr neu. Als am Wochenende das Ergebnis der SPD-Abstimmung über den neuen Vorsitz bekannt wurde, betonte Kühnert: "Einfach nur 'raus, raus, raus' zu sagen, löst noch kein Problem." Es wäre interessant gewesen, andere zu hören. Es gibt die Jungen in allen politischen Fraktionen. Aber Lamby wollte die prominenten, die bekannten Namen. Der Zuschauer soll sich abgeholt fühlen und mitgenommen in die wichtigsten Regierungszimmer dieser Welt. Dafür nimmt er in Kauf, dass nicht alle überraschen können.

Lambys eigenes Fazit kommt bereits zwei Minuten vor Filmende. Es setzt den eigentlichen Punkt, noch vor den letzten Statements von Kramp-Karrenbauer, Scholz oder Laschet und wirkt wie eine Drohung gegenüber einem politisch hoffnungslosen Deutschland. Dunkle Musik, Berlin bei Nacht, graue, schwere Wolken ziehen im Zeitraffer über den Fernsehturm am Alexanderplatz: "Nach 20 Monaten Regierung sind die Volksparteien tief verunsichert. Neuwahlen wären ein erhebliches Risiko. Vielleicht wird die Regierung bald zerbrechen, vielleicht weitermachen. Wenn die Große Koalition weitermacht, dann wohl nicht aus Überzeugung, sondern aus Not."