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Online-Video-Interview mit Altkanzler: Helmut Kohl. Pur. Stundenlang.

Ein besonderes Geschenk zum 85. Geburtstag: Seit Sonntag stehen sechs Stunden Interview mit Altkanzler Kohl aus dem Jahr 2003 im Netz. Hohn, Herrschsucht und Historie inklusive.

Von Lutz Kinkel

Regierte noch sehr analog: Altkanzler Helmut Kohl im Interview mit Stephan Lamby und Michael Rutz

Regierte noch sehr analog: Altkanzler Helmut Kohl im Interview mit Stephan Lamby und Michael Rutz

Da ist er wieder. So wie er sich einer ganzen Generation in die Erinnerung gesenkt hat. Volles, rundes Gesicht. Die Zunge, die angriffslustig über die Lippen fährt. Dieses leichte Lispeln, das aus Geschichte "Gechichte" macht. Der Ton, der zwischen Gefühligkeit und Verachtung changiert. Franz Josef Strauß? Eine politische Größe, klar. "Er hat die Muskeln spielen lassen. Aber er war kein starker Mann. Überhaupt nicht." Es jagt einem Schauer über den Rücken, Helmut Kohl noch einmal so zu sehen. Im O-Ton. Ungefiltert. Stundenlang. Im Bungalow zu Oggersheim. Damals, 2003.

Am Karfreitag wird der Altkanzler 85 Jahre alt. Nach einem Treppensturz vor einigen Jahren ist er ein Schatten seiner selbst. Er kann nur noch wenige Sätze sprechen. Deswegen reden andere für ihn. Seine Frau Maike Kohl-Richter, die sein Archiv allein verwalten will. Seine Söhne, die ihm die Instrumentalisierung des Familienlebens nicht verzeihen. Sein Biograph Heribert Schwan, der aus vertraulichen Gesprächen zitiert. Es ist ein mit harten Bandagen geführter Kampf um die Deutungshoheit über dieses Politikerleben.

Rohstoff Kohl

Das war, so sagen es die Filmemacher Stephan Lamby und Michael Rutz, der Grund, das alte Interview mit Kohl wieder aus der Kiste zu kramen. 2003 hatten sie vier Tage lang mit ihm gesprochen. Essen, reden, essen, reden, reden, essen, so war das. Damals schnitten sie nur einzelne Statements in eine TV-Doku über Kohl. Nun hat Lamby sechs Stunden des Rohmaterials auf seiner Videoplattform dbate.de online gestellt. Er sagt, es sei ein Dokument der Zeitgeschichte. Es ist, vor allem: ein Dokument der Selbstwahrnehmung. Kohl über Kohl. Der Altkanzler, und wie er die Welt sah.

Er hat das Wort.

Historische Überraschungen liefert das Material nicht, allenfalls Randnotizen. Wie jene, dass Kohl gerne Friedrich Nowottny zum Chef des Bundespresseamtes gemacht hätte. Er wurde stattdessen WDR-Intendant. Oder dass Strauß 1979 trickreich versucht habe, ihn, Kohl, wegzuloben - ins Amt des Bundespräsidenten. Der Plan ging nicht auf, Staatsoberhaupt wurde Ex-NSDAP-Mitglied und Wandersmann Carl Carstens. Kohl hingegen eroberte 1982 das Kanzleramt, FJS war not amused. "Aus seinem Verständnis war das sein Platz", sagt Kohl über Strauß.

Bremer Stadtmusikanten

Sehr viel einsilbiger wird Kohl, wenn es um die CDU-Spendenaffäre geht. Die Namen seiner Spender nennt er - natürlich - nicht, nur deren Zahl: vier oder fünf. Dass sein System der schwarzen Kassen die Partei an den Rand des politischen Abgrunds geführt hat, kann Kohl auch 2003 nicht erkennen. Er räumt allenfalls "Fehler" ein. Die Schurken des Stücks sind in seinen Augen die Anderen: jene, die sich seinerzeit von ihm abwandten. Norbert Blüm? "Der Mann ist mir völlig egal", schnaubt Kohl. Politik als Beziehungsgeflecht. Mit dem eisernen Gebot der Loyalität. You are either with us or against us.

Gewinnt Kohl eine Auseinandersetzung, erzählt er hingegen gerne davon, manchmal auch mit leuchtenden Augen. Zum Beispiel vom Bremer Parteitag 1989, als Lothar Späth, unterstützt von Fahrensleuten wie Rita Süßmuth und Heiner Geißler, ihn stürzen wollte. Kohl sorgte dafür, dass pünktlich zum Parteitag die tschechische Grenze aufging. Tausende DDR-Bürger strömten in den Westen. Damit waren ihm die Schlagzeilen sicher. Die "Bremer Stadtmusikanten", wie Kohl seine innerparteilichen Gegner nennt, verdrückten sich die Putschgelüste. Und Kohl präsidierte, obwohl er dringend an der Blase hätte operiert werden müssen und höllische Schmerzen litt, unbeirrt auf dem Podium. Seinen "urologischen Ausflug in die Weltgeschichte" tauft er das.

Kronprinz Schäuble

Und dann geht es, wieder, um: Wolfgang Schäuble. Warum er ihm die Kanzlerschaft 1996 versagt hat, als alle damit rechneten, er würde den Kronprinz einwechseln, weil die kommende Bundestagswahl verloren zu gehen drohte. Kohl sagt, dass in dieser politischen Phase niemand außer ihm selbst die Einführung des Euro hätte durchsetzen können. So hätten das auch seine Amtskollegen gesehen. "Es gab damals ja Gerede, eine Währung, in der Italiener und Griechen dabei sind, kann niemals eine ordentliche Währung werden." Eine Volksabstimmung über diese Frage hätte er sehr wahrscheinlich verloren, sagt Kohl.

Was für eine Ironie der Geschichte, dass Schäuble nun seine Jahre als Finanzminister damit verbringt, eben diesen Euro zu retten. Er tut es, weil er ebenso wie Kohl den Euro nicht in erster Linie als ökonomisches Projekt sieht. Sondern als Baustein der Friedensarchitektur Europas. Es gibt Geschichten, die hören nimmer auf.

Entschiedene Sottisen

Darf das ein Journalist: Kohl einfach reden lassen? Ohne seine Aussagen, wie in der ursprünglichen Doku geschehen, mit Aussagen anderer Zeitzeugen in Frage zu stellen? Es ist ein Experiment, das in den Zeiten der Medienverdrossenheit vielleicht sogar helfen kann. Die Offenlegung der Quellen. Transparenz. Das Netz hat es möglich gemacht.

Und es ist, in diesem Fall, höchst unterhaltsam. Kohls Entschiedenheit, auch in seinen Sottisen, zeigt, in welchem politischen Zeitalter wir angelangt sind: dem der Technokraten.