Die Medienkolumne Anne will bessere Quoten


Die Startphase der Sendung ist vorbei, das Team hat sich eingespielt, das Profil der sonntäglichen Talk-Sendung zeichnet sich ab. Zum ersten Mal wechselt nun die Redaktionsleitung - Zeit für eine faire Zwischenbilanz: Stärken und Schwächen des zentralen ARD-Polittalks "Anne Will".
Von Bernd Gäbler

Anne Will ist eine geübte Journalistin. Sie ist ehrgeizig und nimmt neue Aufgaben mutig in Angriff. Sie ist kompetent und vor der Kamera selbstverständlich recht souverän. Ihr NDR-Programmdirektor Volker Herres attestierte ihr anlässlich des "outings" ihrer persönlichen Lebensverhältnisse, ihren Job mache sie "grandios". Das war übertrieben. Sie macht ihn so, dass sich die ARD nicht genieren muss. Vieles aber kann besser werden. Auch die Quote, auf die es der ARD besonders ankommt, die aber nicht das wichtigste Kriterium für eine Leistungsbilanz sein soll. Im Durchschnitt kommt sie auf 13,7 Prozent Marktanteil, mal hat sie mehr, auch schon mal weniger Zuschauer als Frank Plasberg, der auf einem weitaus ungünstigeren Programmplatz sendet. Auch da ist noch Luft nach oben.

Anne will bessere Quoten. "Politisch denken, persönlich fragen" - so lautet das Motto, das sich Anne Will für die Sendung ausgedacht hat. Hatte sie damit ein glückliches Händchen? Passt das Motto wirklich zu ihr? Das politische Denken trauen ihr alle Zuschauer ohne weiteres zu, das persönliche Fragen weniger. Sie ist gewitzt in allen Fragen politischer Taktik, kennt die Winkelzüge der Parteien und die Argumente der üblichen Verdächtigen. Sie kann nachhaken und Sachverhalten auf den Grund gehen. Großes persönliches Interesse an den Einzelschicksalen oder den stets etwas umständlichen Erzählungen der Betroffenen, an den Lebensumständen der Eisenbahner und den genauen Ablaufschilderungen des Notarztes von Ludwigshafen - das nimmt man ihr nicht ab. Zwar tauchen ihre dunklen Augen dann groß im Zwischenschnitt auf, aber sie muss es gar nicht unbedingt versuchen, sich zusätzlich zu klaren politischen Fragen auch noch in "Kerner"-Einfühlung zu üben. Glaubhaft tut sie es nicht.

Das Menschensofa muss weg!

Auch wenn die Idee dahinter lauten mochte, Betroffenen und weniger rhetorisch Geübten bessere Chancen einzuräumen, einen Bezugspunkt für alle Politik aus der alltäglichen Wirklichkeit zu schaffen, womöglich gar mehr Konfrontation für den Diskurs der Politiker und Funktionsträger - das "Menschensofa" muss weg. Es ist im Prinzip gar nicht schlecht, im Rahmen einer längeren Talk-Show Möglichkeiten zur Einzelbefragung zu haben - seien es "Experten", Gespräche zur Vertiefung eines spezifischen Aspektes oder auch intensive Befragungen eines besonderes herausgehobenen Talk-Gastes. Dazu dient das Sofa bei "Anne Will" aber nicht.

Gegenüber den deutschen Nobelpreisträgern war es fast eine Invektive, diese da nur zum Aufgalopp zu parken; andere erzählen Geschichten oder vertiefen die Kluft zwischen Mensch und Funktionär. Und ein Gast wie Klaus Wesemann vom SPD-Ortsverein Frankfurt-Eschersheim gestern abend ist einfach ein wenig zu unbedeutend, um interessant zu sein. Wenn Anne Will auf dem Sofa ausgerechnet den diensthabenden Notarzt in Ludwigshafen akkurat danach befragt, ob beim Einsatz auch alles zügig und mit rechten Dingen zugegangen sei - dann war das Pseudo-Journalismus. Kaum einer wäre ungeeigneter für halbwegs objektive Urteile gewesen. Das Sofa muss weg!

<Abhängig von der politischen Wetterlage Die Sendung "Anne Will" läuft dann ganz gut, wenn politisch ohnehin etwas los ist. Sie ist abhängig von der politischen Wetterlage. In einem gewissen Ausmaß ist das normal. Bei "Anne Will" aber liegt das auch an der Themenwahl. Viel zu selten ("Trauer, Misstrauen, Vorwürfe - Ludwigshafen zwischen Hysterie und Wahrheit" 10.2.) geht es um konkrete Themen, fast immer geht es um alles ("Politpoker - mit allen Mittel an die Macht" 27.1.; "Zu wenig Geld fürs Volk: die Gerechtigkeitslücke" 2.12.) - und gestern gar: "Sag' niemals nie: die Linke wird salonfähig", aber ebenso sollte es um die Hamburg Wahl und die Steuerhinterziehung gehen.

Als Herr Ramelow selbstbewusst sagte: "Das ist doch eine Sendung über uns", beschied Anne Will flugs: "Nein, zur Hamburg Wahl", kurz darauf gab es prompt einen Einspielfilm zur Bayerische Landesbank - aber es hängt ja ohnehin alles mit allem zusammen. Wenn sie nicht gerade "Atomkraft" (16.12.) oder "Jugendgewalt" (6.1.) thematisiert, könnte das Thema des Talks fast regelmäßig auch schlicht lauten: "Zur Lage - ein Gespräch in wechselnder Besetzung." Mit einem enger gefassten Thema kann eine Redaktion daneben liegen, mit so weit gefassten Einflugschneiden in den Talk geht sie schön auf Nummer Sicher, allerdings in der Regel auch "middle of the road". Das ist auf Dauer etwas fad.

Die Redaktion entdeckt keine Gäste

Die Fernsehzuschauer wollen zuverlässige Überraschungen. Im Fernsehen kommen fast immer dieselben Leute vor. So zwischen zweihundert und vierhundert sind den Redaktionen bekannt. Die "first rotation" ist bedeutend schmaler bestückt. Auch hier kann eine Redaktion immer wieder auf Nummer sicher gehen. Eine gewisse Zeit lang kann man so eine solide Sendung machen; eine herausragende kaum. Die Redaktion von "Anne Will" entdeckt keine Gäste. Auch die jüngste Sendung zeugt davon: Erwin Huber (CSU-Chef), Klaus von Dohnanyi (SPD-Oldie), Peter Hintze (CDU-Pfarrer), Jürgen Trittein (Grüner Ex-Minister) und Bodo Ramelow (Wahlkampfmanager "Die Linke"). Damit reißt man keine Zuschauer vom Hocker, auch wenn es zwischendurch mal hübsch lautstark durcheinander ging. Vor allem weil diese Gäste immer passen, aber kaum zum angesagten Thema.

Wenn diskutiert werden soll, dass, ob und wie "die Linke salonfähig" wird, dann braucht man Gäste, die dazu etwas Verbindliches sagen können, ergo SPD-ler, die etwas zu sagen haben. Die Allerwelts-Besetzung reicht dazu nicht aus. Also geht das Thema nicht. Anne Will aber versucht es aufzublasen und hinzubiegen. Das spürt der Zuschauer. Zu oft knirscht es. Und was soll bitteschön Michael Stich in dieser Runde? Eine lange Zeit war er auch abgemeldet. Am Ende dann durfte er in schön allgemeinen Worten ertwas über Ehrlichkeit und Werte sagen - der Tennis-Altstar als Musterdemokrat.

Es ist die größte Talk-Untugend, Schauspieler im Talk entlang ihrer Rolle agieren zu lassen, also z.B. Veronica Ferres zu befragen, wie schrecklich die Stasi war oder den "Bergdoktor" zur Gesundheitsreform zu vernehmen. Das Thema "Steuerflucht" und "Gier" war nun bereits reichlich durchgekaut - und der ein oder andere Talker hatte sogar ein paar überraschende Gäste aufgefahren: bei Sandra Maischberger konnte der gute alte Konz von den "legalen Steuertricks" sich noch einmal als Fürsprecher der "kleinen Leute" recht flott in Szene setzen. Bei Maybrit Illner überraschte der attac-Mann Sven Giegold mit strenger Moral, entsprechenden Maßnahmen und vor allem hoher Sachkenntnis. Und nun Michael Stich im Ersten - erwartungsgemäß war er weder originell, noch unterhaltsam. Er bespielte den Allgemeinplatz.

Neckischer Streit um die Moderatorenrolle

Die Moderatorin ist sicher kompetent, aber in der Planung mancher Elemente der Sendung ist sie nicht immer gut beraten. Zu oft dienen ihr die "Einspielfilmchen" als Haltegriff. Gelegentlich inszeniert sie mit dominant werdenden Gästen kokette Spielchen, wer denn nun moderiere und berechtigt sei, Fragen zu stellen. So etwas kann sehr souverän wirken. Bei ihr tut es das nicht. Anne Will wirkt stets hoch konzentriert, aber leider fast immer auch sehr angespannt. Sie strahlt keine Gelassenheit aus und eher Ehrgeiz als Zuversicht. Wie eine etwas überforderte Erzieherin lässt sie zunächst viel Chaos zu, um dann plötzlich streng dazwischen zu fahren. Dann sagt sie "oh, Mann" oder auch "jetzt ich wieder".

Dabei wirkte sie in der jüngsten Sendung gelegentlich sogar fast schon resigniert. Der Fernseher hat die unangenehme Eigenschaft, diesbezüglich wie eine Lupe zu wirken, während die Stärken logischer Argumentation, sinniger Formulierungen und sprachlicher Präzision leicht hinter einem Milchglas überdeutlicher psychologischer Eindrücke verschwinden. Die Sendung "Anne Will" hat sich etabliert, zu den Programmhöhepunkten gehört sie noch nicht.


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