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Die Medienkolumne: Das Schnäuzer-Comeback

Wenn es dauert, bis die Entscheidung endlich gefallen ist, wenn alles auf die Live-Berichterstattung ankommt, dann könnte dies die große Stunde des Fernsehens sein. Aber wie war es denn nun am Sonntag der Landtagswahlen in Hessen und Niedersachsen?

Von Bernd Gäbler

Es war 23:17 Uhr, als Jörg Schönenborn, Chefredakteur des WDR und inzwischen allseits bekannter Graf Zahl der ARD an den Wahlabenden, noch vor Bekanntgabe des offiziellen vorläufigen amtlichen Endergebnisses die richtigen Zahlen für Hessen verkündete. Es war Glück, noch lief die zweite Sondersendung der "Tagesthemen" am Wahlabend. Das Ergebnis rutschte noch gerade so hinein in die Sendezeit.

Sichtbar angespannt dagegen wirkte einige Zeit zuvor der sonst so souveräne Claus Kleber im ZDF: wie sehr er sich auch mühte, sein "heute-journal" in die Länge zu ziehen, ein verbindliches Ergebnis aus Hessen vermochte er nicht mehr zu melden. Allerdings verkündete der ZDF-Wahlstatistiker Steffen Seibert noch sichtbar strahlend, dass Roland Koch mit der CDU trotz großer Verluste wohl doch knapp die Nase vorn habe.

Wann ist Wahlberichterstattung gut?

Das Ergebnis sollte möglichst schnell korrekt geliefert werden - das versteht sich. Das Publikum sollte objektiv über die politischen Implikationen der Wahlstatistik informiert werden. Es sollte logisch, aber meinungsstark, gerne auch kontrovers diskutiert werden, was der mögliche oder tatsächliche Wahlausgang bedeutet. Ist das so schwer? Offenbar. Richtig schlecht war die Berichterstattung über die Wahlen nicht, dennoch wurden Schwächen sichtbar. Die erste: Jede Wahlberichterstattung, die unbedingt gleichberechtigt über Niedersachsen und Hessen informieren wollte, musste fehlgehen. Spannend und politisch interessant war nur Hessen. Zweitens: die arithmetische Logik besagte von Anfang an, dass Roland Koch die Mehrheit für seine Koalition dann und nur dann einbüßen würde, wenn es die "Linke" ins Parlament schaffen würde. Diese ebenso simple wie klare Aussage wurde im Laufe des Wahlabends unnötig verwässert. Drittens: Es fehlte eine distanzierte Analyse. Stattdessen gab es arg parteipolitisch gefärbte Kommentare der jeweiligen Senderhierarchen. Um 23:28 Uhr verkündete Manfred Krupp, Programmdirektor des Hessischen Rundfunks, den "Anfang vom Ende der Großen Koalition", was ziemlicher Quatsch ist. Zuvor schon hatte Elmar Theveßen im ZDF (wenn der ZDF-"Terror-Experte" auftaucht, denkt man stets, es sei ein Bombenanschlag geschehen) zu Roland Koch kurzum verkündet: "Richtige Politik, falscher Stil." Gut, dass wir nun wissen, wie man Kochs Wahlkampfführung auf dem Mainzer Lerchenberg bewertet.

Das Comeback der Schnäuzer

Wolfgang Jüttner, der Spitzenkandidat der niedersächsischen SPD, trägt stolz einen schwarzen Schnäuzer - aber mit einem Ergebnis von 30,3 Prozent kann von einem Comeback keine Rede sein. Es dauerte etwas bis jemand herausbekommen hatte, dass es das Land Niedersachsen vor dem Zweiten Weltkrieg so nicht gab, weswegen die Formulierung vom "schlechtesten Ergebnis nach dem Zweiten Weltkrieg" die Runde machte. Aber Phrasen gab es natürlich - wie stets - zuhauf. Immer sind die Oppositionsbänke "hart", berät "das politische Berlin", profilierte sich Andrea Ypsilanti als "Mutter Courage der kleinen Leute" ("Mutter Courage" war bekanntlich eine notorische Opportunistin) etc. pp. - aber wir haben auch etwas Neues gelernt: Hessen, das wir bisher vor allem als Land des Äppelwoi kannten, ist "ein knappes Land".

Und: Sie kamen wieder, die eigentlich längst vom Bildschirm verdrängten Schnäuzer. Da war zunächst der bisher bundesweit eher unbekannte hessische Liberale Jörg-Uwe Hahn, der seinen Männerschmuck unter der Nase stolz zum Doppelkinn trug. Traurig hingen die Spitzen nach unten bei Alois Theisen, dem Chefredakteur des Hessischen Rundfunks, den es mit der landespolitischen Mehrheit Kochs vom ZDF in den HR geweht hatte, während in Berlin ARD-Studioleiter Ulrich Deppendorf seinen Schnauzbart silbrig glänzen ließ. Als frecher Dompteur der "Berliner Runde" zähmte er die Generalsekretäre der Parteien, sagte sofort, dass er vor allem über Hessen reden wolle, und provozierte - während im ZDF "Faszination Erde" lief - mit den Worten: "Der Mann muss alles falsch gemacht haben" zu Roland Koch den von Erfolgen näselnden Ronald Pofalla.

"Koch ist weg" hatte zuvor schon Zahlenmeister Jörg Schönenborn fast neutralitätsverletzend fröhlich verkündet. Diese Phase der Berichterstattung war nicht die schlechteste, auch wenn niemand die tatsächliche "tektonische Verschiebung" (Gregor Gysi) der Parteienlandschaft, nämlich die dauerhafte Etablierung der "Linken" auch im Westen, ernst nehmen mochte. Da verdrängt Ressentiment immer noch nüchterne Analyse.

"Scheiß-Privatfernsehen"

Das falsche Pauschalurteil Günther Oettingers hat inzwischen die Runde gemacht. Der Wahlsonntag könnte es unterfüttern. Für die Berichterstattung über immerhin einigermaßen bedeutsame Landtagswahlen spielt das Privatfernsehen keine Rolle. Auf RTL gab es außer den Regelsendungen nichts. Es fehlt an politisch kompetenten Reportern fürs Regionale, da die regionalen Fenster längst zu Quatsch- und Service-Programmen verkommen sind. Allein Peter Kloeppel kann ja auch nicht alles herausreißen. Sat.1 hat sich als Sender ernstzunehmender Information ohnehin verabschiedet. So wurde ausgerechnet der Wahltag zum Symbol dafür, wie sehr die beiden stärksten Privatsender zur Entpolitisierung beitragen.

Witziger war da schon der Blick in die Abgründe des Regionalen. Große Politik möchte man im Hessischen Rundfunk spielen, hat auch fürs Dritte extra ein Wahlstudio eingerichtet, in dem brav die Ergebnisse Wahlkreis für Wahlkreis durchgehechelt werden sollen. Aber natürlich klappt nicht jede Schalte, in Eschwege läuft der Reporter gerade aus dem Bild, als er zugeschaltet wird, winkt die Moderatorin heftig ab, als der Moderator staatsmännisch verkündet, nun schreite man zur Darstellung der "Wählerwanderung" und fragt jeder Reporter als sei er dazu gezwungen "seinen" Provinzpolitiker zuerst: "Wie geht es Ihnen jetzt?", während ein Spezial-Reporter den Lebensgefährten von Frau Ypsilanti tatsächlich mit der Frage bedrängt: "Wie sympathisch ist Andrea Ypsilanti denn nun wirklich?" Und zu jeder Überleitung sagen alle immer wieder: "Es bleibt also spannend". Noch um 23:28 Uhr verabschiedet sich der landespolitische Korrespondent Markus Gürner aus Wiesbaden in der ARD so: "Es wird sehr, sehr spannend".

Alle Fragen offen

Derweil hatte Christian Wulff sich schon mit "Siegerkuss" für der "Bild"-Zeitung ablichten lassen, hatte Roland Koch vom Angriff der drei Linksparteien (SPD, Grüne, Linke) gesprochen, wurde hin und her argumentiert, ob das Ergebnis nun Angela Merkel eher stärke (Peter Frey, ZDF) oder schwäche (Hans-Herman Tiedje) und wie es in Hessen weitergehen soll. Selbst im angesehenen "Deutschlandfunk" fiel dem Moderator nichts anderes ein als: "Der Vorhang zu und alle Fragen offen". Dabei ist es am Wahlabend ab und an sogar gelungen, ein wenig hinter den Vorhang zu schauen.