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Die Medienkolumne: Deutsche Serien schmieren ab

Von "Baywatch" bis "Hawaii 5- 0" - im deutschen Fernsehen gab es immer schon US-Serien. Jetzt aber setzen sie sich auf ganzer Breite durch - sowohl im Abendprogramm als auch im DVD-Player. Deutsche Serien können da qualitativ schon lange nicht mehr mithalten.

Von Bernd Gäbler

Die US-Serie früher. Versuchen wir uns zu erinnern: Natürlich spielt in jeder ordentlichen TV-Sozialisation die US-Serie eine Rolle. Gut kann man anhand der Erinnerung eine Sortierung in Alters-Kohorten vornehmen. Klar, da waren "Bonanza" und "Dallas"; immer wieder Krimis von "77 Sunset Strip" bis "Miami Vice" und Familienserien von "Bezaubernde Jeannie" bis - jetzt wird es ganz alt - "Kathy ist die Beste". Zu jedem Zeitpunkt also ist die US-Serie eingeschrieben in die hiesige TV-Historie.

Dennoch hat sich etwas geändert: Erst in jüngster Zeit ist den US-Serien ein Durchbruch hin zum festen Bestandteil des Abendprogramms in einer nie zuvor gekannten Quantität gelungen: "CSI:Miami" und "CSI:New York" nebst einiger Ableger; "Dr. House" und "Monk"; "Profiler" und "Closer"; "Crossing Jordan" und "Boston Legal" - Ärzte-, Anwalts-, Ermittler- und Familienserien en masse. Nach meiner Wahrnehmung waren vor allem zwei großen Serien Meilensteine auf diesem Weg: "Emergency Room" und "Ally McBeal". Andere mögen in besonderer Weise faszinierend gewesen sein - die Mafia-Familienserie "Sopranos" ebenso wie später "24" - sie blieben aber, sei es aufgrund schlechter Programmierung durch die Sender, sei es, weil sie in ihrer Stilistik solitär waren, letztlich doch Liebhabern und Fangruppen vorbehalten.

Kosten und Kalkulation. Natürlich hat auch das deutsche Fernsehen immer schon sehr erfolgreich Serien produziert. Gerade durch das Privatfernsehen hat es einen Schub in der Produzentenlandschaft und wachsende Erfahrung mit industrieller Produktion gegeben. Von der frühen öffentlich-rechtlichen "Lindenstraße" bis "GZSZ"; von "Marienhof" bis "Forsthaus Falkenau" ist die industrielle Produktion aber vor allem für das Nachmittags- und Vorabendprogramm konfektioniert worden. Vielleicht mit Ausnahme der frühen "Arbeiterserien" von RTL (von "Ritas Welt" bis "Schwester Nicola") und manchen ZDF-Großprojekten behielt der Serien-Autor und Serien-Regisseur stets ein C&A-Image: für "Marienhof" oder "Rote Rosen" mag es reichen, die Krönung des TV-Schaffens aber ist der Fernsehfilm - am besten ein großer Zweiteiler.

Die Ökonomie spielt dabei eine Rolle. Dankenswerterweise hat der ehemalige Sat.1-Chef Roger Schawinski in seinem Rückblick "Die TV-Falle" auch ein paar Zahlen genannt: Unter 600.000 Euro ist keine Serienfolge für den Abend zu haben; bei einer 13-teiligen Staffel sind dies schon einmal 7,8 Millionen Euro. Das neue Personal muss eingeführt werden, ein Flop-Risiko ist groß. Bei Synchronisationskosten von nicht einmal 20.000 Euro pro Staffel und Einkaufspreisen von gelegentlich nur um die 100.000 Euro rechnet sich der Einkauf von US-Serien, die schon erfolgreich gelaufen sind. Begünstigt wird dies durch die Art, wie die deutsche Senderlandschaft gewachsen ist: nämlich in die Breite. Dies bedeutet auch, dass absolute Spitzenquoten gelegentlichen Programmhöhepunkten, Event-Filmen und eben den großen Zweiteilern vorbehalten sind. In der Fläche ist für Sender wie Vox und ProSieben zunehmend wichtig, relativ gute Quoten zu erzielen. Bereits bewährte Serien können da Sicherheit geben.

Kolonialisierung oder Aufbruch aus der Provinz?

Das ökonomische Kalkül allein würde aber nicht aufgehen, hätte sich auf Seiten der Zuschauer nicht etwas geändert. Natürlich kann man zum Beispiel den globalen Siegeszug von "Baywatch" hervorragend als einen "Imperialismus der Bilder" bewerten. Nicht zuletzt "Borat" hat mit diesem Motiv gespielt. Zugleich aber gelingen Siegeszüge nur, wenn in den siegreichen Produkten einige Alltagserfahrungen und Menschheits-Mythen gebündelt werden. Die Deutschen sind weltoffener geworden und fremdeln nicht mehr so. Auch deswegen stoßen US-Serien heute auf breitere Resonanz.

Früher gab es regelrechte Verständigungsschwierigkeiten und Hindernisse. Das betraf besonders den Sport, die Schule, die Justiz und das Multikulturelle. Selbst Anspielungen auf einen italienischen Familienhintergrund oder chinesische Eigenheiten können die Deutschen allmählich mit eigenen Erfahrungen abgleichen.

"Der Alte" und "Derrick" waren Leitbilder des alten Deutschland - vor der Einheit, vor Rot-Grün. Da mussten auch die Leichen unbedingt vor dem eigenen Kirchturm liegen. Miami, Hawaii oder L.A. wurden bestaunt, einen Anlass zur Identifikation boten sie nicht. Reisen und Schüleraustausch haben mitgeholfen, aber wirklich verändert hat sich das erst mit der Verbreitung rollenauflösender Urbanität. Nicht zufällig waren es "frauenaffine Stoffe" wie "Ally McBeal", "Sex and the City" und später "Desperate Housewives", die hier für eine neue Rezeption sorgten.

Vertriebswege.

Den Boden für eine bessere Aufnahme haben auch technisch variablere Vertriebswege geebnet. Längst entdecken nicht mehr nur Spezialisten interessante US-Produktionen. Fast alle Serien haben schon Fans, bevor sie in unserem traditionellen Fernsehen ausgestrahlt werden. Der DVD-Verkauf boomt. Für Avantgardisten gehört es zum guten Ton, schon die ersten Folgen der dritten Staffel zu kennen, wenn hierzulande gerade die erste Staffel startet. Durch Zeitschriften werden die jeweiligen Stars bekannt. Das Promi- und Glamourgeschehen ist ohnehin internationalisiert. Und dennoch würde es nicht funktionieren, wären nicht so viele dieser Serien einfach gut.

Qualität

. Gerade an den deutschen beziehungsweise niederländischen Nachläufer-Produkten "Alles außer Sex" (ProSieben) und "Feine Freundinnen" (ZDF), die ja nicht grausam schlecht sind, aber doch eben auch nicht wirklich gut, merkt man die Unterschiede zu den US-amerikanischen Originalen. Die Charaktere sind schematischer angelegt, die Pointen vorhersehbar, die Dialoge nicht so gewitzt, jähe Wendungen und komplexe Plots werden gemieden. Nicht alles, was dunkel und kompliziert ist, muss deswegen auch schon gut sein. Aber gebrochene Charaktere, die Abkehr von simplen Heldenbildern und komplexe Handlungen zeichnen fast alle aktuell im deutschen Fernsehen gut laufenden US-Serien aus.

Das Gute hat sehr viel mit Erfahrung, Können und dem Produktionsaufwand zu tun. Welche deutsche TV-Firma, welcher Sender hätte es je gewagt, von sich aus etwas so riskantes, auf den ersten Blick auch so absurdes anzugehen, wie die Bestatter-Serie "Six Feet Under"? Womöglich ist der deutsche TV-Markt dafür einfach zu klein.

HBO.

Die hohe Serien-Qualität hat aber auch mit der Struktur des US-Fernsehmarktes zu tun. Für die Konkurrenz der Networks sind erfolgreiche Serien noch entscheidender als in unserem Wettbewerb der Vollprogramme; vor allem aber gibt es bei uns kein HBO. Der Pay-TV-Sender investiert in Programmqualität und setzt auf Kunden, die eben dafür zahlen. So treibt er die Produzentenlandschaft insgesamt an. Bei uns gibt es das einfach nicht.