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Serien-Final: "Game of Thrones": Darum fühlt sich die letzte Staffel so unbefriedigend an

Die Meinungen über das Finale mögen auseinander gehen, über die gesamte achte Staffel von "Game of Thrones" waren sich die meisten Fans aber erstaunlich einig: Die neuen Folgen fühlen sich deutlich anders an. Dahinter steckt eine grundlegende Änderung.

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Achtung: Dieser Text verrät Inhalte der aktuellen achten Staffel von "Game of Thrones" und aus allen bisherigen Staffeln. Wer noch nicht alle Folgen gesehen hat und sich lieber überraschen lassen möchte, sollte hier wirklich aufhören zu lesen.

Es gibt nichts Wichtigeres als eine gute Geschichte, so begründete Tyrion Lennister im Finale von "Game of Thrones" seine Wahl für Bran Stark als neuen König. Die Szene, die für die meisten Zuschauer quasi aus dem Nichts kam, steht als wunderbares Symbol dafür, warum diese Staffel "Game of Thrones" für viele Zuschauer so anders anfühlte. Denn das liegt nicht nur an dem Mehr an Pomp und der kürzeren Laufzeit. In der letzten Staffel hat sich schlicht etwas ganz Grundlegendes geändert.

"Game of Thrones" wurde auch so groß, weil es sich so echt anfühlte. Trotz des Fantasy-Settings wirkten die Menschen nicht wie Kunstfiguren. Wir wussten, wer Ned Stark, Tyrion Lennister oder auch Joffrey Baratheon waren, wofür sie standen und wie sie die Welt sahen. Die Handlung ergab sich sehr natürlich aus den Interaktionen der Figuren. Genau diese Echtheit scheint in der letzten Staffel zu fehlen, die Figuren verhielten sich nicht mehr menschlich, sondern standen als Spielfiguren an den erwarteten Plätzen und sagten, was gesagt werden musste. Jon Schnee reagierte etwa nie bemerkbar auf die Erkenntnis, wer seine Eltern waren, sondern betonte stattdessen ständig, er wolle die Krone nicht. Das Ziel war nicht mehr Charakterentwicklung, sondern die Geschichte voranzubringen.

"Game of Thrones" Jon Snow

Jon Schnee war in der letzten Staffel nicht ganz er selbst

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Gärtner und Architekten 

Dem Zugrunde liegt ein grundsätzlich anderer Ansatz, Geschichten zu erzählen. George R.R. Martin bezeichnete sich mal als Gärtner, der Samen der Figuren pflanzt und sie dann beim Wachsen beobachtet, der Autor weiß also zu Anfang selbst nicht, wie sich seine Kreationen entwickeln werden. Das hat klare Vorteile: Die Figuren wirken organischer, zeigen in ihrem Verhalten manchmal erst viel später Folgen früherer Erlebnisse. So entstehen überraschende Momente, die sich trotzdem nicht erzwungen anfühlen. Der Nachteil: Die Geschichte entwickelt sich weitgehend von selbst, ist schlecht steuerbar. Wie im echten Leben führt sie manchmal in eine Sackgasse. Es ist vermutlich kein Zufall, dass Martin seine Bücher bis heute nicht beendet hat.

Die Serienmacher D.B. Weiss und David Benioff konnten so also nicht weitermachen. Sie wollten zu einem Ende kommen. Wie das aussehen sollte, war klar, sie hatten es sogar mit Martin abgesprochen. Um dorthin zu gelangen, mussten sie die Geschichte aber anders denken: Sie konstruierten den Weg, auf dem sich die Figuren bewegen sollten. Statt als Gärtner dachten sie die Geschichte als sogenannte Architekten. Dabei mussten sie vom Ende rückwärts dorthin gelangen, wo sich die Figuren gerade befanden. 

Merkbare Veränderung

Dieses Umdenken hat spürbare Folgen. Architekten können die Charakterentwicklung nicht mehr aus den Figuren ableiten, sondern müssen sie der Handlung unterordnen. Und schon sagen Figuren Dinge, die eigentlich nicht zu ihnen passen, verkommen zu Stichwort-Gebern und willenlosen Handlungs-Treibern, deren emotionaler Weg nur noch eine Nebenrolle spielt. Auch physisch wurden die Wege in der Serie unwichtig - was dann dazu führte, dass Euron wie aus dem Nichts auftauchte. Schließlich musste Daenerys einen Drachen verlieren. Statt sich natürlich aus ihren Entscheidungen zu bewegen, werden die Figuren dorthin geschoben, wo sie gerade gebraucht werden. Die Geschichte fühlt sich nicht mehr als logische Konsequenz der Handlungen der Charaktere an, sondern wird nur noch um ihrer selbst Willen erzählt.

Vor allem in Bezug auf die Charakterentwicklung blieb so viel auf der Strecke. Dass Daenerys Königsmund niederbrennt, kam nur deswegen für viele Fans so überraschend, weil die Entwicklung dahin quasi nicht gezeigt wurde. Stattdessen entwickelte sie sich in zwei Folgen zum Hitler von Westeros. Und der sonst so moralische Jon schaut zu. Auch dass Bran das Amt des Königs annimmt, wirkt deutlich merkwürdiger, wenn man bedenkt, dass er vor wenigen Folgen noch die Herrschaft über Winterfell abgelehnt hatte. Das musste er aber - weil sonst Sansa nicht als Königin im Rat hätte sitzen können.

Es hätte auch anders kommen können

Einige Entscheidungen der Produzenten lassen sich mit dem Architekten-Ansatz aber nicht erklären. Das größte Problem dürfte schlicht Zeitmangel gewesen sein. Obwohl Haussender HBO den Machern noch weitere Staffeln gestattet hätte, wollten die "Game of Thrones" in nur acht zu Ende bringen, verkürzten die Staffeln zudem noch. So blieb wenig Raum, für die ausführlichen Gespräche früherer Staffeln.

Auch die zunehmende Popularität der Serie dürften eine Rolle gespielt haben. So verwendete die achte Staffel viel Zeit dafür, Fans eine Freude zu machen, indem sie Lieblingsfiguren einen coolen Spruch in den Mund legten oder Szenen so inszenierten, dass sie an frühere Momente der Serie erinnerten. Wichtige Gespräche wie das zwischen Jon und seinen Geschwistern fanden dagegen im Off statt. Weil man den Inhalt ja kennen würde, erklärte der Regisseur. Das mag dem TV-Erlebnis geholfen haben, die Geschichte machte es nicht besser. 

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