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Talkshow-Kritik: Jauchs Pflichtrunde nach der Kandidatenkür

Eigentlich wollte Günther Jauch über Kandidaten fürs Schloss Bellevue diskutieren. Wenige Minuten vor Beginn der Sendung wurde jedoch einer gefunden. Kurzerhand funktionierte er seine Sendung um.

Von Sophie Lübbert

Ein wenig leid tun konnte einem Günther Jauch ja schon. Da stand er nun, perfekt präpariert für eine weitere Talkrunde zum Thema Bundespräsident. Nach Wulffs Abgang gab es sogar endlich einen neuen Dreh in der Geschichte: Wer könnte ihm nachfolgen in das hohe Amt? Wer hätte genug Persönlichkeit und Moral für den Job? "Deutschland sucht den Super-Präsidenten" und die Jury sitzt versammelt in seiner Runde, das war etwa das, was Jauch vorschwebte.

Alles war vorbereitet, die Einspieler abgedreht, die Moderations-Karten geschrieben - und dann das: Der Super-Präsident ist gefunden. Bevor Jauch auch nur einen Ton dazu sagen kann. Etwa 30 Minuten vor Beginn der Sendung verkündet Kanzlerin Merkel, dass die CDU/CSU nun doch den von FDP, SPD und Grünen favorisierten Joachim Gauck mittrage. Damit löst sich das Thema von Jauchs Sendung in Luft auf.

Sendung in die Tonne treten

"Wir haben nicht gewusst, dass wir unsere vorbereitete Sendung so schnell in die Tonne hauen müssen", sagt Günther Jauch, als er vor die Kamera tritt und zwinkert nervös mit den Augen. Doch Jauch wäre nicht Jauch, wenn er es nicht schaffen würde, eine Stunde mit seinen Gästen zu reden, ohne wirklich etwas zu sagen. Deshalb also: Nachbereitung der Kandidatenwahl! Zum Glück hat er fünf Gäste um sich, die alle kaum an sich halten können, über Gauck zu sprechen. Ausschließlich Gutes: Offenbar möchten sie alle zum Sommerfest ins Bellevue eingeladen werden - und schmeicheln dem designierten Staatsoberhaupt, was das Zeug hält.

"Es gibt keinen Grund, der gegen Gauck spricht", meldet sich CDU-Mann Wolfgang Bosbach zu Wort. "Ich habe schon vor zwei Jahren für ihn gestimmt", will SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles ihn übertreffen. "Ich schätze Herrn Gauck unendlich und freue mich sehr", trägt Hildegard Hamm-Brücher, ehemalige Kandidatin fürs Präsidentenamt, bei. "Ich habe viele Gespräche mit Herrn Gauck geführt;", schließt sich Moderator Ulrich Wickert der allgemeinen Glückseligkeit an. Nur Heiner Geißler merkt an, es hätte auch ruhig eine Frau sein können: "Wir haben in der Republik keinen Mangel an Frauen".

Direktwahl wollen viele - aber nicht alle

Doch nach der kleinen Unstimmigkeit sind sich alle sofort wieder einig: Gauck hat viel vor. Er muss die Bürger mit der Politik versöhnen. Den Menschen aufzeigen, was Solidarität ist. Und wenn er dann noch Zeit hat, sollte er seine eigene Meinung sagen, unbequem sein, den Parteien nicht nach dem Mund reden. "Und an mehr Bürgerbeteiligung in der Politik muss Gauck auch noch arbeiten", stellt Hamm-Brücher fest.

Überhaupt, die Politik. Viel zu weit entfernt von den Menschen, eine Lücke klafft, ein Graben trennt. Nicht nur die Politiker von den Bürgern, sondern auch die Parteien untereinander, gerade bei der Präsidentenwahl. "Ich habe immer vermutet, dass parteipolitische Gründe eine Rolle spielen", lässt sich Geißler zu einer waghalsigen Theorie hinreißen. Und die Reaktionen seiner Kollegen geben ihm recht. Die SPD freut sich, dass die CDU nachgeben muss, die CDU will ihre Niederlage nicht zugeben.

"Die Kanzlerin musste eingestehen, dass sie einen Fehler gemacht hat vor zwei Jahren", jubiliert Nahles. "Das Beste, was uns passieren kann, ist doch, wenn die Parteien sich zurücknehmen", gibt Bosbach zu Protokoll und schaut dabei ein wenig beleidigt. Eine direkte Wahl des Bundespräsidenten will er - entgegen der Mehrheitsmeinung in der Runde - dann aber auch nicht: "Das würde die Machtbalance verändern" - dank Direktwahl wäre der Präsident plötzlich stärker legitimiert als die mit mehr Kompetenzen ausgestattete Kanzlerin. Viel mehr als das ist von allen Beteiligten nicht zum Koalitions-Kräftemessen zu hören, so sehr Jauch sich auch bemüht. Die Politik muss draußen bleiben an diesem Abend.

Christliche Werte hoch im Kurs

Doch wenn das schnöde Weltliche nicht weiter hilft, geht Jauch eben einen Schritt weiter, eine Ebene höher. "Gibt es eine Rückbesinnung auf christliche Werte, wenn die Not groß ist?", fragt er. Merkel sei doch Pfarrerstochter, Gauck früher Pastor gewesen - und dann kommen auch noch beide aus dem Osten. Kann das noch Zufall sein? Eine gelungene Vorlage für Geißler und Wickert ist es zumindest; die beiden beginnen eine Diskussion über den Vatikan, über Glaube und Vernunft, die kaum noch etwas mit dem Thema der Sendung zu tun hat. Wobei die Sendung streng genommen sowieso kein Thema hat. Das macht sich auch Wolfgang Bosbach zu Nutze. Ganz am Ende will er etwas loswerden. Eine Beichte. Am Rosenmontag, da sei er nicht im seinem Wahlkreis im Rheinland unterwegs, sondern in Berlin, erklärt er leise und schaut dabei wie ein geprügelter Hund.

Die Narren werden es ihm verzeihen. Schließlich hat er soeben mit einigen Kollegen und Jauch gemeinsam eine nette Nummer aus dem Stegreif hingelegt. Klar, es fehlten Thema, Konzept und sinnvolle Wortbeiträge. Aber das passte in die Zeit. Denn das ist bei vielen Karnevalssitzungen ja ganz ähnlich.