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TV-Kritik zu "Maybritt Illner": Beck poltert gegen die Schlecker-Schacherer

Thematisch und inhaltlich brachte dieser Talk-Abend herzlich wenig. Doch dank der unbeherrschten Ausbrüche von Kurt Beck war die Diskussion immerhin unterhaltsam.

Von Christoph Forsthoff

"Wir haben versucht, die Frage zu beantworten, ob dieser Staat sich eigentlich arm spart", verabschiedete sich Maybrit Illner am Ende der Diskussion von ihren Gästen und dem Publikum – und die leichte Zerknirschung in ihrer Stimme war unüberhörbar. War es doch nicht allein beim Versuch geblieben, nein, das Thema "Sparen als Wahlversprechen" war der schlagfertigen Moderatorin schlicht entglitten. Nicht allein, dass angesichts der aktuellen Ereignisse anfangs sich (noch einmal) eine Diskussion über Sinn und Unsinn der gescheiterten Auffanggesellschaft für die Schlecker-Beschäftigten und deren von der FDP blockierte Verbürgung durch die Bundesländer entspann, ohne dass wirklich neue Argumente ausgetauscht worden wären: Auch danach gelang es Illner nicht, einen thematischen Faden in die Debatte zu bringen.

Dass der Abend dennoch sehr unterhaltsam war, zeugte von ihren Moderationsqualitäten – und der emotionalen Wucht und Wut eines Kurt Beck. Ohnehin zur selbstgefälligen Arroganz gegenüber politisch Andersdenkenden neigend, keulte der ob des Schlecker-Desasters sichtlich betroffene rheinland-pfälzische Ministerpräsident mächtig aus: "Sie müssen mich nicht am Ärmel ziehen", fuhr der SPD-Mann den FDP-Kollegen Otto Fricke an, als der Haushaltsexperte der Liberalen ihn in seinem Redeschwall zu zügeln versuchte – "er soll sich mal benehmen lernen!" Um kurze Zeit später nachzulegen, als es um (Ein-)Sparpotenziale des Staates ging: "Wenn das Leben so primitiv wäre wie Ihre Argumentation, dann würde ich hier nicht gern leben." Doch auch Christopher Lauer von der Piratenpartei bekam sein Fett weg: "Sie haben doch keine Ahnung, wovon Sie jetzt reden – nicht alles, was man nicht weiß, kann man beurteilen", polterte Beck, als der Abgeordnete der Berliner Piratenfraktion wegen einer vom Rechnungshof gerügten Geldverschwendung für den Ausbau des Nürburgrings in Becks Heimatland stichelte. "Ihre Arroganz wird Ihnen noch vergehen, wenn Sie mal ernsthaft versuchen für Menschen da zu sein und nicht so einen Schnickschnack machen."

Wovon sich der Polit-Novize indes nicht beeindrucken ließ. Auf die Dauer wirkte seine demonstrativ zur Schau getragene Ahnungslosigkeit und sein mangelndes Sachwissen allerdings schlicht naiv, denn auch Lauer hielt sich natürlich nicht an seinen eingangs propagierten Anspruch: einfach mal die Klappe halten, wenn man keine Ahnung hat. Stattdessen wiederholte der 27-Jährige nur die Piratenparolen vom bedingungslosen Grundeinkommen und der Umgestaltung des Sozialsystems, denn "katastrophaler als jetzt kann es nicht werden". Frickes trockener Kommentar: "Dann gehen Sie mal ins europäische Ausland." Womit dann mal wieder ein neuer Seitenpfad der Debatte betreten worden war …

Zumindest unterhaltsamen Charakter

Und so hüpfte die Runde von den mehr als zwei Billionen Euro Staatsschulden Deutschlands zu den kostspieligen Wahlversprechen der Piraten, von Plattitüden der Verbandsvorsitzenden der "Jungen Unternehmer" Marie-Christine Ostermann zur Haushaltskonsolidierung – Reformen des Steuersystems und der Sozialversicherung, Wachstum, Arbeitsplätze und was es da noch so alles an Schlagworten gibt – zur Atomisierung der FDP. Natürlich wurde auch eine mögliche Erhöhung des Spitzensteuersatzes angerissen – "Wird dadurch automatisch weniger Geld ausgegeben?" fragte Fricke. "Wir haben am Ende immer nur mehr Geld ausgegeben, wenn wir mehr eingenommen haben: Das funktioniert nicht." Und im Übrigen können sich ja jeder Superreiche, der sich zu niedrig besteuert fühle, finanziell engagieren.

Dann durfte Lauer nochmal seinen tollkühnen Vorschlag aus dem Berliner Abgeordnetenhaus wiederholen, doch einfach die Deutsche Oper zu schließen und die 37 Millionen Euro Subventionen an freie Künstler zu verteilen. Und Sozial-Pfarrer Franz Meurer predigte immer wieder Investitionen in Bildung und wetterte gegen "eine Gesellschaft, die zu wenig auf Hirn setzt und zu viel auf Geld". Ein wenig mehr strukturierendes Hirn hätte es auch an diesem Abend gebraucht – aber vielleicht war die Diskussionsfrage "Sind die fetten Jahre jetzt vorbei?" auch ganz einfach viel zu schwammig und allgemein gehalten.