Europawahl Achtung, Werbespott! Wenn der Filmkritiker die Wahlvideos rezensiert

  • von Oliver vom Hofe
SPD Wahl-Spot: Katarina Barley und Olaf Scholz vor zwei Schachbrettern in Rot und Schwarz
SPD-Wahlspot zur Europawahl 2024: "Bedrohungen in Schach halten" mit SPD-Europa-Spitzenkandidatin Katarina Barley und Bundeskanzler Olaf Scholz
© Screenshot Youtube (SPD-Parteikanal)
Zur Europawahl am 6. Juni hat die EU ein eigenes Filmfestival ins Leben gerufen, gezeigt werden die Werbespots der Parteien im Abend-TV. Wenn man sich diese Kurzfilme mit den Augen des Cineasten anschaut, verraten sie mehr über unser politisches Führungspersonal als jedes Grundsatzprogramm.

Alle Jahre wieder versuchen sich Politiker als Filmemacher und Schauspieler – immer dann nämlich, wenn Wahlen anstehen, wie jetzt zum Europaparlament. In oft nur einer Minute sollen die Kurzfilme die Wähler zurückholen, die zuletzt davongelaufen sind, und solche, die zum ersten Mal wählen dürfen, nicht komplett vergrämen. Wir haben die Spots von fünf Parteien genau unter die Lupe genommen: Wie oscarverdächtig sind die Darsteller, wie knallig die Effekte und was wollen uns diese Werken wirklich sagen?
 

Bedrohungen in Schach halten!

Psychothriller, D 2024, Regie: Lars Klingbeil, 1 Min., Darsteller: Katarina Barley, Olaf Scholz

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Die Handlung: Die Eröffnungssequenz ist schon jetzt ein Doppelwumms der Filmgeschichte: zwei Schachbretter mit schwarzen und blutroten Figuren, auch die Felder sind schwarz-rot. Vertraulich raunt eine eindringliche Frauenstimme aus dem Off: "In einer Zeit, in der Bedrohungen in vielen Feldern lauern, braucht es Entscheiderinnen und Entscheider, die beim ersten Zug schon an den übernächsten denken." Die Mehrdeutigkeit, mit der hier der Begriff "Feld" benutzt wird, hat die Sprengkraft einer Bazooka, doch bevor man sich erholt hat, geht es schon weiter – das Spiel beginnt. Hände ziehen im Sekundentakt die roten Figuren und setzen die schwarzen in einem gnadenlosen Duell schachmatt. Dann ein brutaler Schnitt und die Überraschung: Die beiden Spieler sind Katarina Barley und Olaf Scholz, die eigentlich nur sagen wollen, wie lieb sie sich, die SPD und die SPD-Wähler haben.

Die Darsteller: SPD-Spitzenkandidatin Katarina Barley bleibt in ihrem Filmdebut enttäuschend blass. Es ist der Mann an ihrer Seite, der ihr die Show stiehlt – obwohl er gar nichts macht. Angeblich soll sich Olaf Scholz auf seine Rolle vorbereitet haben, indem er drei Wochen lang einen Salzstreuer studierte: Mit minimalistischem Ausdruck sitzt er den Film aus, bis auf eine Gefühlseruption am Ende, wenn er leise lächelt. Im Fachjargon sagt man dazu: Er unterspielt.

Fazit: Selten wurde die Vergeblichkeit des Seins so nüchtern vorgeführt. Welche Macht bewegt die schwarzen Figuren? Warum an den übernächsten Zug denken, wenn in Deutschland sowieso alle Züge dauernd ausfallen? Fragen, die der Film gar nicht erst stellt. Denn "Bedrohungen in Schach halten" will mehr sein: ein Film über die große Liebe, die unerfüllt bleibt.

Machen, was zählt!

Actionfilm, D 2024, Regie: Ricarda Lang und Omid Nouripour; 1 Min., Darstellerin: Terry Reintke, Nebenrollen: Annalena Baerbock, Robert Habeck, Wladimir Putin, Windräder, Bio-Obst und -Gemüse.

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Die Handlung: Eine Frau im schwarzen Kleid vor grünem Hintergrund knetet sich die Hände, schaut betroffen, dann beginnt sie zu sprechen: "Unsere Welt verändert sich und das macht vielen Menschen Sorgen. Jetzt ist die Zeit, die Probleme unserer Zeit zu lösen." Dann explodiert ohne jede Vorwarnung die Action: Wir sehen Annalena Baerbock mit Bauarbeiterhelm vor Windrädern, Robert Habeck spätnachts mit Sorgenmiene am Schreibtisch. Wir sehen, wofür sie kämpfen: mehr Windräder, Mädchenfußball und ein Tablett mit einem Apfel und einer Paprika. Und dann sehen wir den Feind, sein Gesicht wird in einem dunklen Raum an eine Wand projiziert wie bei einem Briefing für James Bond: Es ist Wladimir Putin. Man hat schon fast die Hoffnung auf ein Happy End aufgegeben, da taucht wieder die Frau mit den knetenden Händen auf: "Dagegen sein ist keine Lösung. Wir machen, was zählt."

Die Darsteller: Terry Reintke beweist als Frau mit den knetenden Händen, dass sie das Schauspiel-Handwerk aus dem Effeff beherrscht. Baerbock und Habeck überzeugen mit glaubwürdiger Trauermiene, Letzterer soll sich sogar eine neue Heizung gekauft haben, um die Sorgenfalten glaubwürdiger darstellen zu können. Es ist jedoch Wladimir Putin, der mit seinem Gastauftritt als Oberbösewicht alle überstrahlt.

Fazit: Endzeit-Action aus den "Grünen"-Studios, wie immer mit perfekt gecasteten Darstellern und furiosen Effekten. Aber Vorsicht: Die Verfolgungsjagd, bei der die Kamera hinter dem Tablett mit dem gesunden Schulfrühstück her hetzt, ist nichts für zarte Gemüter!
 

Streitbar in Europa

Kammerspiel, D 2024, Regie: Bijan Djir-Sarai, 1:30 Min., Darstellerin: Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann-

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Die Handlung: Eine strenge Frau, strenge Schwarz-Weiß-Bilder, strenge Worte: "Wenn man über sich liest ,Boah die Alte nervt'" – dramatische Pause, dann sagt Marie-Agnes Strack-Zimmermann: "Ja stimmt. Ja, ich bin alt und ja, ich nerve". Dazu hagelt es Bilder von Zornesfalten, herabgezogenen Mundwinkeln. Dazwischen noch mehr Bilder: von einem Stachelschwein, von Katzen mit glühenden Augen, einer Ziege, einem Gurkenstand. Die Welt mag bunt und schön sein, aber nicht hier: Dies ist schlechte Laune als Programm, und mit dieser Frau wird sie niemals enden. Vor allem, wenn sie gewählt wird.

Die Darstellerin: Schon jetzt wird sie wegen ihrer intensiven Darstellung einer verbitterten, bösen Frau als Anwärterin auf den Oscar gehandelt: Dr. Marie-Agnes Strack-Zimmermann. Die Grand Dame des Magengeschwürs nutzt die ganze Palette ihrer vielfältigen Ausdrucksmöglichkeiten, von Biestigkeit über Bosheit und Brummigkeit bis hin zur Bedrohung und Beleidigung.

Fazit: Auf die FDP-Studios ist Verlass: innovative Bildsprache und eine alles überragende Hauptdarstellerin, deren Zornesfalte den ganzen Bildschirm ausfüllt. So bestürzend-eindringlich, dass man in Belgien bereits die Evakuierung von Brüssel erwägt, sollte Strack-Zimmermann dort wirklich zur Arbeit antreten. 

In Freiheit. In Sicherheit. In Europa.

Road Movie, D 2024, Regie: Carsten Linnemann, 1:17 Min., Darsteller: Friedrich Merz, Ursula von der Leyen

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Die Handlung: Ein halbes Jahrhundert, nachdem "Easy Rider" das Road Movie prägte, revolutioniert dieser Film das Genre erneut. Groovy Friedrich und Crazy Ursula nehmen uns mit auf einen irren Trip durch Deutschland, auf der Suche nach dem europäischen Traum. Und tatsächlich: Auf ihrem Weg begegnen die dynamischen Zwei vielen ganz gewöhnlichen Menschen, die ihnen aus ihrem ganz gewöhnlichen Leben erzählen. Von Markfreiheit, Reisefreiheit, Redefreiheit, Gewaltfreiheit. Auch die Sinnfreiheit kommt nicht zu kurz, wenn sich am Ende des Films Menschen mit ausgebreiteten Armen um sich selbst drehen und ihre Kinder herumwirbeln.

Die Darsteller: Bisher kannte man Friedrich Merz nur als unterkühlten Mathelehrer aus der Klamotte "Fack ju Habeck". Nun darf er endlich zeigen, dass er noch viel mehr kann: Mit viel Humor und Wärme spielt er hier einen unterkühlten Geografielehrer. Eine Performance, mit der er Ursula von der Leyen zur Stichwortgeberin degradiert. So viel Beinfreiheit muss sein!

Fazit: Guter Stoff, aber leider kommt dieses Road-Movie nicht aus der Garage raus – zwischen den Hauptdarstellern stimmt die Chemie einfach nicht. Aus den CDU-Studios hört man, ein Remake werde für die nächsten Wahlen vorbereitet. Shooting-Star Hendrick Wüst soll bereits für Merz-Rolle vorgesprochen haben.

Der offizielle AfD-Wahlwerbespot

Heimatfilm, D 2024, 1:30 Minuten, keine Regie und kein Drehbuch, Darsteller: Tino Chrupalla, Alice Weidel

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Die Handlung: Das ist wirklich einmalig in der Parteienfilmgeschichte. Die AfD hatte zunächst einen Spot mit ihrem Politikerdarsteller Maximilian Krah gedreht. Doch dann wurden sowohl Spitzenkandidat als auch Film über Nacht zurückgezogen. Für ihn sprangen Tino Chrupalla und Alice Weidel ein und improvisierten den kompletten Streifen. Mutig, leider schlichen sich so zahlreiche Anschlussfehler ein: Immer dann, wenn das Stichwort "Europa" fällt, werden Beamte gezeigt, die Größen von Tiefkühlpizzen vermessen, Asylanten über die Grenzen holen, Verbrenner verbieten und uns unser schönes CO2 wegnehmen wollen. Alice und Tino im Wunderland.

Die Darsteller: Alice Weidel und Tino Chrupalla wirken wie Nebendarsteller in ihrem eigenen Film – erst in den letzten 20 Sekunden tauchen sie überhaupt auf und haben nicht mal Text.

Fazit: Maximilian Krah überschattet den ganzen Film, er ist gerade durch seine Abwesenheit anwesend. Brancheninsider munkeln, dass der Rausgeschnittene als nächstes einen autobiografischen Liebesfilm plant: "Bridget Krah – SS zum Frühstück". 

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