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Charlotte Casiraghi und ihr Netzwerk: Die oberen Zehntausend

Sie sind jung, hübsch und möchten mehr sein als nur die Kinder der Reichen. Dafür betreiben sie ein einmaliges Netzwerk - angeführt von Charlotte Casiraghi.

Von Ulrike von Bülow

Sie ist der Mittelpunkt eines großen Netzwerks der schönen und vor allem reichen Kinder: Charlotte Casiraghi

Sie ist der Mittelpunkt eines großen Netzwerks der schönen und vor allem reichen Kinder: Charlotte Casiraghi

Dieser Artikel erschien in der stern-Printausgabe Nr. 46 am 6. November 2014.

Es kann gut sein, dass sie heute früh in ihrem Ankleidezimmerchen saß und überlegte, was sie tragen soll. Das neue Kleid, das ihre Freundin Margherita Missoni geschickt hat, mit liebsten Grüßen des Modehauses? Und dazu vielleicht ein Teil aus der Gutmensch-Kollektion ihrer Schwägerin? Deren Name klingt wie ein Urlaubsort, aber Tatiana Santo Domingo ist sehr fleißig: Sie macht Mode, die von politisch korrekten Kooperativen in der Dritten Welt gefertigt wird. Dafür wurde sie kürzlich in der UN-Zentrale in New York mit einem "Women Together"-Award prämiert. Die Vereinten Nationen! Juwel im Krönchen der ambitionierten Jetsetterin.

In letzter Zeit schmückten sich etwa Schauspielerin Emma Watson damit oder Designerin Victoria Beckham. Vielleicht hat ja auch Charlotte Casiraghi, 28, irgendwann Lust auf einen Sonderbotschafterposten? Dann, wenn es ihr nicht mehr reicht, zu modeln und Stilikone zu sein? Neuerdings ziert ihr Gesicht die Kampagne zur neuen Make-up-Linie von Gucci. Deren Reitklamotten trägt die passionierte Springreiterin schon länger in Wettkämpfen. Auf dem Cover der "Vogue" sah man sie auch schon. Einen der begehrtesten Männer Frankreichs hat sie sich sowieso geangelt - Comedian Gad Elmaleh, mit dem sie einen Sohn hat. Irgendwann wird es Zeit für den nächsten Schritt.

Und eines ist klar: Was Charlotte auch möchte, sie wird es bekommen.

Die Monegassin ist der Kern einer internationalen Clique, die bestens vernetzt ist. Untereinander, miteinander, übereinander. Es ist nicht ganz leicht, ihren Verbindungen zu folgen, so viele sind es - aber wenigstens landet man am Ende immer bei einem schönen Menschen. Casiraghi, Missoni und Santo Domingo - keine älter als 31 - stammen aus Familien, die so reich sind, dass ihr Vermögen vermutlich ausreichen würde, um Griechenland, Italien und Spanien zu sanieren.

Reich zu sein allein genügt ihnen nicht

Margherita Missoni: feinster Mailänder Modeadel. Tatiana Santo Domingo: Erbin eines kolumbianischen Clans, der mit TV-Stationen und Brauereien zu Milliarden kam, verheiratet mit Charlotte Casiraghis Bruder Andrea. Und Charlotte selbst: Tochter von Caroline von Monaco, der sie den Modeljob verdankt, Caroline ist mit Gucci-Designchefin Frida Giannini gut bekannt. In nur zwei Schritten zur internationalen Kampagne. So geht das.

Es gibt ja die Kleine-Welt-Theorie, nach der jeder Mensch auf diesem Planeten über nur sechs Kontaktschritte mit jedem anderen bekannt ist. Bei Charlotte Casiraghi läuft das weit schneller ab. "Vogue"! UN! Die Windsors!

Nun ist es ja nichts Neues, dass die oberen Zehntausend gern unter sich bleiben und einander, nun, helfen. Aber das Netzwerk von Charlotte Casiraghi scheint besonders reißfest. Es beinhaltet Namen, die schon ihre Großeltern kannten: den der Reedereifamilie Niarchos etwa. Deren Spross Eugenie ist eine Kindheitsfreundin von Charlotte. Sie ist Schmuckdesignerin und trägt gern Klunker in den Ohren, so groß wie Zauberwürfel. Dazu gern mal ein Missoni-Kleidchen, das hilft Freundin Margherita, die dafür Eugenies Schmuck vorführt ...

Es sind vor allem die Töchter, die den neuen Jetset befeuern. Sie sind ihre eigene Modeindustrie und jeweils mit einem Label verbandelt - einem etablierten, dem einer Freundin oder gleich dem eigenen. Fast jedes weibliche Mitglied im Casiraghi-Netzwerk macht irgendwas mit Mode. Da wäscht nicht eine Hand die andere - da trägt eine Frau die andere. Bevorzugt Missoni. Oder High Heels von "Charlotte Olympia", die so spitz sind, dass Charlotte Casiraghi damit auch die Pferdeäpfel ihres Wallachs aufspießen könnte.

Hinter der Marke verbirgt sich die Schuhdesignerin Charlotte Dellal. Sie ist die Schwester von Charlottes ehemaligem Boyfriend Alex Dellal, einem Hot Shot der Londoner Kunstszene. Die Dellals sind wie die Santo Domingos und die Niarchos Luxusnomaden von klein auf, zu Hause nicht an Orten, sondern bei Menschen. Reich zu sein allein genügt ihnen nicht. Sie sind die Anti-Paris-Hiltons, die ihre Welt nicht nur genießen, sondern mitspielen wollen.

Und in dieser Welt kennt irgendwer immer irgendwen.

Nur drei Schritte bis zur mächtigsten Frau der Modewelt

Alex Dellals Familie etwa, reich geworden durch Immobiliendeals des Großvaters, ist mit dem Star-Fotografen Mario Testino befreundet, der seinerseits die weiblichen Dellals wohin bewegte? In die Mode natürlich.

Denn da gibt es nicht nur Charlotte mit den High Heels, sondern auch noch Testinos Patentochter Alice Dellal, die mit einer komischen Frisur bekannt wurde: nicht Voku-hila, sondern Liku-rela, links kurz, rechts lang. Der Patenonkel lichtete sie 2003 für die "Vogue" ab, weshalb sie in den Society-Chroniken als "Topmodel" geführt wird. Was das mit Charlotte Casiraghi zu tun hat?

Nun, über Alex und Alice Dellal lernte auch sie Herrn Testino kennen. Und landete nicht nur in, sondern gleich auf der "Vogue". Dafür machte sie Alice mit Karl Lagerfeld bekannt, dem Busenfreund ihrer Mutter Caroline, der seinerseits Alice Dellal für eine Chanel-Kampagne buchte. Kommen Sie noch mit? Nein? Macht nichts. Nur noch ein Bonbon aus der Casiraghi-Connection: In nur drei Schritten gelangt Charlotte zur mächtigsten Frau der Modewelt: Anna Wintour, Chefin der amerikanischen "Vogue". Deren Tochter Bee ist mit Vladimir Restoin Roitfeld befreundet, der gemeinsam mit Charlotte Casiraghis Bruder Pierre in eine Schlägerei in einem New Yorker Nachtclub verwickelt war. Eugenie Niarchos' Bruder Stavros war auch dabei.

Circle closed, würde man in den USA sagen.

Die Skandale der Eltern halten die Sprösslinge zusammen

Pierre, das jüngste der Casiraghi-Kids, ist Mehrheitseigentümer der Baufirma Engeco, die sein Vater Stefano Casiraghi vor seinem Tod gründete und dank seines Schwiegerpapas Fürst Rainier millionenschwer machte. Pierre ist mit Beatrice Borromeo liiert, einer italienischen Contessa, deren Schwester Lavinia mit dem Fiat-Erben John Elkann verheiratet ist. Beatrice Borromeo ist Journalistin, schreibt unter anderem über die kalabrische Mafia. Die soll schon Drohungen geschickt haben. Pikantes Detail: Pierres Vater Stefano Casiraghi wurde mehr als einmal der Kollaboration mit der Mafia bezichtigt. Man verträgt sich trotzdem.

Es ist nicht nur Geld und Lifestyle, was die Sprösslinge zusammenhält: Es sind auch die Skandale ihrer Eltern. Sex, Drogen, Todesfälle - jeder trägt irgendein Familiendrama mit sich herum. Und weil alle solche Geschichten erzählen könnten, tun sie genau das nicht. Jedenfalls nicht Außenstehenden. Hier gilt, wie bei der Mafia auch, die Omertà, absolute Verschwiegenheit. Von Andrea Casiraghi etwa, Pierres und Charlottes großem Bruder, ist fast nichts bekannt, außer dass er sich um seinen Sohn Sacha kümmert, wenn Ehefrau Tatiana Santo Domingo in Afrika Klamotten einkauft. Er fungiert für das Netzwerk seiner Schwester eher als Katalysator. Aber das braucht jeder moderne Motor. So erschließt er ihr über seine alte Studienfreundin Caroline Sieber und deren Freundin Emma Watson einen weiteren Kontakt zu den UN.

Nur wenige Schritte. Mehr brauchen manche nicht, um an die Spitze der Welt zu gelangen.

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