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Willkommen in Saint-Rosé! : Wie ich versucht habe, mich an der Côte d'Azur bei den Superreichen durchzuschnorren

Begpacking 2.0: Unser Reporter will Urlaub an der Côte d’Azur machen, ist aber pleite. Kann er sich bei den  Superreichen durchschnorren? 

Von Frederik Seeler

Reporter Freddy hat den Style, aber nicht das Geld. Zum Glück kann man Letzteres mit Ersterem ganz gut faken. Wenn er jetzt noch Heli fliegen könnte ...

Reporter Freddy hat den Style, aber nicht das Geld. Zum Glück kann man Letzteres mit Ersterem ganz gut faken. Wenn er jetzt noch Heli fliegen könnte ...

Als ich im Flugzeug nach Nizza sitze und wir auf der Startbahn stehen, beobachte ich den Mann in der Reihe vor mir. Er sitzt auf 8A, besteht aus wenig Haar und viel Uhr und schaut sich gerade einen schwarzen Porsche Cayenne auf dem iPad an. 68.000 Euro fordert der Verkäufer auf der Gebrauchtwagen-Website. Der Mann guckt aus dem Fenster, dann tippt er schnell: "Bin interessiert. Bitte um Probefahrt, möglichst bald – MfG." Das Flugzeug zieht an, der Mann schließt das iPad und lehnt sich zurück. Ein kleiner Shopping-Erfolg vor dem Take-off. Ich denke mir, genau wie er wirst du es machen am Wochenende. Wenn du Leute um etwas bittest, dann nur im Befehlston, und wenn du in ein Auto steigst, dann nur in einen Porsche Cayenne. Natürlich keinen gebrauchten.

Ich bin auf dem Weg zu dem Ort, wo die Superreichen mit ihren Yachten anlegen, wo niemand dem anderen etwas neidet, weil alle gleich viel haben; gleich viele Millionen auf dem Konto. Der Ort, wo die Reichen Schönheit kaufen können und die Schönen ihre Schönheit zu Geld machen. Dort, wo Menschen sich mit Champagner die Zähne putzen, nur um zu protzen. Ich fahre nach Saint-Tropez, der Ballermann der Millionäre. Das Problem: In meinem Portemonnaie stecken nur 42 Euro und 13 Cent, mehr kann ich nicht ausgeben, und das an einem der teuersten Ferienorte der Welt. Doch so ist der Deal mit der Redaktion. Ich darf an der Côte d’Azur Urlaub machen, muss mich aber durchfüttern lassen. Die Leute dort haben genug Geld, sage ich mir, genug auch für mich. Der Tisch ist bereits gedeckt, die Gläser voll, ich muss mich nur dazusetzen.

Saint-Tropez: Wo die Reichen den Reichen beweisen, wie reich sie sind
Durchschnorren bedeutet nicht automatisch "Begpacken": So heißt es, wenn sich reiche Abiturienten durch arme Reiseländer betteln. Nicht unser Reporter, ganz sicher nicht an der Côte d’Azur

Durchschnorren bedeutet nicht automatisch "Begpacken": So heißt es, wenn sich reiche Abiturienten durch arme Reiseländer betteln. Nicht unser Reporter, ganz sicher nicht an der Côte d’Azur

In Nizza holt mich die JWD-Fotografin Rebecca ab, die meine Schnorrerei dokumentieren soll. Statt in einen Cayenne steigen wir in ihren 15 Jahre alten Nissan Micra, fahren mit offenen Fenstern, weil die Klimaanlage kaputt ist. Ich trage eine goldene Ray-Ban-Sonnenbrille, eine Anzughose und ein Hemd mit Blumenprint. Wer arm ist, darf nicht arm aussehen. Weil das mit dem "Nur-Porsche-Fahren" bereits nicht geklappt hat, setze ich mir neue Ziele: Ich will Champagner trinken, Jetski fahren und in seidener Bettwäsche aufwachen, ohne dafür zu bezahlen. Reichtum, denke ich mir, ist Zufall, ein Würfelspiel des Schicksals, und heute Abend werde ich die Würfel rollen.

#goodlife in Saint-Tropez

Saint-Tropez ist ein Dorf mit 4400 Einwohnern, und hätte die Schauspielerin Brigitte Bardot sich nicht in den Sechzigern von Paparazzi beim #goodlife fotografieren lassen, wäre es womöglich immer noch ein Fischerdorf, das keinen interessiert. Aber stattdessen verkaufen Louis Vuitton und Hermès hier ihre Klamotten, und im Sommer kommen die Reichen auf Yachten, im Privatjet oder Bentley, um Urlaub zu machen, aber auch, um sich und den anderen Reichen zu beweisen, wie reich sie sind.

Wir spazieren am Hafen entlang. Die Yachten parken mit dem Heck an der Kaimauer, und die Touristen stehen davor mit iPhones in der Hand, warten darauf, dass sich endlich ein Reicher auf dem Achterdeck zeigt und etwas Reiches tut.

Es ist wie im Zoo, wenn man vor dem Gehege steht und wartet, dass der Löwe brüllt. Rebecca schlägt vor, ins Hotel Byblos zu gehen, dem exklusivsten der Stadt. Vielleicht fände ich da eine reiche Geschäftsfrau, die nur auf ein zartes Stück Jungjournalist wartet. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, meinen Körper für eine Nacht in Seidenbettwäsche zu verkaufen. Gleichzeitig bedeutet Lohnarbeit eigentlich immer,  seine körperliche Leistung für ein paar Stunden an den Meistbietenden zu versteigern.

Das Hotel Byblos liegt am Rande des Dorfes; ein flacher, ockerfarbener Bau, der keine Blicke ins Innere zulässt. Mick Jagger ist angeblich Stammgast und auch die Sängerin Cher. Ich laufe wie selbstverständlich an der Rezeption vorbei. Ein wahres rich kid schaut das Dienervolk nicht an. Ich schlendere in den Innenhof, setze mich auf einen Liegestuhl am Pool. Die Palmen nicken im Wind, die Sonnenstrahlen spielen auf dem Wasser. Sofort eilt ein Kellner herbei und fragt, was er mir bringen darf. "Äh, kleines Wasser, bitte", sage ich und zweifle kurz daran, ob reiche Menschen Wasser trinken.

Neben mir sitzen drei junge Männer in weißen T-Shirts, trinken Cola Zero und spielen Backgammon. Ich lehne mich hinüber und frage, wo man hier feiern kann. Ein blonder Typ schaut mich an. Direkt im Hotel, im Caves du Roy, sagt er. Das sei der edelste Club von ganz Saint-Tropez. "Crazy place." Er gibt mir die Hand, sagt, er heiße Kevin und komme aus Paris. Dann dreht er sich von mir weg und nimmt eine Sprachnachricht auf: "Did you find someone to get you a plane?", fragt er ins Telefon. "If not, I'll ask my guy to take care of it." Erste Lektion im Fach Wohlstandswissenschaft: Die Leute hier sagen nicht "Privatjet". Sie sagen einfach nur "Flugzeug". Denn wenn Kevin aus Paris in einem Flugzeug fliegt, dann ist es selbstverständlich kein Linienflieger. Er wendet sich wieder seinem Backgammon-Spiel zu und trinkt seine Cola Zero leer. Der Kellner bringt ihm eine neue und legt mir die Rechnung für meine Wasser auf den Tisch. Zwei 0,2-Liter-Flaschen mit Kohlensäure: 18 Euro. Ich öffne mein Portemonnaie und gebe ihm die Hälfte des Geldes, das ich bei mir trage. Als ich weggehe, höre ich, wie Kevin und seine Freunde lachen.

Jetski für einen Tag? Zwischen 5000 und 6000 Euro

Im Nissan Micra fahren wir zum nahe gelegenen Strand von Pampelonne. Das tiefblaue Meer liegt vor uns, und Yachten ankern am Horizont. Hier feiern die Reichen tagsüber in privaten Beachclubs. Zwischen den Zäunen sind nur ein paar Meter öffentlicher Strand übrig für den Pöbel.

Ein Mann steht unter einem Sonnenschirm und verleiht Jetskis. "Was kostet ein Jetski für einen Tag?", frage ich ihn. "5000 bis 6000 Euro, je nach Modell", sagt er mit rumänischem Akzent. "Wir liefern sie dafür direkt zu den Yachten." "Ich habe kein Geld. Aber kann ich mal ein paar Minuten damit rumcruisen, 'ne Probefahrt machen?" Zu meiner Überraschung antwortet er: "okay" und lächelt mich an. Ihm scheint es langweilig zu sein, und er hat keine Kunden, zumindest schiebt er mir den Jetski in die Brandung. Ich setze mich drauf, gebe Gas und schieße aufs Meer hinaus. Wellen und Wind kühlen mein sonnenverbranntes Gesicht. Ich halte an und schaue mich um. Ein paar Hundert Meter am Strand entlang verhüllen weiße Tücher einen Beachclub, milder Elektro weht zu mir herüber, ich sehe, wie Champagner aus einer Flasche sprudelt.

Ich habe mein nächstes Ziel.

Rebecca und ich laufen über einen Holzsteg am Türsteher vorbei, ohne ihn anzugucken, und stellen uns an die Bar. Sonnensegel spannen sich über den Holztischen, und Weinflaschen tropfen in Eiskübeln. Ein Kellner trägt eine Languste an mir vorbei. Neben mir sitzen zwei Typen um die 30 auf Holzstühlen im Sand, sie stoßen mit Rosé an. Der eine trägt kurzes braunes Haar, der andere hat das schwarze Haar zurückgeföhnt, und eine goldene Uhr glänzt am Handgelenk. "Gruetzi", sagt er, und ich nicke ihm zu. "Wie ist der Rosé hier?", frage ich und setze mich zu ihm.

Die beiden kommen aus Zürich und sind in ihrem Porsche Panamera nach Saint-Tropez gefahren. Andrea ist 28 Jahre alt und arbeitet als Anlageberater bei der Credit Suisse. Sein Kollege Joseph ist 34, trägt eine verspiegelte Ray-Ban und versucht, ein bisschen wie ein Mafioso zu klingen, wenn er über seinen Job redet. "Sagen wir so, mich rufen die Leute an, wenn sie etwas brauchen: Geld, Autos, Kunst." Während er redet, reibt er sich mit dem Handrücken die Nasenspitze und zieht dann die Nase hoch. Ich fange an zu verstehen, warum er redet, wie er redet.

Wer hier Champagner kauft, kauft vor allem Aufmerksamkeit

Andrea bestellt noch eine Flasche Rosé für 65 Euro und kippt sie auf die Eiswürfel in meinem Glas. Plötzlich wird die Musik lauter, und ein als Superman verkleideter Kellner springt auf den Tisch einiger junger Mexikaner. Er hält eine Magnumflasche Champagner in der Hand: Louis Roederer Cuvée Cristal, 1200 Euro laut Karte. Der DJ spielt "Thunderstruck" von AC/DC, eine Tischfontäne sprüht Funken und beleuchtet die Gesichter der Mexikaner. Am Nebentisch bringen Kellner einer Gruppe Schweden zwölf Flaschen Champagner für mindestens 6000 Euro, dazu Platten mit Wassermelone, Erdbeertörtchen, blutige Steaks. Alle Leute in der Bar schauen jetzt zu ihnen herüber, wie sie den Korken aus der Flasche drücken und sich mit Schaum bespritzen. Wer hier Champagner kauft, kauft vor allem Aufmerksamkeit.

Joseph schenkt mir Rosé nach. Die Flasche Château Miraval für 65 Euro wirkt plötzlich etwas kümmerlich. Er lehnt sich zu mir und sagt: "Weißt du, 90 Prozent der Leute hier haben Depressionen." "Und gehörst du dazu?", frage ich. Er antwortet nicht und winkt den Kellner heran, eine weitere Flasche, bitte.

Dass Geld nicht glücklich macht, wird uns schon als Kind beigebracht. Aber Saint-Tropez bietet den Reichen ein mit Palmen versetztes Labor, um die Aussage zu testen. Eigentlich habe ich mir die Reichen als homogene Masse vorgestellt, aber im Beachclub zeigt sich, wie sehr die Reichen die Schattierungen kultivieren. Da sind die Normalo-Reichen wie Joseph und Andrea, die Porsche fahren und Rosé in Flaschen bestellen. Sie spiegeln ihren Reichtum in meiner Mittelmäßigkeit, indem sie mich einladen. Ein paar Tische weiter sitzen die Superreichen, man könnte sie die Magnum-Reichen nennen, weil sie den Champagner nur in Magnumflaschen bestellen und später mit dem Beiboot zu ihrer gecharterten Yacht  fahren. Mit der Magnumflasche zeigen sie, dass sie besser sind  als die Normalo-Reichen Andrea und Joseph mit dem 0,75-Liter-Rosé. Und dann gibt es noch die Flugzeug-Reichen, die im Byblos sitzen und Backgammon spielen und beweisen, wie reich sie sind, indem sie gar nicht erst in so einem billigen Strandclub abhängen.

Frauen tanzen auf Tischen, Männer zahlen für Champagner

Im Beachclub läuft jetzt die Hymne "Welcome to St. Tropez". Aus den Boxen dröhnt es: "Too much money in the bank account, hands in the air make you scream and shout." Auf den Tischen tanzen Frauen in engen Kleidern. Sie bewerfen sich mit Grapefruitstücken und trinken den Champagner direkt aus der Flasche. Eine Frau durchbohrt mit ihrem High Heel ein Stück Wassermelone. Ein älterer Mann in Kate-Moss-Shirt öffnet eine Magnumflasche und kippt sie der jungen Frau neben sich erst auf den Rücken und dann in die Arschritze. Er streichelt ihr das Bein, und sie versucht zu lächeln. Die Rollen in Saint-Tropez sind klar: Die Frauen tanzen auf Tischen, und die Männer zahlen für Champagner. Das Patriarchat wird hier wohl erst fallen, wenn Frauen gut aussehende Männer dafür bezahlen, ihre Hoden in Crème brûlée zu tunken, nur zu ihrer Belustigung. Die ersten Partygäste taumeln an den Strand und kotzen Hunderte Euro Champagner in den Sand. Andere torkeln zum Ausgang zu ihren Ferraris und Landrovers. Auf den Tischen bleibt ein Panorama apokalyptischer Dekadenz zurück. Zermatschte Erdbeertörtchen, angebissene Steaks und von der Sonne aufgewärmter Dom Pérignon, der längst nicht mehr prickelt.

Auch Andrea und Joseph wirken nach der siebten Flasche Rosé mitgenommen. Andrea bittet mich um Zigaretten, und ich kaufe ihm eine Packung für 20 Euro, weil er kein Bargeld mehr hat. Die Dämmerung kommt und mit ihr die Kälte. Joseph sitzt da und scheint vom Kokain den Verstand verloren zu haben. Er redet wirr vom Holocaust und von Tarnkappenbombern, dass das alles nicht so stimme, wie es uns erzählt wird. Seine Augen sind gerötet. Er müsse sich jetzt hinlegen, sagt Andrea. "Nachher feiern wir weiter im Nachtclub l’Opera am Hafen, kommst du mit?", will er wissen.

Ich bin Jetski gefahren, ich habe Champagner getrunken, ich habe 40 Euro ausgegeben für zwei Wasser und eine Packung Zigaretten. Ich sage zu Rebecca: "Bitte bring mich hier weg." Die Nacht schlafe ich im Nissan Micra. Statt in Seidenbettwäsche wickele ich mich in eine Tischdecke und lege mich auf den Beifahrersitz. Mücken fliegen durchs offene Fenster herein, stechen mir in den schwitzigen Nacken. Zum ersten Mal an  diesem Tag fühle ich mich wohl.

Diese Geschichte stammt aus der 14. Ausgabe von JWD – Joko Winterscheidts Druckerzeugnis. Zu kaufen auch hier.