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Meinung

Angeblich 17-Jährigen missbraucht: Asia Argento als Heuchlerin entlarvt – darum muss #MeToo trotzdem weitergehen

Asia Argento zählt zu den bekanntesten #MeToo-Aktivistinnen des vergangenen Jahres. Jetzt kam heraus, dass sie selbst einen 17-Jährigen sexuell missbraucht haben soll. Für Kritiker ein gefundenes Fressen – doch ihre Argumente ziehen nicht. 

Asia Argento

Asia Argento, eine der #MeToo-Aktivistinnen, soll 2013 einen 17-Jährigen sexuell missbraucht haben. 

AFP

Rose McGowan und Asia Argento – zwei Namen, die stellvertretend für viele Opfer sexueller Gewalt stehen. Beide Frauen beschuldigen Harvey Weinstein, sie sexuell missbraucht, ja sogar vergewaltigt zu haben. Ihre Erzählungen, beeindruckend dokumentiert von Ronan Farrow, haben den #MeToo-Stein im Herbst vergangenen Jahres erst ins Rollen gebracht. 

Jetzt hat die "New York Times" enthüllt: Argento soll 2013 einen 17-jährigen Jungen sexuell missbraucht haben. Damals war sie selbst 37 Jahre alt. Nach Forderungen des Jungschauspielers zahlte die Italienerin im Frühjahr diesen Jahres offenbar 380.000 Dollar Schweigegeld. Kurze Zeit später machte sie sich auf dem Filmfestival in Cannes für die Rechte von Opfern sexueller Gewalt stark. Das Opfer wird zur Täterin – für so manchen #MeToo-Kritiker Grund zur Häme. 

Asia Argento soll 17-Jährigen missbraucht haben

Auf Twitter und in den Kommentarspalten im Netz liest man Sätze wie "Das ist Karma", "welche Ironie" und "MeToo ist vorbei!" Doch auch andere Stimmen werden laut. So mancher stört sich am Alter des mutmaßlichen Opfers, dem heute 22-jährigen Jimmy Bennett. Es sind die gleichen absurden Einwände, die im vergangenen Jahr immer wieder kolportiert wurden. Hätte er sich nicht wehren können? Warum verlangte er erst so viele Jahre nach dem Ereignis Schmerzensgeld? Sie sei doch eine attraktive Frau – warum beschwere er sich überhaupt?

Absurde Vorwürfe, die sich jedes Opfer sexueller Gewalt in den vergangenen Monaten wohl anhören musste. Doch weder die hämische Reaktion, #MeToo sei wegen Argento "erledigt", noch wütende Angriffe auf ihr Opfer ziehen in dieser Debatte – denn beide Positionen sind gleichermaßen falsch.

Argento steht als Heuchlerin da. Doch die Vorwürfe sollten #MeToo nicht untergraben

Dass Asia Argento sich im Wissen ihrer eigenen Vergangenheit selbst zum Gesicht einer weltweiten Bewegung gemacht hat, in deren Zentrum ein so sensibles Thema steht, ist kaum zu verzeihen. Sie hat ihren Mitkämpferinnen wie McGowan und Ashley Judd einen Bärendienst erwiesen. Für alle Opfer und #MeToo-Aktivistinnen sind die Enthüllungen ein Schlag ins Gesicht. McGowan twitterte, ihr Herz sei "gebrochen". Der Vorwurf, Argento sei scheinheilig und eine Heuchlerin, ist deshalb verständlich.

Dabei ändert ihre mutmaßliche Tat nichts am Kern der Diskussion. Im Gegenteil, die Relevanz von #MeToo wird dadurch nur bestätigt. Heute, ebenso wie vor knapp einem Jahr, als die ersten Anschuldigungen gegen Weinstein Hollywood und den Rest der Welt erschütterten, ist eines von enormer Wichtigkeit: Wir müssen endlich den Opfern glauben. Egal welchen Geschlechts, ganz gleich, wie alt sie zum Zeitpunkt des Vergehens waren, oder welche Beziehung sie zu ihrem Täter hatten. Was sie zu erzählen haben, ist wichtig und verdient Beachtung. 

Asia Argento kann gleichzeitig Opfer und Täterin sein. Das eine schließt das andere nicht aus. Sie muss für ihr Vergehen zur Rechenschaft gezogen werden. Doch was Argento Weinstein vorwirft, darf deshalb nicht in Vergessenheit geraten und sollte durch ihre eigene Tat nicht negiert werden. Denn es ändert nichts an dem, was #MeToo aufgedeckt hat: Immer wieder nutzen Menschen in Machtpositionen – in Hollywood und anderswo – ihr Ansehen und ihr Geld, um andere zu missbrauchen. In einer Vielzahl an Fällen geht es dabei um sexuelle Gewalt von Männern gegenüber Frauen. 

Und obwohl der Kampf gegen Machtmissbrauch längst nicht vorbei ist, kann die Debatte der vergangenen Monate schon jetzt einige Erfolge vorweisen: Die Initiative "Time's Up" als Antwort hat sich zum Ziel gesetzt, ungleiche Behandlung und sexuelle Belästigung in allen Arbeitsumfeldern zu bekämpfen und Opfern die Möglichkeit zu geben, sich zu wehren. Auch dann, wenn ihre Peiniger älter, mächtiger, reicher und angesehener sind. In Hollywood, einer traditionell von Männern dominierten Branche, haben sich bekannte und weniger bekannte Schauspielerinnen und Schauspieler vorgenommen, Diversität und Gleichberechtigung zukünftig aktiv einzufordern. Das alles sind Fortschritte, die nicht nur bitter nötig waren, sondern die innerhalb kürzester Zeit erzielt wurden. 

Täter überführen, Opfer zu Wort kommen lassen und ihnen auch zuhören. Bewusstsein verändern. Darum geht es. Was Asia Argento getan haben soll, darf daran nichts ändern. Im Gegenteil. Es wird dadurch nur noch wichtiger. 

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