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Charles Lindbergh: "Auch Helden haben ihre Fehler"

Nach seinem Flug über den Atlantik wurde er von seinen Landsleuten fast wie ein Gott verehrt. Jetzt bekommt das Heiligenbild Risse - Charles Lindbergh soll in Deutschland eine Zweitfamilie gehabt haben. Eine Spurensuche.

Bis vor einer Woche war der VW nicht mehr als ein altes Auto. Zwar das eines weltberühmten Mannes, aber ohne Geheimnis. Vier Jahre vor seinem Tod brachte er es dorthin, wo sein Leben begonnen hatte. Nach Little Falls, Minnesota. Hier, am Ufer des Mississippi, steht das Holzhaus, in dem er aufgewachsen ist, daneben ein kleines Museum. Auf einem Podest der Wagen. Hinter Glas liegen Schraubenschlüssel, ein Kehrbesen, eine Taschenlampe. Außerdem eine Schaufel, ein Löffel, Konserven mit Fleisch, Sardinen und Bohnen. Und eine Luftmatratze.

Auf Texttafeln steht, Charles Lindbergh habe den Käfer 1959 gekauft, die halbe Welt damit bereist. Europa, den Nahen Osten, Afrika, die USA. Es steht dort auch, wie praktisch er es fand, dass man ihn wunderbar einfach in ein Bett verwandeln konnte, nur den Vordersitz musste man rausnehmen. Mehr als 100 Nächte habe er im Laufe der Jahre darin verbracht. Auch ein Familienauto sei es gewesen. Er und seine Frau hätten es benutzt, wenn sie in ihrem Chalet in der Schweiz waren. Charles Lindbergh und die Schriftstellerin Anne Morrow waren 45 Jahre verheiratet, von 1929 bis zu seinem Tod.

Es ist ein aufregendes, bewegtes Leben, das in Little Falls zu besichtigen ist. Über einen Menschen, den die Welt zu kennen glaubte. Über den es Hunderte von Biografien, Filmen und Liedern gibt. Im vergangenen Jahr wurde die Ausstellung überarbeitet, pünktlich zu Lindberghs 100. Geburtstag. Noch einmal wurde indexiert, katalogisiert, erforscht; auch das Kapitel Lindbergh and the Third Reich. Da gibt es ein Foto aus dem Jahr 1938. Lindbergh erhält von Hermann Göring das "Verdienstkreuz Deutscher Adler" - auch dass er die Medaille nicht zurückgab, ist zu lesen. Nichts sollte ausgelassen werden.

Und nun taucht plötzlich diese Geschichte auf. Von drei Deutschen, die einen Teil ihrer Kindheit in eben jenem VW verbracht haben wollen. Mit ihrem angeblichen Vater - Charles Lindbergh. Die davon erzählen, wie sie während eines Gewitters im Wald saßen und er ein Essen zubereitete, mit dem, was er im Auto hatte. Von Urwald und Savanne habe er berichtet, mit den Ohren gewackelt, und seine Schuhe seien so groß gewesen, dass Puppen hineinpassten. 112 Briefe soll er ihrer Mutter geschrieben haben, alle paar Monate habe er sie besucht. Sein Pseudonym sei Careu Kent gewesen. Die mutmaßliche Tochter, die die Sache öffentlich gemacht hat, lebt inzwischen in Paris, ausgerechnet dort. Dem Ort des Triumphs. Dem Ort, in dem Charles Lindbergh im Mai 1927 landete. Nach 33 Stunden und 30 Minuten über dem Ozean, am Tag, als die ganze Welt vor dem Radio saß und man in den USA die Marseillaise spielte.

Lucky Lindy. 25 war er damals, ein junger Gott, blond und groß, Held von Generationen. Der "einsame Adler", hieß es ehrfürchtig. Seine Landsleute verglichen ihn mit Columbus und Jesus. Nach seiner Rückkehr wurde er mit einer riesigen Konfettiparade begrüßt, bei seiner Reise durchs Land stand halb Amerika am Straßenrand. Millionen Briefe kam en. Lindbergh sagte, er sei "ein Bote zwischen Europa und Amerika".

Rund 150 Besucher kommen täglich in die Gedenkstätte in Little Falls. Ein paar fragen vorn an der Kasse, was sie von der Sache halten sollen, sie haben es in der Lokalzeitung gelesen. "Three kids, somewhere in Bavaria?" Alles Spekulation, man wisse selbst nichts, sagt die junge Museumsführerin. Es fällt ihr schwer genug, den Namen der Zeitung auszusprechen, die den Fall aufgedeckt hat: "The Sueddeutsche Zeitung". Sie hat den Artikel im Internet gesucht. Verstehen kann sie es nicht, was dort steht. Vom Ammersee und Brigitte Hesshaimer, gut 20 Jahre jünger als er, einer Hutmacherin, die nach einer Tuberkuloseerkrankung ein Bein nachzieht. Von einer Liebesgeschichte, die im Jahr 1957 begonnen und bis zu Lindberghs Tod gehalten haben soll. Brian Horrigan, der Kurator, sagt, er wisse nicht, ob man die Ausstellung ändere, falls sich die Sache als wahr erweise. "Ich bezweifle es ein bisschen, aber man müsste ganz von vorn nachdenken. Sicher gäbe es Empfindlichkeiten."

Millie und Glen Kraywinkle

wollen von all dem nichts hören, Vaterschaftstest hin oder her. "Falls es stimmt, würde ich es einfach verdrängen", sagt Millie, eine resolute Dame in Türkis. Aber es sei ohnehin nicht wahr. "Ekelerregend ist das", ruft sie. "Lindbergh wäre der Letzte, der so etwas täte. Seine arme Familie." Ihr Mann Glen ist 84. Als Lindbergh über den Atlantik flog, war er acht. "Niemand hat mein Leben so berührt wie er." Millie nickt. Sie ist seit 62 Jahren seine Frau. Wenn Glen von Lindberghs Mut spricht, kommen ihm die Tränen. "Er hat das alles allein getan. Er hat das Flugzeug konstruiert, ist alleine geflogen, hat geschafft, was alle für unmöglich hielten." Er verkörpere alles, was Amerika groß mache: "Pioniergeist, Stolz, Bescheidenheit."

Außerhalb von Little Falls

ist der Held deutlich umstrittener. Das hat mit seiner Nazi-Liebäugelei zu tun und damit, dass er in den vierziger Jahren gegen den Kriegseintritt der USA war. Und da ist die Sache mit dem Baby. Dem eineinhalbjährigen Sohn, der im Jahr 1932 unter mysteriösen Umständen aus seinem Bett verschwand und zwei Monate später halb verwest in der Nähe des Hauses aufgefunden wurde. Verschwörungstheoretiker behaupten bis heute, ein Familienmitglied, vielleicht gar Lindbergh selbst, hätte den Tod zu verantworten. Die Ermittlungen führten damals zur Verhaftung von Richard Hauptmann, einem deutschen Immigranten, der die Tat bis zuletzt bestritt. Er wurde 1935 hingerichtet, nach einem Indizienprozess, der sich stark auf Lindberghs Aussage stützte.

Mindestens ein Dutzend Männer haben sich im Lauf der Jahrzehnte gemeldet, die sagen, sie seien das entführte Baby. Auch damit hat es zu tun, dass die US-Medien auf die neuerliche Meldung vermeintlicher Lindbergh-Kinder zurückhaltend reagieren. Anders als die meisten deutschen Zeitungen, die die Vaterschaft offenbar als erwiesen ansehen.

Die Lindberghs bekamen

nach dem Tod des Babys fünf weitere Kinder: Jon, Land, Scott, Anne und Reeve, die jüngste Tochter - geboren 1945. Dass im Jahr 1958 ein Halbbruder mit dem Namen Dyrk und später eine Astrid und ein David im fernen München zur Welt gekommen sein sollen, kommentierte die Familie bisher nicht. Dabei werde es zunächst auch bleiben, sagt Marlene White, Geschäftsführerin der Lindbergh-Stiftung, deren Präsidentin Tochter Reeve ist. Der Satz, mit dem diese in der "Bild" zitiert worden war ("Was die drei Deutschen da behaupten, ist Nonsens"), ist laut White eine Erfindung. Angeblich befasse sich die Familie gar nicht mit dem Thema. "Es ist ja wirklich nicht das erste Mal, dass Leute behaupten, Charles Lindbergh zum Vater zu haben."

Unklar ist manches. Dyrk Hesshaimer erinnert sich in der "SZ" an den letzten Besuch von Careu Kent im Jahr 1973. Damals sei der Mann bereits so krank gewesen, dass er einen platten Reifen an seinem VW nicht mehr habe reparieren können. Er, Dyrk, habe es getan. Zu dem Zeitpunkt stand der VW jedoch bereits seit drei Jahren in Minnesota. Die vermeintliche Tochter Astrid behauptet, sie habe einen Brief an A. Scott Berg geschrieben, der für seine Lindbergh-Biografie den Pulitzerpreis bekam. Der Autor habe nicht geantwortet. Berg sagte dem stern, er habe einen solchen Brief nie bekommen. "Ich höre zum allerersten Mal von der Sache - sonst wäre ich dem natürlich nachgegangen."

Zeitlich halte er ein derartiges Vehältnis für möglich. Lindbergh war in den letzten 30 Jahren seines Lebens ständig unterwegs. Oft sei er in Deutschland gewesen. In seinem Buch beschreibt Berg die große Einsamkeit von Anne Lindbergh, die monatelang in ihrem Haus in Darien, Connecti-cut, auf Charles wartete. Von 1956 bis etwa 1958 habe sie einen Liebhaber gehabt, enthüllte er - eben die Zeit, in der Charles angeblich der Münchner Hutmacherin den Hof gemacht haben soll. Sehr sicher ist Biograf Berg, dass Lindbergh eine Affäre mit einer Filipina gehabt habe. Hinweise auf weitere Liebeleien habe er nicht gefunden. Aber er habe sie nie ausgeschlossen. Außerdem habe er Gerüchte gehört, dass es eine weitere Frau gab. Wer ihm das sagte, verrät er nicht. Niemand aus der Familie jedenfalls. "Ich hatte es aus vierter Hand." Die Verbindung zwischen Anne und Charles sei kompliziert gewesen. "Aber es war immer eine große Liebe. Eine große Liebe zwischen zwei sehr unabhängigen Menschen."

Alles, was er über die nun aufgetauchten Briefe

nach Deutschland gehört habe, klinge authentisch. Auch die Verwendung des Pseudonyms passe zu Lindbergh - häufig habe er den Tarnnamen Rubin Lloyd verwandt. Lindbergh habe die Öffentlichkeit gemieden, wann immer es ging. Verkleidet habe er sich auch, mit Sonnenbrille und Hut. Berg sagt, er halte es insgesamt für gut möglich, dass ein Kontakt zu Brigitte Hesshaimer und ihren Kindern bestanden habe. Nur an eine Vaterschaft glaubt er nicht.

Aber: "Ich glaube gern, dass ihre Mutter ihnen gesagt hat, Charles Lindbergh sei ihr Vater. Ich weiß nichts über die mentale Verfassung dieser Frau. Es war sicher nicht leicht, in den fünfziger Jahren drei Kinder ohne Vater großzuziehen." Glaubt er, dass die amerikanischen Lindbergh-Nachkommen für einen DNA-Test zur Verfügung stünden? "Ich kann nicht für sie sprechen. Aber es würde mich wundern. Warum sollten sie?"

Was ihn an der heimlichen Vaterschaft

zweifeln lasse, sei besonders die Tatsache, dass die vermeintliche Geliebte Tuberkulose hatte. "Lindbergh hat seinen Kindern ständig gepredigt, wie sorgsam sie bei der Auswahl ihrer Sexualpartner sein sollten. Sie dürften nie das genetische Erbe vergessen, die natürliche Auslese."

Das sagt auch Russell Fridley, 75, jahrzehntelang Direktor der Historischen Gesellschaft von Minnesota und ein Freund der Familie. Er erinnert sich an eine Rede, die Lindbergh 1971 gehalten habe: "Da hat er gesagt, dass man den genetischen Pool dadurch schwäche, dass man Menschen am Leben erhalte, die nicht am Leben sein sollten." Bis zu seinem Tod habe er an die Überlegenheit der Nordeuropäer geglaubt, speziell die Deutschen habe er bewundert. "Aber eine hinkende Frau, die Tuberkulose gehabt hatte?" Fridley lacht. Er glaubt es nicht. Über Frauen hätten sie nie gesprochen. Wenn Lindbergh von seinen Reisen wiederkam, habe er von Blauwalen erzählt und Steinzeitmenschen. "Da wär ich doch nicht auf die Idee gekommen zu fragen, ob er vielleicht auch eine Frau getroffen hat." Und wenn er doch eine getroffen hat? "Dann würde ich denken, auch Helden haben ihre Fehler."

Vor einigen Jahren schrieb Reeve Lindbergh über ihren Vater im "Time Magazine": "Als ich ihn am besten kannte, spät in seinem Leben, flog er wieder um die Welt, so wie er es in jungen Jahren getan hatte, aber diesmal, weil es um bedrohte Arten, unentdeckte Orte und Naturvölker ging." Vielleicht war es so. Vielleicht auch ganz anders. Vielleicht hat ihn niemand wirklich gekannt, den einsamen Adler.