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Ex-Radsport-Idol: Jan Ullrichs Freundin spricht im stern: Exklusiver Einblick in sein Leben mit neuen Freunden

Einst war Jan Ullrich einer der größten Sportstars der Nation, heute macht er die schwerste Krise seines Lebens durch. Und ausgerechnet jetzt suchen Menschen seine Nähe, die möglicherweise mehr an seinem Geld interessiert sind als an ihm.

Von Joachim Rienhardt

Jan Ullrich

Am Vorabend ist Jan Ullrich kurz vor Mitternacht eingeschlafen, mitten im Telefonat mit seiner Freundin Elizabeth. Er lag im Bett in der Betty-Ford-Entzugsklinik in Bad Brückenau. "Er sagte, er sei sehr müde. Dann fiel ihm das Handy aus der Hand, und weg war er", sagt die Frau, die der einzige deutsche Sieger der Tour de France nun als die dritte große Liebe seines Lebens bezeichnet.

Es dauerte vier Stunden, bis sich Jan Ullrich wieder meldete. "Good morning, honey", schrieb er per Whatsapp, weil sie seinen Anruf nicht gehört hatte. "Er hat vier Stunden am Stück geschlafen. Das ist für ihn rekordverdächtig", sagt Elizabeth. Zwei Stunden später, früh um sechs, erreichte sie sein Video-Anruf aus dem Innenhof der Klinik. "Er hat mir seine Mitpatienten gezeigt und war guter Dinge. Gleich danach ging er ins Fitnesscenter und in die Sauna."

4500 Euro Monatsmiete

Elizabeth Napoles hat zum Dinner in Portixol, einem In-Viertel von Palma de Mallorca, ein langes, olivgrünes Kleid mit Spaghettiträgern angezogen. Ihre Arme wirken zerbrechlich, so dünn sind sie. Sie hat in den fünf Monaten, die sie an der Seite von Jan Ullrich ist, fünf Kilo abgenommen. Mit ihren 1,65 Metern wiegt sie noch 38 Kilo. Die 34-Jährige hat Tränen in den Augen. Bunte Blätter haben die Kubanerin als Escort-Girl bezeichnet. "Aber ich liebe Jan. Ich bin die Einzige, die ihm noch Wärme gegeben und in den schlimmsten Momenten geholfen hat. Wäre ich nicht bei ihm gewesen, wäre er vermutlich bereits tot."

Jan-Ullrich-Freundin Elizabeth Napoles

Elizabeth Napoles steht mit Jan Ullrich in engem Kontakt

Elizabeth Napoles hat so nah wie niemand sonst die letzte Phase des Absturzes eines der größten deutschen Sporthelden erlebt. Kaum einer war im Olymp der Athleten so weit oben wie er, und kaum einer ist so dramatisch gefallen wie das einstige Rad-Idol. Selbst die Affären des Boris Becker wirken im Vergleich zu Ullrichs Drama wie ein Kindergeburtstag.

Der Dopingskandal, der 2006 mit dem Ausschluss aus der Tour de France seinen Höhepunkt erreichte, war nur die Ouvertüre für den Niedergang. Es folgten Alkohol- und Drogenexzesse, Unfälle im Vollrausch, Entziehungskuren, Rückfälle und schließlich die Flucht nach Mallorca. Hier wollte er sich und seine Ehe retten, ein neues Leben beginnen. Doch die Insel wurde vollends sein Tor zur Hölle. Hier geriet er zudem in die Fänge eines windigen Geschäftsmannes, von dem noch zu reden sein wird: Gerd K., der sein Geld mit undurchsichtigen Anlagegeschäften und Wunderheilmaschinen verdient. Auf Jan Ullrich scheint er übergroßen Einfluss zu haben. Der gab sich vergangenes Wochenende im Gespräch mit dem stern selbstkritisch. "Langsam sehe ich klarer, was ich in den letzten viereinhalb Monaten angestellt und welche Narben ich hinterlassen habe", sagt er und verspricht einen Neustart.

Wie viele Aussteiger, die auf Mallorca ihr Glück suchen, wähnte sich Ullrich anfangs im Paradies. Sonne, blauer Himmel und kein Nebel wie am Bodensee, dem er entfliehen wollte. Sein Domizil wählte er standesgemäß. Die Finca beim Dörfchen Establiments, gut zehn Kilometer nördlich von Palma, steht auf fünf Hektar Grund und hat eine Wohnfläche von 400 Quadratmetern. Ein Anwalt hatte sie vor 38 Jahren für seine Familie gebaut, 14-Meter-Pool inklusive. Bislang war er sehr zufrieden mit seinem prominenten Mieter. Ullrich bezahlte ein Jahr im Voraus. Dafür bekam er fünf Prozent Nachlass auf die 4500 Euro Monatsmiete.

Georges Kern, einst Manager beim Sponsor Tag-Heuer

Georges Kern, einst Manager beim Sponsor Tag-Heuer

"Jan liebt Mallorca. Seine Finca ist sein Nest. Da fühlt er sich wohl", sagt Elizabeth Napoles, die sich bislang keinem Journalisten anvertraut hat. Sie arbeitete noch in einem Touristencafé auf Kuba, als Ullrich vor zwei Jahren mit seiner Familie nach Mallorca zog. Da war Ullrich, Jahre nach dem Dopingskandal, wieder salonfähig. Ihm standen viele Türen offen, man ließ sich gern mit ihm sehen. Unternehmer, Banker, Sportgrößen wie Miguel Indurain, Rafael Nadal, Boris Becker. Mit der Familie des einstigen Tennisspielers Charly Steeb verband ihn ebenso eine Freundschaft wie mit Til Schweiger, seinem Nachbarn auf der Insel.

Jan Ullrich blieb nicht trocken

Ullrich tat alles, um seinen drei Söhnen ein traumhaftes Leben zu ermöglichen. Fußballfeld, Basketballkörbe, Trampolin, zwei motorisierte Tauchhilfen, Seabobs genannt – die Finca glich einem kleinen Vergnügungspark. Oliven-, Mandel- und Orangenbäume schützen die Bewohner vor neugierigen Blicken. Am Briefkasten am Tor steht nur: "Fam. U". Enge Freunde sagen, er wäre wohl ein perfekter Kindergärtner geworden, wenn sein Talent und seine Leidenschaft fürs Radfahren nicht so außergewöhnlich gewesen wären.

Auch dafür war das Anwesen der ideale Standort. Das Gebirge Tramuntana, perfektes Terrain für Radsport-Enthusiasten, beginnt direkt an der Grundstücksgrenze. "Er hätte mit Bike-Camps und Radausfahrten locker 20.000 oder 30.000 Euro im Monat machen können und keinen Cent von seinem Vermögen anpacken müssen", sagt Guido Eickelbeck, 52. Der ehemalige Radprofi führt Kunden seiner Firma VIP-Cycling auf Insider-Routen, spult immer noch 20.000 Kilometer im Jahr auf dem Rad ab. "Wir dachten auch daran, zusammen ein Jan-Ullrich-Café für Radler aufzumachen", sagt Eickelbeck. "Das wäre eine Gelddruckmaschine geworden."

Diskret und teuer: Die Betty-Ford-Klinik in Bad Brückenau ist beliebt bei Prominenten, die ihre Sucht überwinden wollen

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Jan Ullrich war 18, als ihn Eickelbeck, Anfang der 90er Jahre auch Manager eines Amateurteams, in die Mannschaft holte. "Als ich ihn zum ersten Mal auf dem Rad sah, wusste ich: Das ist ein Jahrhunderttalent." Gleich im ersten Jahr wurde Ullrich Amateur-Weltmeister. "Er konnte alles: Sprint, Berge, Zeitfahren", schwärmt Eickelbeck. "Und er hat nie über Schmerzen geklagt. Er hat einfach draufgetreten. Er hat mit den Beinen gesprochen."

Doch im Laufe der Jahre wurde nicht nur sein übergroßes Talent augenfällig. Insider wussten, dass Jan Ullrich, Sohn eines Alkoholikers, schon während seiner aktiven Zeit zu viel trank. Als er 2002 in Freiburg unter Einfluss von Alkohol mit seinem Porsche einen Verkehrsunfall verursachte, war das auch der Öffentlichkeit nicht mehr zu verheimlichen. 2010 unterzog er sich einer ersten, erfolglosen Entziehungskur. Die zweite absolvierte er, nachdem er 2014 in der Schweiz mit 1,8 Promille zunächst in einen stehenden Citroën gefahren und dann gegen einen Alfa Romeo geprallt war.

Sein langjähriger Freund, der Ski-Slalom-Weltmeister Frank Wörndl, brachte Ullrich wieder aufs Fahrrad. Sie trainierten zusammen und fuhren den Ötztal-Marathon, mehr als 5000 Höhenmeter, verteilt auf 238 Kilometer. Doch Jan Ullrich blieb nicht trocken. Und schon seit seiner ersten Kur schluckte er Elvanse, ein Amphetamin, das ihm die Ärzte in der Schweiz verschrieben hatten.

Die alten Wegbegleiter sind in Sorge um Ullrich. Lance Armstrong (r.) und Ski-Weltmeister Frank Wörndl (M.) beim Besuch in Bad Brückenau

Die alten Wegbegleiter sind in Sorge um Ullrich. Lance Armstrong (r.) und Ski-Weltmeister Frank Wörndl (M.) beim Besuch in Bad Brückenau

Aufgedunsenes Gesicht

"Die Tabletten haben ihm den Schlaf geraubt und ihn aggressiv gemacht", sagt seine Freundin Elizabeth. "Wenn er nichts genommen hat, war er der liebste Mensch der Welt." So wie an dem Abend vor fünf Monaten, als sie ihn in einem Restaurant kennengelernt habe. "Er hat mir gleich eine Blume gepflückt und mich vier Tage später auf seine Finca eingeladen." Vier Wochen später sei sie dort eingezogen und habe sich zusehends über das Treiben auf dem Anwesen gewundert.

Anfangs gingen sie aus zum Essen, machten Ausflüge mit der Yacht eines Freundes. Aber an manchen Tagen soll er bis zu 15 Tabletten genommen haben. Dann bombardierte er mitten in der Nacht Freunde, die ihm helfen wollten, mit endlosen SMS, beschimpfte sie. Das Ausmaß der Tragödie wurde vielen trotzdem erst bewusst, als Ullrich zwei Tage vor einem heftigen Streit und einem Polizeieinsatz auf der Finca von Til Schweiger ein Video drehte, mit dem er seinen eigenen Verfall persönlich dokumentierte.

Wo sind denn meine Freunde?", sagt er da. "Ich bin nachts immer wach, weil ich nicht schlafen muss. Hier braucht nur einer keinen Schlaf, obwohl er am meisten säuft – und das bin ich." Aufgedunsen im Gesicht und mit wirrem Blick spricht er in die Kamera. Er berichtet von dem Versuch, in neun Stunden 999 Zigaretten zu rauchen. "Ich denke, ich bin Weltmeister. Was wollt ihr, ihr Ameisen. Bin ich tot? Nein, ich bin nicht tot. Ihr kleinen Helfer-Friends – ihr könnt mich am Arsch lecken." Hundertfach hat er den Film per Whatsapp an sämtliche Kontakte in seinem Telefon verschickt. Inzwischen geistert der Clip in der ganzen Welt von Handy zu Handy, als wäre er ein Katzenvideo. Jan Ullrich hat alles getan, sich selbst die Würde zu nehmen, die ihm die Freunde bis zuletzt retten wollten.

Gute Freunde wie Georges Kern, 53, der sich früh um neun Uhr in Palma in den Sattel seines Rennrads schwingt, um mit Guido Eickelbeck und dessen erlesener Kundschaft zu einer geführten Runde zu starten. Kern war Deutschland-Geschäftsführer des Uhrenherstellers Tag-Heuer, einer von Ullrichs Sponsoren, als der noch Sportheld war. Zusammen mit Boris Becker und Franziska van Almsick war er der beste Werbeträger der Edelmarke.

"Die Hemmschwelle, Pillen zu nehmen, ist bei Radfahrern viel niedriger als bei anderen Sportlern", sagt Kern, während er auf seiner Rennmaschine mit Tempo 35 an der Kathedrale von Palma vorbeisurrt. Jan Ullrich selbst hat oft erzählt, dass er bereits als 14-Jähriger in der Fördergruppe des DDR-Sports Pillen bekam. "Der Arzt sagte mir: Nimm das, das tut dir gut." Er wusste nicht, was er da schluckte.

Das Leben lernen

Was immer es damals oder später war: Es machte ihn noch schneller und führte ihn in das surreale Dasein von hoch bezahlten Spitzenathleten. Reisen rund um die Welt, Privatjets, Luxushotels, Training, Rennen, Sponsorentermine. "Diese Sportler müssen sich um nichts kümmern. Ihnen wird alles abgenommen", sagt Kern. "Die wissen nicht, was Geld oder was eine Kreditkarte ist." Und niemand bereite sie auf das Leben nach der Karriere vor. "Eigentlich müssten alle erst einmal ein Seminar besuchen. Thema: Das Leben lernen", sagt Kern. Natürlich hat Jan Ullrich nie ein solches Seminar besucht. Und mit dem Dopingskandal und dem Ausschluss von der Tour de France war sein altes Leben mit einem Schlag pulverisiert.

Geschätzte 50 Millionen Euro hat der Radprofi während seiner Laufbahn verdient. "Doch dann war die Geld-Pipeline urplötzlich zugedreht", sagt Kern. Mit dem Karriereende kam die gesellschaftliche Ächtung. "Ich war der einzige Vertreter all seiner Sponsoren, der ihn persönlich angerufen hat", sagt Kern. Ullrich wurde vom Hof gejagt wie ein Aussätziger. Und die Medien zerpflückten ihn so, wie sie ihn einst gefeiert hatten.

"Jan hat mir gesagt, dass er in die Schweiz ging, weil man ihn in Deutschland nicht in Ruhe ließ", sagt seine Freundin Elizabeth beim Abendessen in Portixol. Doch in der Schweiz sei es ihm nicht besser ergangen. "Er war auf Mallorca, um hier seine Ruhe zu finden." Ullrich klang euphorisch, als er bei den Direktoren der besten Hotels vorsprach, mit denen er für seine Promiausfahrten zusammenarbeiten wollte. Aber die Sucht, seine Liebe zum Wein, ließ ihn nicht los.

Seine Frau Sara, eine energische Allgäuerin, wies ihn immer wieder in die Schranken. Und immer wieder kam es zum Streit, wenn er zu viel trank. Manchmal schnappte er im Suff einen seiner Jungs und fuhr mit ihm in seinem Touareg davon, obwohl er seit dem Unfall in der Schweiz keinen Führerschein mehr besaß.

Aufs Rad stieg er selten. Das linke Knie schmerzte, ein Problem mit Knorpel und einer Zyste im Innenmeniskus. Statt selbst zahlungskräftige Klientel in die Berge zu führen, schloss sich Ullrich seinem Freund Guido Eickelbeck und dessen Kundschaft an. Zuletzt vor einem Jahr. 80 Kilometer, 28er Schnitt – es war Jan Ullrichs letzte Tour.

"Scharlatan"

"Er hatte noch ganz gute Beine", sagt Johnny Ronan, 64, ein irischer Immobilien-Tycoon, während einer Runde mit Eickelbeck. Er sei beeindruckt gewesen von der Freundlichkeit Jan Ullrichs, der ihn auch zu sich auf die Finca eingeladen habe. Ehefrau Sara war da bereits mit den Söhnen zurück ins Allgäu gezogen. Sie hatte alles getan, um die Familie zusammenzuhalten, jetzt galt es, die Kinder zu schützen. Dem Vermieter sagte sie, sie müsse sich um ihre kranke Mutter kümmern.

"Sie ist mir aus dem Herz gesprungen", sagt Jan Ullrich vergangenen Samstag dem stern. "Mein Körper ist aus Stahl. Aber ich bin sehr emotional. Wenn mein Herz verletzt wird, dann ist es, als ob die Sonne explodiert." Zwei Tage vor dem Telefonat war er bei der Kernspintomografie, um sein Gehirn untersuchen zu lassen. Das Ergebnis sei gut, es gebe keine bleibenden Schäden. Ullrich zeigt Galgenhumor. "Wo ein Vakuum ist, kann nichts kaputtgehen", sagt er.

Nachdem seine Frau ihn 2017 verlassen hatte, erzählen Freunde, habe Jan Ullrich rund 800.000 Euro Bargeld von der Bank geholt, um es in Sicherheit zu bringen. Er habe es in 200-Euro-Scheinen im Haus gebunkert, so schildern es die Freunde – in Socken gestopft auf einem Tablett im Schlafzimmer. Geblieben ist davon angeblich nichts. Auch, so vermutet Frank Wörndl, weil falsche Freunde in das Leben des einstigen Radhelden traten. Wörndl nennt Gerd K. einen "Scharlatan". "Der sagte ihm, er soll Whiskey trinken. Das würde ihn von innen reinigen." Am Ende waren es drei Flaschen Johnnie Walker am Tag. Die erste leerte Ullrich oft fast in einem Zug.

Bevor Ullrich den beleibten Mann im vergangenen Jahr kennenlernte, hatte K. auf dubiose Weise viel Geld mit Kryptowährungen gemacht. Mit einer nach ihm benannten Consultingfirma warb er bei Veranstaltungen für "The future of Payment/Krypto Erfolgstour". Die Firma gehört zu einem intransparenten Unternehmensgeflecht, Hauptsitz Belize, gegen das die Staatsanwaltschaft Bielefeld ermittelt. Die Gründerin sitzt bereits in Haft.

K., der nach eigenen Angaben Milliarden bewegt und an Armutsbekämpfung interessiert ist, hat Ullrich für 18.000 Euro ein Gerät verkauft, das er Physio-Screen nennt. "Der behauptet, man könne damit in alle Organe schauen und gegebenenfalls mit sogenannten Nanostrahlen heilen. Jan ist dem verfallen wie einem Sektenguru. Der wirkt durch ihn vollkommen fremdgesteuert", sagt Wörndl. Die Wundermaschine aus Russland, im Internet schon für 5000 Euro zu haben, habe Ullrich immer aufs Neue bestätigt, dass all seine Organe im besten Zustand seien.

Endgültig ruinierte Ehe

Vergangenen Herbst verbrachte er ein paar Wochen bei der Familie im Allgäu. Dort durfte K. sein Physio-Screen auch bei Ullrichs kranker Schwiegermutter anwenden, die entgegen der angeblichen Prognosen der Ärzte noch immer am Leben ist. Das bestärkt Ullrich bis heute in seinem Glauben an den selbst ernannten Wunderheiler.

Zurück auf Mallorca, war Ullrich fast täglich mit Guido Eickelbeck im Fitnessstudio. Zunächst blieb er trocken. Einmal setzte er sich in Begleitung von Rudy Pevenage, ehemals sportlicher Leiter beim Team Telekom, aufs E-Bike, doch nach 25 Kilometern war sein Knie geschwollen. Auf Freunde wirkte er depressiv, wenn er nicht trank. Die Veranstalter der Cyclassics in Hamburg, eines alljährlichen Profiradrennens, hatten ihn gerade als Direktor abgelehnt. Jan Ullrich trug nun die 480 Euro teuren Totenkopf-T-Shirts des Designers Philipp Plein, hörte Bushido und den rappenden Heino. Und an einem Tag im März dieses Jahres, bevor seine Frau Sara mit den Kindern zu Besuch auf die Insel kam, brachen bei Ullrich wieder alle Dämme. Er trank fast bis zur Besinnungslosigkeit, fuhr trotzdem noch zum Flughafen, um sie abzuholen. Aber er war zu betrunken, um auszusteigen. "Da hat er seine Ehe endgültig ruiniert", sagt Eickelbeck. "Da hat er alles kaputt gemacht."

Sara Ullrich konnte fortan vom Allgäu aus per Handy über die Überwachungskameras verfolgen, was sich auf der Finca abspielte. Gerd K. war oft wochenlang da. Wenn er wegmusste, sprang ein kroatischer Aufpasser ein. Immer mehr zwielichtige Figuren tauchten auf. Der ehemalige Radprofi Jan B., 43, mehrfach vorbestraft wegen Diebstahls, exhibitionistischer Handlungen und Betrugs, war Dauergast. Mit ihm kam Michael G., gescheiterter Radsportler und ehemaliger Bordellbetreiber aus Schweinfurt, im Jahr 2014 wegen räuberischer Erpressung und gefährlicher Körperverletzung verurteilt, erst seit Kurzem wieder auf freiem Fuß.

Elizabeth Napoles sagt, sie habe sich aus Angst vor diesen Männern nachts im Schlafzimmer eingeschlossen. Wenn die da waren, sei das Haus voll mit Prostituierten gewesen und mit immer mehr Rumänen, die für Kokain gesorgt hätten. Eine Party jagte die nächste. "Ich stelle mir ein neues Team zusammen", sagte Jan Ullrich den alten Freunden, von denen kaum noch einer kam. Denn er schmiss sie raus, wenn sie ihn zur Vernunft mahnten. Auch die Angestellten suchten das Weite, wenn die Exzesse von Ullrich gefährliche Formen annahmen. "Ich bin voller Energie", sagt er nun im Telefonat von der Klinik aus. "Wenn ich explodiere, wird viel Energie frei."

Jan Ullrich schoss mit seinem Luftgewehr oder einer seiner Pistolen auf die Fernseher, zertrümmerte mit einer Axt das Mobiliar, versuchte sich als Feuerspeier und verbrannte sich das Gesicht, als er hochprozentigen Alkohol in die Flammen seines Gasherdes prustete. Dann wieder kletterte er aufs Dach und wollte springen. Mit einem E-Bike versuchte er im Swimmingpool unter Wasser zu fahren, wie das 2003 bei seinem Werbespot für einen Müsli-Riegel insinuiert wurde. Er brach sich die Rippen, als er mit B. auf dem Mountainbike über die Treppen zum Pool fuhr. Später animierten ihn die neuen Freunde, das auch mit seinem Geländewagen zu versuchen. Sie ruinierten dabei das massive Geländer aus Stein. B. postete in jenen Tagen, er habe mit Jan Ullrich die Firma Jan & Jan gegründet: "Ein neues Leben ist geboren … ihr dürft gespannt sein, was sich da entwickelt."

"Steiner-Methode"

Da war von den rund 800.000 Euro Bargeld kaum etwas übrig. Termine zum Geldverdienen ließ Ullrich platzen oder fuhr sie an die Wand, wie Ende Mai in Klagenfurt. Dort sollte er mit 50 Edelkunden radeln, ließ sich aber bei der Anreise im Privatjet mit Whiskey volllaufen und wurde umgehend nach Hause geschickt. Vollgepumpt mit Drogen fuhr Jan Ullrich in Palma de Mallorca zur Bank und wollte 40.000 Franken wechseln. Der Bankdirektor, ein Radfahrer, bei dem er das Konto eröffnet hatte, erkannte ihn zunächst nicht. Er schmiss ihn raus, als er zu rauchen anfing und einschlief. Ullrich verschickte Sprachnachrichten und machte sich lustig über die Banken, die kein Geld mehr hätten. In solchen Momenten konnte er gefährlich werden. Dann nahm selbst Jan B. Reißaus.

Nur gegen mich war er nicht aggressiv", sagt Elizabeth. Jan Ullrich habe ihr für 7000 Euro eine Brustvergrößerung spendiert. Er schenkte ihr auch eine Rolex. Dafür war sie aber auch allein mit ihm in seinen dunkelsten Momenten. Dann, wenn selbst die Halbweltler aus Angst vor ihm flüchteten. Wenn er durchdrehte, weil er nicht mit seinen Söhnen telefonieren durfte.

"Vier Monate lang konnte ich sie nicht sprechen. Es hat mir das Herz herausgerissen", sagt er jetzt am Telefon. In der Finca baute er sich im Wohnzimmer einen kleinen Altar mit Kerzen und Herzen vor den Bildern seiner Kinder. War er verzweifelt, lief er hin, betete und weinte. Nachts röchelte er im Schlaf und drohte zu ersticken. Sein Rachen war voller Schleim vom exzessiven Rauchen. Häufig übergab er sich.

Elizabeth setzte ihn auf, half ihm beim Abhusten, säuberte ihn. "Aber von den Drogen konnte ich ihn nicht wegbringen. Dazu bin ich zu schwach", sagt sie. Sie zeigt Bilder, die er ihr nun aus der Klinik schickt. Beim Boxtraining, beim Rauchen. Ein Foto zeigt ein kleines Kunstwerk, das er für sie gebastelt hat: ein Herz aus Zigaretten, darin ein Zettel mit der Botschaft "I love you". Aber manchmal ist selbst sie geflüchtet, weil er sie nie schlafen ließ, wenn er nicht schlafen konnte. Dann war er ganz allein.

"Außer mir hat sich da niemand mehr hingetraut", sagt sein Freund Eickelbeck. Er bat Richard Steiner, einen ehemaligen Rotlichtkönig aus Wien, ihm zu helfen. Steiner hat im Gefängnis zum Buddhismus gefunden und verdient heute sein Geld als Boxpromoter, Bio-Wodka-Produzent und Buchautor. Zwei-, dreimal im Jahr macht er auf den Malediven mit seiner "Steiner-Methode" Prominente und Superreiche fit. Steiner fuhr dann täglich zu Jan Ullrich, um ihn das Boxen zu lehren. Gerd K. versteckte sich aus Angst vor ihm in der Toilette. Steiner spülte Amphetamine und Kokain in den Ausguss. Er rettete Ullrich das Leben, als Ullrich vom Dach springen wollte. Er schlug ihn auch mal nieder, um ihn zur Besinnung zu bringen. Richard Steiner und Jan Ullrich wurden Freunde. Zum Boxen hat Jan Ullrich durchaus Begabung, doch Steiners Hoffnung, ihn damit von den Drogen abzubringen, wurde enttäuscht.

Zwangseinweisung

Einmal stand Ullrich unter der Dusche im Garten, als Eickelbeck kam. "Jan hatte Verfolgungswahn, sah überall Kokain, Überwachungskameras und Wanzen." Am nächsten Tag kam Gerd K., der Wunderheiler, um dann mit Ullrich nach Deutschland zu fliegen, wo der ihm im Beisein eines Anwalts eine Generalvollmacht über seine Geschäfte ausstellte.

K. war es auch, der Jan Ullrich nach dem Streit in Til Schweigers Villa im Privatjet von Mallorca nach Frankfurt begleitete. Er sollte ihn in die Entzugsklinik bringen. Doch zunächst landete Ullrich in einem Luxushotel und, nachdem er dort eine Prostituierte brutal gewürgt haben soll, auf einer Polizeistation und dann per Zwangseinweisung in der Psychiatrie.

"Am besten hätte er da bleiben sollen, wo er kontrolliert therapiert wird", sagt Charly Steeb im vornehmen Palma Sports & Tennis Club. Freunde wie er glauben, dass Ullrich nach seinen Drogenexzessen gezwungen werden müsse, sich helfen zu lassen. In der Betty-Ford-Klinik in Bad Brückenau sind Halbweltfreunde wie Jan B. und Michael G. oft in seiner Nähe. Vor der Tür stehen Maserati, Jaguar oder Tesla, Mädchen werden gebracht. Vergangene Woche bezog Ullrich zusätzlich zur Unterkunft in der Entzugsklinik ein Zimmer im benachbarten Dorint-Hotel.

Auch Gerd K. kommt regelmäßig. Er bringt Anwälte, lässt Verträge unterschreiben. Nach eigener Aussage will er Ullrichs Villa in der Schweiz verkaufen. Die Immobilie wird auf 2,2 Millionen Euro geschätzt. "K. behauptet, er lege das Geld in Kryptowährung an und mache 6,7 Millionen daraus", sagt Frank Wörndl, der Lance Armstrong begleitete, als der seinen früheren großen Rivalen Jan Ullrich in der Klinik besuchte. Gerd K., vom stern in den vergangenen Tagen wiederholt um eine Stellungnahme gebeten, blieb den versprochenen Rückruf bis Redaktionsschluss schuldig.

Geld braucht Ullrich dringend. Die Konten, heißt es, seien leer. Die Miete für die Finca ist seit Mitte August überfällig. Gerd K. soll Ullrich versprochen haben, ihm nach dem Verkauf der Schweizer Villa monatlich 30.000 Euro Unterhalt zu zahlen. Dass Freunde ihn vor K. warnen, macht Ullrich auch in der Klinik wütend. Er verschickt erboste Sprachnachrichten, wenn jemand seinen Generalbevollmächtigten kritisiert: "Wer hat mich aus dem Knast geholt? Wo wart ihr da, ihr Ameisen!", brüllt Ullrich. "Er hat meine Schwiegermutter geheilt … Ich habe die Tour de France gewonnen und nicht ihr. Lasst mich in Ruhe."

Reset-Knopf

Inzwischen aber versichert er auch, dem Rat von Lance Armstrong zu folgen und seinen Entzug in den USA fortsetzen zu wollen. Die Freunde sagen, kehre er nach Mallorca zurück, könne er sich auch gleich einen Spaten kaufen. Zu viele Halbweltler, zu viele Schmarotzer, zu viele Drogen.

"Ich gehe in die USA und werde sauber. Jetzt wird der Reset-Knopf gedrückt. Dann gibt es einen Neustart", sagt Jan Ullrich am Telefon zum stern. "Ich habe viel Energie. Ich bin ein Kämpfer. Bislang habe ich noch keinen Kampf verloren."

Im März 2019 möchte er in Südafrika zusammen mit seinen Freunden Lance Armstrong und Richard Steiner bei der Cape Town Cycle Tour starten. Das Rennen geht über 109 Kilometer und gilt als die größte Radveranstaltung der Welt. Sie dient wohltätigen Zwecken.

Der Artikel über Jan Ullrich ist dem aktuellen stern entnommen:

Jan Ullrich