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Putins bester Mann: Der gute Russe von Berlin

Botschafter Kotenew ist charmant und effektiv, ein beliebter Gast auf Hauptstadt-Partys. Seine Einladungen sind nicht nur wegen des Wodkas begehrt. Putins bester Mann hat viel für das Image Russlands getan. Dann kamen das Polonium, der Tod und die Talkshows.

Von Ulrike Posche

Wie sich die mysteriösen Ereig nisse auf einmal überschlagen! Wie sich plötzlich Todesfälle ins Bewusstsein graben, die nichts miteinander verbindet - außer dass sie irgendwie mit Russischem zu tun haben. Erst die Sache mit Markus Wolf in Berlin, dann die mit Alexander Litwinenko. Gerade noch unschuldige Piroggen, nun tödliches Polonium. Vor Tagen noch war Russlands Botschafter Wladimir Kotenew, 49, der unumstrittene Gesellschaftslöwe auf allen Hauptstadt-Partys, und nun, von nichts auf gleich, sitzt er bei Sabine Christiansen in der Sendung zwischen lauter Besserwissern und Russlandexperten und soll Mafia-Morde, Strahlengift und andere russische Ungeheuerlichkeiten aufklären. Diplomatisch soll er sein und einsichtig - ein guter Russe eben. "Was ist mit dem Mord an Kennedy, an Olof Palme und Indira Gandhi?", ruft er hilflos in die Christiansen-Runde, "wo bleibt da der Aufschrei der westlichen Welt?"

Vor eben mal fünf Wochen, da war Kotenews Welt noch im Lot. Obwohl - ein gewöhnlicher Abend war der 7. November natürlich auch nicht. Nicht für Sowjet-Nostalgiker jedenfalls, für ehemalige Geheimdienstler und alte Kommunisten. Exzellenz hatte an jenem Abend zu einem Empfang mit Cello und Klavier in die Botschaft Unter den Linden geladen. Dass es ausgerechnet der "Tag der Oktoberrevolution" war, mag Zufall gewesen sein. Irgendwas ist ja immer im November, Tag der Polizei, Tag der Steuerbehörde, Tag der Werktätigen oder Muttertag.

An diesem Revolutionsfeierabend also präsentierte sich das Botschafterpaar wieder einmal als herzlichste Gastgeber der Stadt. Maria Kotenewa, ebenfalls 49, in grün schillerndem Mädchenrock mit offenem, langem Haar, ihr Gatte tadellos in dunkelblauem Tuch. So empfingen sie die Gäste im Portikus des Kuppelsaals. Ihre Herzlichkeit war dabei von solchem Überschwang, dass die Eingeladenen von innen heraus noch strahlten, als sie längst auf ihren Plätzen im 24 Meter hohen Kuppelsaal saßen. Sie warteten darauf, dass die Uhr des Spasski-Turms, jenes Kremlturms, der an der Stirnseite des Saales als Glasmosaik in die Wand eingelassen ist, die volle Stunde schlägt, zu der das kurze Konzert mit preisgekrönten "nationalen Künstlern der Russischen Föderation" beginnen würde.

Gleich in der ersten Reihe saßen Ex-Spionagechef Markus Wolf und der SPD-Veteran Egon Bahr mit ihren Ehefrauen. Die frühere Kulturstaatsministerin Christina Weiß saß dort. Sie war soeben mit der Puschkin-Medaille für "den Erhalt des gemeinsamen Kulturerbes" dekoriert worden. Der Berater des russischen Präsidenten für Begnadigung und Amnestie wartete hier, dazu Botschafter, Gräfinnen, Grafen - und "jede Menge Spione", wie später einer am Büfett flachste. Dabei war das lange bevor die meisten der Gäste vom ehemaligen FSB-Agenten Alexander Litwinenko auch nur eine Ahnung hatten. Und Polonium, das war Anfang November ein schier unbekanntes Wort. Es gab ein "reichhaltiges russisches Büfett" im Spiegelsaal, wie Kotenew sagte. Das bedeutet Borschtsch, Lachs, Pelmeni und harte Eier, Wein und Wodka aus randvollen Gläsern - und eine Opernsängerin, die "Kalinka, Kalinka" schmetterte.

Die Abende in der Russischen Botschaft mit ihren Marmoraufgängen, Festsälen zwischen samtbespannten Wänden, mit Wolkenstores und Kristalllüstern sind das Außergewöhnlichste, was Berlin zu bieten hat, bizarr und folkloristisch zugleich. Es schwebt immer auch das Vergangene in diesen Räumen, die Zarenzeit, der Kalte Krieg, und auch der andere. Die deutsch-russische Geschichte mit all ihren blutigen Windungen scheint hier geronnen. Die Wandlampen im Jagdzimmer, heißt es, stammten noch aus Hitlers Reichskanzlei. Beutekunst gewissermaßen, man habe die Messingadler einfach nur auf den Kopf gedreht.

Der stets leicht gebräunte Kotenew erzählt gern solche Geschichten, er gibt sich offen, ein echter Außendienstler mit selbstbewusster Haltung. Tagsüber sieht man ihn im Café "Einstein" Unter den Linden so häufig wie die beiden Altkanzler Helmut Kohl und Gerhard Schröder. Er kann mit beiden gleichermaßen gut. Der eine, Kohl, sitzt nebenan in einem Büro. Und Schröder gegenüber. Neulich sei dessen Familie mal vorbeigeschneit, um Gregor, den jüngsten Spross zu präsentieren. Die Jelzins waren da auch gerade zu Besuch. Maria und Wladimir Kotenew sind seit 2004 freundliche Nachbarn im Quartier, und sie unterscheiden sich in manchem von ihren direkten Vorgängern: Beide sprechen perfekt Deutsch, gehen zum Presseball, zum L'Oréal-Ball, zu "Sabine Christiansen" und auch zur Bambi-Verleihung. "Wie hieß die Schauspielerin, neben der wir neulich saßen?", fragt die Kotenewa ihren Mann. "Désirée Nosbusch", antwortet der, ohne auch nur eine Sekunde nachzudenken. Er kann sich einfach jeden Namen merken, auch den nachrangigsten.

Manche finden das irritierend und sagen, das genau sei Kotenews Problem - er könne zwischen den wirklich Wichtigen und dem Glitzervolk, das ihn umgebe, nicht mehr unterscheiden. Kotenew hofiert auf seinen Empfängen eine Dagmar Frederic, die als "Caterina Valente des Ostens" in der DDR berühmt war, auf die gleiche Weise wie Matthias Platzeck, Brandenburgs Ministerpräsidenten. Eigentlich ein sympathischer Zug. Aber in der Hauptstadt hat ja immer irgendwer irgendwas zu nörgeln.

Platzeck übrigens nörgelt nicht. Er wird sentimental, wenn er beim Botschafter geladen ist. "Ich bin slawophil", bekennt der SPD-Genosse. Und erzählt dann, wie er Ende der Neunziger einmal mit Kotenews Vorgänger Wodka gesoffen habe, bis sie nicht mehr geradeaus hätten gehen können. Dennoch seien sie über die Hühnerleiter auf den Turm des Botschaftspalais geklettert. Die Nacht war blau, die russische Fahne flatterte im Wind, und die Aussicht über Berlin war so prachtvoll wie das Gebäude, auf dem sie standen und das den Russen schon seit 1837 gehört - mehr oder weniger durch alle Zeiten. Am Ende der Nacht trug irgendwer die Uniform des Militärattachés und ging damit nach Hause. "Es war wahnsinnig", schwärmt Platzeck noch heute. "Herr Ministerpräsident, dann kommen Sie, trinken Sie noch einen Kleinen", ermuntert Kotenew den MP und serviert die passenden Gläser.

Mag sein, dass Wladimir Kotenew zu Beginn seiner Diplomatenkarriere noch ein schneidiger Apparatschik war, Ziehsohn des von ihm verehrten einstigen Außenministers, Geheimdienstchefs und Premiers Jewgeni Primakow; dass er ein Vasall jener Zeit war. Heute ist Kotenew in erster Linie ein geschmeidiger PR-Agent fürs neue Russland. Ein emsiger Image-Arbeiter, ein Darling der Berliner Oberklasse. Ein bisschen Anna Karenina und "guter Russentisch", wie Thomas Mann schreiben würde.

Kotenew hatte als Student das eigene Land noch als tonangebende Weltmacht erlebt. Dann war es ihm von Karriereschritt zu Karriereschritt, von Posten zu Posten zerbröselt. Andropow, Gorba- tschow, Jelzin, Tschernomyrdin. Das Land schien für westliche Augen und Ohren nur noch Aufstand und Mafia, Krieg und Niedergang. Und Kotenew saß mal in West-Berlin, in Österreich und Liechtenstein, dann in der Schweiz, und betrachtete aus der Ferne, wie Russland im Chaos versank. Nun ist er zum zweiten Mal in Berlin und erlebt den Wiederaufstieg Russlands. Er begreift sich dabei als Verbindungsmann zu Europa, zur gesamten westlichen Wirtschaftswelt. Er wolle die Russische Föderation als bestimmenden Teil dieses Kontinents sehen, sagen die, die oft mit ihm zu tun haben. Und wenn es hilft, dieses Bild seiner Heimat zu vermitteln, dann fährt der Botschafter auch schon mal füllige Ballerinen auf. Gasprom-Deutschland spielt bei solcherlei Empfängen gern den Sponsor.

Kotenew ist inzwischen mit den Roland Bergers dicke und den Wendelin Wiedekings im Lande sowieso. Unternehmensberater, Unternehmer, und er selbst mit seiner allseits beliebten Maria Kotenewa mittendrin. Vor zwei Jahren, als er zu seinem ersten Deutsch-Russischen Wirtschaftsball in die Botschaft lud, da war das Fleisch noch fettig und der Wein aus dem Osten. In diesem Sommer jedoch gab es Champagner für über tausend Gäste, von der BASF gesponsert, der VIP-Shuttle-Service neben anderen von Porsche.

Es war schon ein besonderer Anblick, die Cayenne-Kolonne vor der geschichts-trächtigen Russenfassade parken zu sehen. Nein, da passt es einfach nicht ins Konzept, wenn in London Ex-Agenten unter mysteriösen Umständen sterben, wenn in Moskau Journalisten erschossen und Oligarchen in Sibirien weggesperrt werden; und wenn in Hamburg und Haseldorf Polonium aufgespürt wird. Es passt manches nicht in Kotenews Präsentation vom florierenden Russland. Tschetschenien, Beslan, der Gaspreiskrieg mit der Ukraine im vergangenen Jahr, und auch die Kritik an Ex-Kanzler Schröders Gasprom-Deal nicht. Wladimir Kotenew hasst es, wenn Berliner Journalisten ihn nach all dem fragen, was nicht funktioniert. Da ist er schnell eingeschnappt, typisch Russe. Die Nachrichten, die nun quasi im Stundentakt aus und über Russland hereinbrechen, die sind für einen wie ihn der lupenreine Image-GAU.

Artikel über die Verletzung von Menschenrechten nennt der Botschafter deshalb "hysterische Berichterstattung"; die entsprechenden Kommentare in den deutschen Medien seien "nicht mehr zeitgemäß". Der tote Ex-Spion Alexander Litwinenko ist für ihn "ein Steuerdrücker". Berichte über die Gleichschaltung der russischen Medien nennt er in einem "Welt"-Interview "an den Haaren herbeigezogen". Deutsche Korrespondenten würden ihre kritischen Kommentare gelegentlich sogar "wörtlich aus russischen Zeitungen" abschreiben, sagt Kotenew.

Als Ex-Spionagechef Markus Wolf kurz nach dem Konzertabend in der Botschaft stirbt, ist das Ehepaar Kotenew dienstlich schockiert und menschlich bestürzt. Deutschland habe "einen seiner bedeutenden Söhne und Russland einen seiner besten Freunde verloren", sagte der Botschafter in der amtlichen Trauerrede. Das politische Berlin protestiert sofort: Bedeutender Sohn, bester Freund? Hallo, der Mann hatte immerhin Willy Brandt gestürzt, und wer weiß, wen sonst noch!

Als Wladimir Kotenew 1957 in Moskau geboren wird, sind die Zeiten rau, die Fronten klar. In Moskau versuchen erfolglose Altstalinisten Regierungschef Nikita Chruschtschow zu stürzen, und im Berliner Westen wird Willy Brandt zum Bürgermeister gewählt. Der junge Kotenew studiert an der MGIMO. Es ist sozusagen die Universität des Außenministeriums. In den Semesterferien am Schwarzen Meer lernt der Student die Kommilitonin Maria aus Moskau kennen. Sie studiert dort Ökonomie. Und als beide einundzwanzig sind, heiraten sie und kriegen zwei Kinder.

Heute leben Olga und Wladimir junior in Moskau. Die Tochter arbeitet bei einer Bank und wird tanzend auf Hubert Burdas Moskauer Medienpartys gesehen. Der Sohn, Absolvent einer Schweizer Uni, ist bei einem bayerischen Baustoffunternehmen angestellt - in Russland.

Anfang der Achtziger ist Väterchen Kotenew bereits Gesandter der UdSSR in West-Berlin. Manche sagen, das Generalkonsulat sei zu jener Zeit der Außenposten des russischen Geheimdienstes KGB gewesen. Kotenew sitzt in Dahlem, sein Botschafter in Bonn. Und rings um ihn wimmelt es von Majoren und Obersten des KGB. "Meistens aber", sagt Heribert Hellenbroich, damals Vizechef des bundesdeutschen Verfassungsschutzes und spionagetechnisch damit auf der Gegenseite, "meistens waren es die Hausmeister, Fahrer und Pförtner, die dem KGB dienten - jedenfalls haben wir uns in erster Linie um die gekümmert". Dass auch Konsulatsangestellte und Diplomaten Geheimdienstaufgaben miterfüllt haben könnten und müssten, hält Hellenbroich für unwahrscheinlich. Die hätten ja nicht einmal mit Westdeutschen sprechen dürfen.

Bei manchen Bundestagsabgeordneten ist das inzwischen genau andersherum: Sie sprechen nicht mit dem Russen. Zu Kotenews Verdruss meiden viele Minister und Parlamentarier bis heute seine Einladungen, erzählt Jürgen Chrobog, ehemals deutscher Botschafter in Washington.

Neulich schrieb eine Boulevardzeitung bereits: "Gehst du zum Essen in die russische Botschaft, vergiss den Geigerzähler nicht". Manchmal wirkt Kotenew, als schwane ihm, dass er diesmal mit Wodka, Piroggen und Kalinka nicht weit kommt. Dass er ganz anderes auffahren muss, um all das Polonium vergessen zu machen, als Presseball, L'Oréal, Nosbusch und Christiansen. Er will doch so gern noch ein Weilchen der gute Russe von Berlin bleiben.

Von Ulrike Posche / print