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Sexualstraftaten Wenn Weiblichkeit zur Waffe wird: Warum R. Kelly in seinem Prozess auf eine Anwältin setzt

R. Kellys Anwältin Nicole Blank Becker
R. Kellys Anwältin Nicole Blank Becker
© Kena Betancur / AFP
Die Fälle von R. Kelly, Bill Cosby und Harvey Weinstein haben vieles gemeinsam, auch die Art der Verteidigung vor Gericht. Alle drei wurden oder werden von Frauen vertreten. Was treibt die dazu, solche Fälle zu übernehmen?

Als vergangene Woche der Prozess gegen R. Kelly begann, waren auch viele Augen auf das Team um den Musiker gerichtet. Die Menschen, die ihn verteidigen werden. Gegen Vorwürfe der sexuellen Ausbeutung Minderjähriger, Entführung und Bestechung. Vier Rechtsbeistände hat Kelly, eine davon ist Anwältin Nicole Blank Becker.

R. Kelly wird auch von einer Frau verteidigt

Becker hielt das Eröffnungsplädoyer für ihren Mandanten und machte direkt deutlich, welche Strategie die Verteidigung verfolgen wird: die mutmaßlichen Opfer diskreditieren. Becker nannte die Frauen, die gegen Kelly aussagen und ihm vorwerfen, sie missbraucht zu haben, immer wieder "Mädchen" und deutete laut dem Magazin "Rolling Stone" an, es habe sich um Fans gehandelt. Die Strategie ist weder neu noch verwunderlich.

Sie "genossen den Bekanntheitsgrad", sagte sie. "Groupie wäre eine Untertreibung", sagte sie über eine Zeugin, die behauptet, Kelly habe ihr mit Absicht einen Geschlechtsherpes gegeben. "Die Hölle kennt keinen schlimmeren Zorn als den einer zornigen Frau", erklärte Kellys Anwältin.

Effekt auf die Geschworenen

Worte, die aus dem Mund einer Frau zumindest verwundern mögen. Und sicherlich Worte, die einen Effekt auf die Geschworenen im Prozess haben könnten. "Der Subtext dieses Ozeans der Frauenfeindlichkeit: 'Ich bin eine Frau, also kann ich es sagen'", argumentiert "The Cut"-Journalistin Kathleen Walsh in ihrer Analyse über Becker.

Sie vergleicht Beckers Rolle in Kellys Prozess mit der von Harvey Weinsteins Anwältin Donna Rotunno. "Ich kann mir im Gerichtssaal viel mehr erlauben, wenn ich eine Frau ins Kreuzverhör nehme, als ein männlicher Anwalt", sagte die dem Magazin "Chicago" vor einigen Jahren. "Er mag ein hervorragender Anwalt sein, aber wenn er diese Frau mit der gleichen Giftigkeit angreift wie ich, sieht er wie ein Tyrann aus. Wenn ich es tue, zuckt niemand auch nur mit der Wimper. Und es war bisher sehr effektiv", erklärte sie ihre Macht im Gerichtssaal. Rotunno hat sich darauf spezialisiert, Männer zu verteidigen, denen sexualisierte Gewalt vorgeworfen wird. 

Weinsteins Anwältin kritisierte #MeToo

Während ihrer Zeit als Harvey Weinsteins Verteidigerin geriet sie in den Fokus von Frauenrechts-Aktivistinnen und Feministinnen, die ihr vorwarfen, ihr Geschlecht zu benutzen. "Ihre Bereitschaft, zu behaupten, dass #MeToo zu weit gegangen ist, ist mit einem stetigen Strom von großen Gehaltsschecks verbunden, wird aber nicht durch die Fakten gestützt", erklärte Jane Manning, eine ehemalige Staatsanwältin der "New York Times". Rotunno war bereits vor Weinstein bekannt dafür, während des Kreuzverhörs besonders hart zu sein. "Sagen Sie ihr, dass ich einen Job zu erledigen hatte", sagte sie der "New York Times" zufolge mal zu einem Staatsanwalt, der die Nachricht einer vergewaltigten Teenagerin überbringen sollte. 

Auch Bill Cosby ließ sich vor Gericht von einer Frau verteidigen. Jennifer Bonjean nutzt ihre Vergangenheit, in der sie traumatisierte Frauen vertrat, für ihre Arbeit als Verteidigerin. "Der Verweis auf die eigene Weiblichkeit ist ein bequemer Weg, um in einem Fall von sexueller Nötigung die Grenzen zwischen Opfer und Täter glaubhaft zu verwischen und reale Ungerechtigkeiten im Justizsystem zur Verteidigung derjenigen zu nutzen, die bereits am meisten von diesem Ungleichgewicht profitieren", argumentiert Walsh in "The Cut". 

Traumatisierte Opfer im Zeugenstand

In ihrem Stück erklärt sie, welchen Effekt eine Verteidigerin auf möglicherweise traumatisierte mutmaßliche Opfer im Zeugenstand hat. Schließlich sei es "ein wesentlicher Teil der Genesung für Überlebende, zu verstehen, dass das, was ihnen passiert ist, nicht ihre Schuld ist", so Walsh. "Ein hartes Kreuzverhör kann alles demontieren, vielleicht am wirkungsvollsten, wenn es von einer Frau durchgeführt wird, deren Erfahrung als Frau bedeutet, dass sie den Unterschied zwischen einem 'echten' Opfer und einer Lügnerin kennt", analysiert sie. 

Die Tatsache, dass Männer wie Kelly und Weinstein auf Frauen in ihrem Rechtsbeistand setzen, ist also wenig überraschend und aus ihrer Sicht vermutlich sogar klug. (Auch wenn Weinstein selbst eine Donna Rotunno nicht helfen konnte.)

Der Sänger R. Kelly

Ambivalenz

Doch es ist ein Phänomen, das in Anwaltskreisen offenbar ambivalent gesehen wird. Laut dem Blog "Women Criminal Defense Attorneys", der von der Strafverteidigerin Susan Bozorgi geführt wird, gehen die Meinungen weit auseinander. "Es gibt Frauen, die der Meinung sind, dass wir unseren Wert mindern, wenn wir uns erlauben, eine Rolle einzunehmen, die mehr ist als nur eine Verteidigerin – nämlich eine Rolle, die darauf abzielt, dem Mandanten subtil zu vermitteln, dass er das, was ihm vorgeworfen wird, nicht getan haben kann, wenn er eine Frau an seiner Seite hat", analysiert sie in einem Beitrag. 

Sie argumentiert aber auch, dass es falsch wäre, solche Fälle kategorisch abzulehnen. "Kein Strafverteidiger, ob Mann oder Frau, sollte jemals aufgrund der Art des Verbrechens entscheiden, ob er jemanden verteidigt. Unsere Aufgabe ist es, Menschen, die einer Straftat beschuldigt werden, so gut wie möglich zu helfen", erklärt sie auf ihrem Blog. "Indem wir diese Fälle vermeiden, geben wir lediglich die Möglichkeit auf, jemanden zu vertreten, der eines Verbrechens beschuldigt wird, mehr nicht."

Es ist ihrer Meinung nach falsch, eine Frau als "antifeministisch" zu beschuldigen, wenn sie einen solchen Auftrag annähme. Denn sie mache letztlich nur ihren Job. Außerdem werde "fälschlicherweise angenommen, dass eine Frau, die den Mandanten vertritt, in der Lage ist, sich in die Lage des Mandanten zu versetzen, wenn es um das Verhalten gegenüber einer Frau geht", erklärt sie. 

"Natürlich haben sich die Frauen seit jeher im Dienste der schrecklichen Männer gegenseitig in die Pfanne gehauen", resümiert Kathleen Walsh hingegen in "The Cut". Doch so einfach scheint die Lage nicht zu sein. 

Verwendete Quellen: "The Cut" / "Rolling Stone" / "Chicago" / "New York Times""Women Criminal Defense Attorneys"


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