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Beichte über ein Tabuthema: Hilfe, ich bin neidisch auf meine Freunde!

Unser Autor würde sich wahnsinnig gern mit seinen Freunden über ihre Erfolge freuen. Nur bekommt er es meistens nicht so wirklich hin. Eine Beichte über ein Tabuthema: Neid auf die Menschen, denen man am nächsten steht.

Neidische Frauen blicken sich an

Jeder hat was, hätte aber gern das, was der andere hat

Sagen wir es gleich zu Anfang, wie es ist: Mir geht es ziemlich gut. Ich lebe in einer tollen Stadt, mit tollen Menschen, habe mehr als genug Geld, arbeite in meinem Traumberuf, reise viel und habe eine geradezu ungewöhnlich heile Familie. Ich gehörte in der Schule und in der Uni immer zu den Besten. Ich bin gesund. Im Grunde also alles okay.

Dennoch beschleicht mich immer wieder ein sehr seltsames Gefühl. Dann nämlich, wenn andere erzählen, wie gut es ihnen geht, was gerade super läuft, wo sie Erfolg haben – insbesondere bei Menschen, die ich gut kenne. Eigentlich halte ich mich für recht charakterfest, aber jetzt muss ich mir eingestehen: Hilfe, ich bin neidisch auf meine Freunde!

Auf den Kollegen, der noch besser schreiben kann. Auf meine frisch verliebte Schwester, während für mich das Wort "Langzeitsingle" mittlerweile fast schon gnädig ist. Auf die Muskeln des einen Kumpels und die Fähigkeit des anderen, einfach mit jedem draufloszureden. Auf – spätestens hier wird es absurd – Facebook-Likes und Retweets.

Neidisch auf die Freunde – darf man das?

Ich habe ein schlechtes Gewissen – vor allem, weil es dabei um die Menschen geht, die ich am meisten liebe auf der Welt, ohne die ich mir mein Leben nicht vorstellen kann und will. Darf man das – neidisch auf seine Freunde sein? Das sei doch "ein Tabuthema", meint jemand, dem ich diese Frage stelle: "Man würde das maximal humorvoll zugeben." So gesehen ist das hier wohl mein ganz ernstgemeinter Tabubruch. 

Dabei will ich ja niemandem etwas wegnehmen. Mir würde es nicht besser gehen, ginge es meinen Freunden schlechter. Ganz im Gegenteil: Läuft es bei meinen Herzmenschen schlecht, leide ich mit. Manchmal schaffe ich es auch, mich von Herzen mit ihnen zu freuen. Insbesondere wenn ich weiß, wie lange sie darauf gewartet und wie hart sie dafür gekämpft haben. Aber gerade, wenn es um Dinge geht, die ich nicht habe, aber gern hätte, ist es wieder da – das Neidproblem. 

Das ständige Vergleichen

Ist das normal? Oder wirklich eine Todsünde, wie es die Katholische Kirche lehrt? Schon diese Frage führt zum Grund des Problems: In unserem Kopf läuft ständig ein Vergleichsportal, in dem wir uns selbst anderen gegenüberstellen. Das ist zunächst einmal eine banale Erkenntnis.

Menschen brauchen den Vergleich mit anderen, um sich halbwegs vernünftig in der Welt verorten zu können, weil sie wissen wollen, ob sie "normal" sind. Dass das Große erst durch das Kleine groß wird, ist spätestens seit Aristoteles' "Kategorie der Relation" klar. Der ständige Vergleich wird aber auch schnell zur Falle. Er schafft Druck und Unzufriedenheit.

"Ich erkenne, was ich nicht kann"

Auch beim Thema Neid vergleiche ich mich. In meinem engsten Freundeskreis treffe ich auf ein breites Meinungsbild. "Neid ist mal ein Laster, das mich kaum erreicht", sagt ein Kumpel. "Ich gönne anderen Leuten alle schönen Dinge total und freue mich", erzählt ein anderer Freund. Schön für ihn – und für mich als seinen Freund. 

Anderen geht es da eher wie mir. Ihr versetze es jedes Mal "einen Stich ins Herz", wenn andere von ihren Erfolgen erzählen, gibt eine gute Freundin zu. "Ich erkenne dann, was ich nicht kann und habe, was bei mir nicht klappt und welche Schwächen ich habe", erzählt jemand anders und schickt mir gleich eine Liste mit Dingen, um die er andere Menschen beneidet.  

Wir vergleichen uns mit Menschen auf unserer Stufe

Interessanterweise deckt sich seine Aufzählung weitestgehend mit sieben Faktoren, die der Psychologe Seth Meyers in einem Artikel auf "Psychology Today" nennt. Wir sind am häufigsten neidisch auf Geld, Beziehungsstatus, Kinder, Aussehen, Gewicht, beruflichen Erfolg und die Social-Media-Auftritte anderer. "Neid wird immer Bestandteil einer Freundschaft sein", schreibt Meyers.

In der Sozialpsychologie ist das Phänomen bestens bekannt. Dass so wenige Menschen offen über Neid reden, werten Psychologen als Verdrängungsreaktion – wir wollen uns selbst nicht eingestehen, dass wir anderen Menschen nicht so viel gönnen, wie wir gerne würden. Tatsächlich ist es auch nicht ungewöhnlich, ausgerechnet auf Menschen in seinem direkten Umfeld neidisch zu sein. Mit diesen kann man sich schließlich direkt und realistisch vergleichen. Der Millionär taugt nicht zum Neidobjekt, er spielt in einer ganz anderen Liga.

Gutartiger und bösartiger Neid

Nun kommt es darauf an, wie wir mit unserem Neid umgehen. Die Forscher sprechen vom "bösartigen Neid", der uns von innen auffrisst und unsere Freundschaften gefährdet. Daneben gebe es aber auch den "gutartigen Neid" – ein konstruktiver Neid, der uns dazu antreibt, uns selbst zu verbessern. Das Paradebeispiel dafür ist mein Freund, der mir auf die Frage, ob er auch mal neidisch auf seine Freunde sei, antwortet: "Wenn ich wirklich mal etwas gerne hätte, was andere haben, dann ist das für mich eher Motivation, es auch zu erreichen und mich mehr anzustrengen."

Ist das der Ausweg aus der Neidmisere? Mir selbst liegt dieser Ansatz nicht. Ich fürchte, dass er noch mehr Druck erzeugt, dass er die Spirale des Besser-sein-Müssens nur weiterdreht und wahrscheinlich habe ich auch Angst davor, dass ich bei dem Versuch, den Erfolgen meiner Freunde nachzueifern, scheitern werde.

Zufriedenheit, Dankbarkeit, Genügsamkeit

Trotzdem möchte ich mich natürlich nicht auffressen lassen. Und habe deshalb meinen eigenen Ansatz: Zufriedenheit, Dankbarkeit, Genügsamkeit. Drei Worte, die etwas aus der Zeit gefallen scheinen. Den Blick auf das Positive im eigenen Leben zu richten statt in jedem Erfolg anderer nur das eigene Defizit zu erkennen, stelle ich mir aber befreiend vor. Denn das würde bedeuten, sich nicht von dem Standard, den andere mir setzen, abhängig zu machen. Stattdessen: Einfach mal zufrieden sein, mit dem was man hat, und kapieren, dass nicht alles gleichzeitig geht.

Ich nehme mir jedenfalls vor, mich öfter an zwei Dinge zu erinnern. Erstens: Das Leben der Anderen ist auch kein Märchen. Zweitens: Ich selbst habe schon eine ganze Menge, vielleicht sogar einiges, worum mich andere beneiden – viel mehr als große Teile im Rest der Welt, mehr als viele andere Menschen um mich herum und vor allem mehr, als mir fehlt.

Ich darf es nur nicht so oft vergessen. Und wenn es doch wieder passiert, denke ich an die letzte Strophe des Gedichts "Das Ideal" von Kurt Tucholsky aus dem Jahr 1927:

Jedes Glück hat einen kleinen Stich. 
Wir möchten so viel: Haben. Sein. Und gelten. 
Dass einer alles hat: 
das ist selten.

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