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Meinung

Nach tödlichem Streit: Rechte Hetze auf offener Straße – warum uns diese Rede eine letzte Warnung sein sollte

Rechtsradikale haben nach dem Tod eines 22-Jährigen in Köthen zu einem angeblichen Trauermarsch aufgerufen. Aber die Bilder aus Sachsen-Anhalt belegen eine neue Hemmungslosigkeit des Hasses.

Von Tim Sohr

Demo in Köthen: Thügida-Chef spricht vom "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk"

Einerseits dürfte einem Typen wie David Köckert bei uns natürlich gar kein Forum geboten werden. Denn im Zweifel meint er auch uns, wenn er in seiner Rede eine unverhohlene Drohung an "diese asoziale antideutsche Schweinepresse" ausspricht: "Wenn wir noch einmal die Macht bekommen, dann werden diese Flitzpiepen sich im dunklen Kellerverließ wiederfinden", so Köckert bei einer Kundgebung rechter Gruppierungen in .

In dem Ort in war am Wochenende ein 22-Jähriger Deutscher nach einem Streit mit zwei Afghanen im Alter von 18 und 20 Jahren nach Angaben der Polizei an akutem Herzversagen gestorben. Ein Zusammenhang zu erlittenen Verletzungen konnte nicht hergestellt werden, nach dpa-Informationen gab es zunächst keine Hinweise für irgendeine Art von schwerster Gewalteinwirkung. Der Mann hatte eine auf das Herz bezogene Vorerkrankung.

Köthen: Rechtsradikaler Volksverhetzer gefeiert

Einerseits liegt aufgrund dieser Umstände also eine gewisse Gefahr in der Verbreitung von Köckerts Botschaften. Andererseits ist es verdammt wichtig, dass wir alle diese Bilder sehen und diese Hetze hören. Denn das Video, das ein Buzzfeed-Journalist mitgefilmt und via Facebook veröffentlicht hat, zeigt eine deutsche Kreisstadt an einem Sonntagabend im September 2018. Und wir sollten alle sehen, wie Köckert grölt und geifert, und wie die anderen Teilnehmer des "Trauermarsches" um ihn herum – laut Medienberichten sollen es rund 2500 gewesen sein – jubeln und ihm "Bravo!" und "absolut richtige Wortwahl" zurufen.

So reagieren sie auf Köckerts rechtsradikale Rede, in der er Parolen wie "Auge um Auge, Zahn um Zahn" oder "Wir sind das Volk" unterbringt. So feiern sie einen wegen Volksverhetzung vorbestraften Ex-NPDler und Thügida-Macher, der zuletzt Ende Juni in Erfurt aufgefallen war, wo er an einem Nachmittag auf dem Fischmarkt eine Scheinhinrichtung durch islamistische Extremisten inszenierte.

Es ist eine neue Hemmungslosigkeit des Hasses zu beobachten, wenn dieser auf offener Straße und unter großem Beifall der umstehenden Leute von einem "Rassenkrieg gegen das deutsche Volk" spricht und zum Widerstand gegen den Staat aufruft. Er versucht die aufgeheizte Stimmung, die nach den Vorfällen in Chemnitz zurzeit in vielen Ecken des Landes herrscht, für sich zu nutzen. Und in Köthen traf Köckert auf eine große Gruppe Gleichgesinnter: Im Verlauf der Demonstration riefen Teilnehmer auch "Nationaler Sozialismus! Jetzt!", wie ein Video des Deutschlandkorrespondenten der französischen Zeitung "Le Monde" belegt.

Wir alle sollten diese Bilder als Warnung sehen

Wir alle sollten diese Bilder sehen und uns bewusst machen, dass sie um die Welt gehen. Wir sollten uns bewusst machen, dass in diesem Land unter großem Applaus und auf offener Straße Angst und Aufruhr geschürt werden, und wir sollten uns bewusst machen, was die Szene von Köckert in Köthen stellvertretend bedeutet: dass die Stimmung längst ins Gefährliche gekippt ist, dass es in nächster Zeit wahrscheinlich noch schlimmer wird und dass es noch viele weitere Versuche geben wird, Vorfälle wie jenen in Köthen für rechte und rechtsradikale Zwecke zu instrumentalisieren; dass wir gefordert sind im Kampf gegen die Köckerts im ganzen Land, gegen alle, die nicken und jubeln, wenn sie ihren Hass in die Welt rufen; dass wir aufstehen müssen gegen jeden einzelnen von ihnen, der den Frieden, die Freiheit, das Miteinander, die Demokratie in diesem Land bedroht.

Die abstoßenden Bilder aus Köthen sind eine weitere letzte Warnung an uns alle. Und deshalb dienen Köckerts widerwärtige Worte als ein weiterer Weckruf – allerdings auf genau die gegenteilige Weise, die er gerne hätte. Aus diesem Grund bilden wir seine komplette Rede im Wortlaut ab, wie sie zuerst bei "Buzzfeed" zu lesen war:

Totschlag, Vergewaltigung – und diese asoziale antideutsche Schweinepresse schweigt, weil es ein feiger Hühnerhaufen ist. [Gejohle, Lügenpresse-Rufe] Liebe Freunde, ich muss keinem erzählen, was in vorgefallen ist, als es angeblich die vielen Hitlergrüße gab. Als auf einmal linksgerichtete, mit RAF-Tattoos, auf einmal den Gruß gezeigt haben. Dieses Lumpenpack ist nicht besser als damals zu DDR-Zeiten. Die sind 1000 Mal… [unverständlich] [Gejohle und Geklatsche]. Und natürlich werden sie heute wieder berichten: Ja, da waren die krassen, die bösen, die Neonazis auf der Straße, die Hetzer. Nein, es sind keine Hetzer und es sind auch keine Neonazis, es sind Familienväter und Mütter, die auf die Straße gehen... [unverständlich] [Gejohle und Geklatsche].

[An die gerichtet] Jeder dieser in blau gehaltenen, charakterlosen Söldner, die hier stehen: Ihr müsstet Eure Helme wegschmeißen, ihr müsstet hier mit dem Volk stehen und Widerstand leisten.[Gejohle und Geklatsche]. Dieser Staat, der sich Rechtsstaat nennt, ist kein Rechtsstaat mehr, das ist ein Vasall und nichts weiter. Und diesen Marionetten in der Regierungen - da ist es scheißegal, ob Landtag, Kreistag, Gemeindera - das sind die Verbrecher, denen gehört die Tür eingetreten.[Gejohle und Geklatsche.] Ich meine das mit dem Tür eintreten natürlich verbal.

[In etwa: Natürlich sagen die Politiker wieder:] Dann lass sie doch laufen. Denen geben wir wieder ein Ventil, wie in Chemnitz. Lass sie doch mit 10.000 laufen, mit 15, mit 20, mit 30.000. Wie bei Pegida. Denn es ist ja wie ein Teekessel, es funktioniert ja nach demselben Schema. Die Hornochsen laufen im Kreis, schreien "Wir sind das Volk”, blöken ein bisschen rum und das war es. Das einzige, was diese Scheiß -Piep-Kunden verstehen, ist, wenn man sie zu Hause stellt, wenn man vor ihren Türen auf sie wartet. Wenn sie genau das wiederbekommen, was sie uns zumuten. Und zwar Auge um Auge, Zahn um Zahn. [Gejohle und Geklatsche.]

Dann höre ich schon wieder: Ja, die haben gehetzt und das ist wieder ein ewig Gestriger. Blablabla. Man kann diesen Irrsinn ja gar nicht mehr hören. Man kann es einfach nicht mehr hören. Und die hoffen ja wieder, gut, jetzt hat sich das abgekühlt in Chemnitz, die Zahlen gehen wieder nach unten, wir halten das schon irgendwie aus. Nein, liebe Freunde, es bringt uns nicht weiter, wenn wir zu Hunderttausenden selbst auf die Straße gingen, würde diese bucklige Brotspinne (?) es aussitzen. Sie würde drüber lachen und sagen: Lass sie doch laufen, lass sie doch laufen. Irgendwann haben wir Weihnachten und die Leute sind wieder abgelenkt. Ich sage euch eins: Der 9. November ist ein Schicksalstag für das deutsche Volk und der soll auch wieder zum Schicksalstag werden und diese Verbrecher… [unverständlich] [Gejohle und Geklatsche].

Liebe Freunde! Viel schlimmer ist, dass wir uns alles gefallen lassen. Wir lassen uns alles gefallen. Wir lassen uns einpferchen, wir lassen uns niederbrüllen, wir lassen uns in irgendwelche Schubladen stecken. Alles wird mit uns gemacht. Weil wir ein friedliches Volk sind. Ein Volk, das mit anderen Völkern gerne zusammen leben möchte. Aber – und das ist ein großes Aber: Wir müssen endlich erwachen und sagen: Die wollen nicht friedlich mit uns leben. Also: Auge um Auge, Zahn um Zahn.[unverständlich] [Gejohle und Geklatsche]

Und wenn diese Goldstücke aus Übersee von diesen charakterlosen Marionetten eingeladen wurden, dann sollen doch diese charakterlosen Marionetten diese Goldstücke auch aufnehmen. Ich glaube nicht, dass eine von diesen Mistmaden – und so möchte ich sie nennen – nicht eine von diesen Mistmaden hat die Courage, einen von diesen Goldstücken aufzunehmen, weil sie feige sind.[Gejohle und Geklatsche]

Aber dem deutschen Volk kann man es aufbürden. In nicht einmal fünf Jahren haben wir mittlerweile Zustände, wofür der Westen 30, 40, 50 Jahre gebraucht hat. 70. Was in den nächsten fünf,sechs Jahren hier passieren wird, kann ich euch sagen: Und zwar die Generation, die von diesen Raketenwissenschaftlern hier hergekommen sind, die vermehren sich natürlich reichhaltig, das ist ja denen ihre Aufgabe. Und was passiert? Es entstehen neue Generationen, Generation für Generation. Und ich möchte jedem eine kleine Rechenaufgabe mitgeben. Weil viele ja denken: Mein Gott, das sind ja nur Minderheiten. Nein. Wir haben mittlerweile acht Milliarden Menschen auf der Erde. Acht Milliarden. Das sind ergo achttausend Millionen. Ihr könnt mal ausrechnen oder schätzt doch mal, wie viele davon noch weiß sind? Das kann ich Euch sagen: Zwischen 300 und 400 Millionen. Wir sind mittlerweile eine Minderheit. Aber eine Minderheit, die eine Faust hat und sich wehren wird. [Gejohle und Geklatsche.)

Ich habe selber viele Kinder. Und wenn ich das in meiner Heimatstadt in Thüringen sehe: Das Volk ist einfach charakterlos, mutlos und hat sich aufgegeben. Weil man immer wieder dieselbe Frage und dieselbe Antwort bekommt: Ja, was sollen wir denn machen? Liebe Freunde: In nicht mal 24 Stunden haben sich hier zigtausende Menschen eingefunden und zwar, um diesem Menschen das letzte Geleit zu geben. Warum haben wir nicht den Mut und die Kraft, uns nach Berlin zu bewegen und sie zum Teufel zu jagen? [Gejohle und Geklatsche.]

Es wird der Tag kommen, da werden uns eines Tages unsere Kinder mit weinerlichen Augen anschauen und sagen: Vater, Mutter, was hast Du in den Jahren dieser Invasion getan? Saßt Du zu Hause? Hast Fernsehen geglotzt? Warst zu feige? Bist raus gegangen? Hast Dir schön auf die Fresse hauen lassen? Oder willst Du sagen: Mein Kind, ich war einer von den Zehntausenden, die auf die Straße gegangen sind und habe für Deine Zukunft gekämpft... [unverständlich] [Gejohle und Geklatsche].

Liebe Freunde, das ist ein offenes Mikrofon. Wie gesagt: Jeder, der will, kann seiner Wut auch einfach mal freien Lauf lassen. Der kann was dazu sagen. Denn das, was hier abläuft, was hier geschehen ist, und zwar ist das Abschlachten des deutschen Volkes. Wie viele Straftaten erfahren wir mittlerweile gar nicht mehr? Und mittlerweile ist es ja so: Eine Vergewaltigung oder eine schwere Körperverletzung – das interessiert ja schon gar keinen mehr. Und zwar aus dem einfachen Grund: Die Presse schweigt und sagt dann irgendwo, es gab da eine Auseinandersetzung zwischen ein paar Jugendlichen. Liebe Freunde, weil die genau wissen, was hier abläuft. Denen geht der Arsch auf Grundeis. Ich kann Euch sagen: '89 war ein Possenspiel dagegen. Wenn wir noch einmal die Macht bekommen, dann werden diese Flitzpiepen sich im dunklen Kellerverließ wiederfinden... [Gejohle und Geklatsche / Satzende unverständlich].

Widerstand! Widerstand! Widerstand!

Ich kann nur jedem empfehlen: Wenn ihr morgen auf Arbeit geht, wenn ihr morgen in die Schule geht, wenn ihr [unverständlich] bei Verwandten seid, Eltern, dann tragt diesen Punkt mit, dann erzählt ihnen, was eigentlich hier in Ostdeutschland oder hier in diesen ganzen Gemeinden eigentlich los ist. Und zwar ist es Krieg und das kann man wirklich so sagen. Ein Rassenkrieg gegen das deutsche Volk, was hier passiert und dagegen müssen wir uns wehren. [Gejohle und Geklatsche.] Wollt Ihr weiterhin die Schafe bleiben, die blöken, oder wollt Ihr zu Wölfen werden und sie zerfetzen? Danke schön! [Gejohle und Geklatsche.]

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